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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
127
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Heinrich Heine über Ludwig Börne. 127

den wenigsten verstanden werden. Nur so viel will ich bemerken,daß, um vollendete Prosa zu schreiben, unter anderem auch einegroße Meisterschaft in metrischen Formen erforderlich ist. Ohne einesolche Meisterschaft fehlt dem Prosaiker ein gewisser Takln es ent-schlüpfen ihm Wortfügungen, Ausdrücke, Cttsuren und Wendungen,die nur in gebundener Rede statthast sind, und es entsteht ein ge-heimer Mißlaut, der nur wenige, aber sehr feine Ohren verletzt.

Wie sehr ich aber auch geneigt war, an der Außenschale, andem Stile Börnes zu mäkeln, und namentlich, Ivo er nicht beschreibt,sondern räsonniert, die kurzen Sätze seiner Prosa als eine kindischellnbeholfenheit zu betrachten, so ließ ich doch dem Inhalt, dem Kernseiner Schriften die reichlichste Gerechtigkeit widerfahren, ich verehrtedie Originalität, die Wahrheitsliebe, überhaupt den edlen Charakter,der sich durchgängig darin aussprach, und seitdem verlor ich den Ver-fasser nicht mehr aus dem Gedächtnis. Man hatte mir gesagt, daßer noch immer zu Frankfurt lebe, und als ich mehrere Jahre später,Anno 1S27, durch diese Stadt reisen mußte, um mich nach Münchenzu begeben, hatte ich mir bestimmt vorgenommen, dem Doktor Börnein seiner Behausung meinen Besuch abzustatten. Dies gelang mir,aber nicht ohne vieles llmherfrngen und Fehlsnchen; tiberall wo ichmich nach ihm erkundigte, sah man mich ganz befremdlich an, undman schien in seinem Wohnorte ihn entweder wenig zu kennen, odersich noch weniger um ihn zu bekümmern. Sonderbar! Hören wirin der Ferne von einer Stadt, wo dieser oder jeuer große Mannlebt, unwillkürlich denken wir uns ihn als den Mittelpunkt der Stadt,deren Dächer sogar von seinem Ruhme bestrahlt würden. Wiewundern wir uns nun, wenn wir in der Stadt selbst anlangenund den großen Mann wirklich darin aufsuchen wollen und ihn erstlange erfragen müssen, bis wir ihn unter der großen Menge heraus-finden! So sieht der Reisende schon in weiter Ferne den hohenDom einer Stadt; gelangt er aber in ihr Weichbild selbst, so ver-schwindet derselbe wieder seinen Blicken und erst hin und her wandernddurch viele krumme und enge Sträßchen kommt der große Turm-bau wieder zum Vorschein, in der Nähe von gewöhnlichen Häusernund Butiken, die ihn schier verborgen halten . . .

Ich hatte Mühe, den Mann wieder zu erkennen, dessen früheresAussehen mir noch lebhaft im Gedächtnisse schwebte. Keine Spurmehr von vornehmer Unzufriedenheit und stolzer Vcrdüsteruug. Ichsah jetzt ein zufriedenes Männchen, sehr schmächtig, aber nicht krank,ein kleines Köpfchen mit schwarzen glatten Härchen, auf den Wangensogar ein Stück Röte, die lichtbranneu Augen sehr munter, Gemüt-lichkeit in jedem Blick, in jeder Bewegung, auch im Tone. Dabeitrug er ein gesticktes Kamisölchen von grauer Wolle, welches, enganliegend wie ein Ringpanzer, ihm ein drollig märchenhaftes Au-