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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
145
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Heinrich Heine über Ludwig Börne. 148

ich mußte politische Aunnlcn herausgeben. Zeitinteressen vortragen,revolutionäre Wünsche anzetteln, die Leidenschaften aufstacheln, denarmen deutschen Michel bestandig an der Nase zupfen, daß er ausseinein gesunden Riesenschlaf erwache . . . Freilich, ich konnte dadurchbei dem schnarchenden Giganten nur ein sanftes Niesen, keineswegsaber ein Erwachen bewirken , , . Und riß ich auch heftig an seinemKopfkissen, so rückte er es sich doch wieder zurecht mit schlaftrunkenerHand , , . Einst wollte ich aus Verzweiflung seine Nachtmütze inBrand stecken, aber sie war so feucht von Gedankcnschweiß. daß sienur gelinde rauchte . . , und Michel lächelte im Schlummer . . .

Ich bin müde und lechze nach Ruhe. Ich »verde mir ebenfallseine deutsche Nachtmütze anschaffen und über die Ohren ziehen.Wenn ich nur wüßte, wo ich jetzt »nein Haupt niederlegen kann. InDeutschland ist es unmöglich. Jeden Augenblick würde ein Polizei-dicner herankommen und mich rütteln, um zu erproben, ob ich wirk-lich schlafe; schon diese Idee verdirbt mir aller' Behagen. Aber inder That. Ivo soll ich hin? Wieder nach Süden? Nach dem Lande.Ivo die Citronen blühen und die Goldorangen? Ach! vor jedemCitronenbaum steht dort eine österreichische Schildwache. und donnertdir ein schrecklichesWer da!" entgegen. Wie die Citronen. so sindauch die Goldorangen jetzt sehr sauer. Oder soll ich nach Norden?Etiva nach Nordosten? Ach! die Eisbären sind jetzt gefährlicher alsje. seitdem sie sich civilisicrcu und Glacehandschuhe tragen. Oder sollich wieder nach dem verteufelten England, wo ich nicht in skÜAishängen, wie viel weniger in Person leben möchte! Man sollte einemnoch Geld dazu geben, um dort zu wohnen, und statt dessen kosteteinem der Aufenthalt in England doppelt so viel, wie an andernOrten. Nimmermehr nach diesem schnöden Lande, wo die Maschinensich wie Menschen, und die Menschen »nie Maschinen gebärden. Dasschnurrt und schweigt so beängstigend. Als ich dem hiesigen Gouver-neur präsentiert wurde, und dieser Stvckcngländer mehrere Minuten,ohne ein Wort zu sprechen, unbeweglich vor mir stand, kam es mirunwillkürlich in den Sinn, ihn einmal von hinten zu betrachten, umnachzusehen, ob man etiva dort vergessen habe, die Maschine auf-zuziehen. Daß die Insel Helgoland unter britischer Herrschaft steht,ist mir schon hinlänglich fatal. Ich bilde mir manchmal ein, ichröche jene Langeweile, welche Albions Söhne überall ausdünsten.In der That, aus jedem Engländer entwickelt sich ein gewisses Gas,die tödliche Stickluft der Langeweile, und dieses habe ich mit eigenenAugen beobachtet, nicht in England, Ivo die Atmosphäre ganz davongeschwängert ist, aber in südlichen Ländern, wo der reisende Briteisoliert umherwandert, und, die graue Aureole der Langeweile, diesein Haupt umgiebt, in der sonnig blauen Luft recht schneidend sicht-bar wird. Die Engländer freilich glauben, ihre dicke Langeweile seiHeine's W crke. XI. Vd.