Florentinische Nächte. 128
Tvnpet trug, schien etwas gewachsen zu sein, vielleicht weil er sogräßlich abgemagert war. Er zeigte wieder seine Fechterkünste undschien auch seine alten Prahlereien wieder abzuhaspeln; er sprachjedoch so leise, daß ich kein Wort verstand, und nur an seinerLippenbeweguug konnte ich manchmal merken, daß er wieder wie einHahn krähte.
„Während diese lächerlich grauenhaften Zerrbilder wie ein Schatten-spiel mit unheimlicher Hast sich vor meinen Augen bewegten, fühlteich, wie Mademoiselle Laurencc immer unruhiger atmete. Ein kallerSchauer überfröstelte ihren ganzen Leib, und wie von unerträglichenSchmerzen zuckten ihre holden Glieder. Endlich aber, geschmeidigwie ein Aal, glitt sie aus meinen Armen, stand plötzlich mitten imZimmer und begann zu tanzen, während die Mutter mit der Trommelund der Zwerg mit dem Triangel ihre gedämpfte, leise Musik ertönenließen. Sic tanzte ganz wie ehemals an der Waterloobrücke und ansden Karrefonrs von London. Es waren dieselben geheimnisvollenPantomimen, dieselben Ausbrüche der leidenschaftlichsten Sprünge,dasselbe bacchantische Zurückwerfen des Hauptes, manchmal auchdasselbe Hinbeugen nach der Erde, als wolle sie horchen, was manunten spräche, dann auch das Zittern, das Erbleichen, das Erstarren,und wieder aufs neue das Horchen mit nach dem Boden gebeugtemOhr. Auch rieb sie wieder ihre Hände, als ob sie sich wüsche. End-lich schien sie auch wieder ihren tiefen, schmerzlichen, bittenden Blickauf mich zu werfen . . . aber nur in den Zügen ihres todblassenAntlitzes erkannte ich diesen Blick, nicht in ihren Augen, denn diesewaren geschlossen. In immer leiseren Klängen verhallte die Musik;die Trommelmutter und der Zwerg, allmählich verbleichend und wieNebel zcrguirlend, verschwanden endlich ganz; aber MademoiselleLanrcnce stand noch immer und tanzte mit verschlossenen Augen.Dieses Tanzen mit verschlossenen Augen im nächtlich stillen Zimmergab diesem holden Wesen ein so gespenstisches Aussehen, daß mirsehr unheimlich zu Mute wurde, daß ich manchmal schauderte, undich war herzlich froh, als sie ihren Tanz beendigt hatte und wiederebenso geschmeidig, wie sie fortgehuscht war, in meine Arme glitt.
„Wahrhaftig, der Anblick dieser Scene Halle für mich nichts An-genehmes. Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, lind es istsogar möglich, daß das Unheimliche diesem Weibe einen noch be-sonderen Reiz verlieh, daß sich meinen Empfindungen eine schauer-liche Zärtlichkeit beimischte . . . genug, nach einigen Wochen wunderteich mich nicht mehr im mindesten, wenn des Nachts die leisen Klängevon Trommel und Triangel ertönten, und meine teure LanrcncePlötzlich aufstand und mit verschlossenen Augen ein Solo tanzte.Ihr Gemahl, der alte Bvnapartist, kommandierte in der Gegend vonParis, und seine Dienstpflicht erlaubte ihm nur die Tage in der