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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
99
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Florentinische Nächte. gg

waren eigentlich nur das verhallende Echo jener Vivlinentöne. Eineunnennbare heilige Inbrunst wohnte in diesen Klängen, die manch-mal kaum hörbar erzitterten, wie geheimnisvolles Flüstern auf demWasser, dann wieder süßschauerlich anschwollen, wie Waldhorntöne imMondschein, und dann endlich mit ungezügeltem Jubel dahinbrausten,als griffen tausend Barden in die Saiten ihrer Harfen und erhübenihre Stimmen zu einem Siegeslicde, Das waren Klange, die niedas Ohr hört, sondern nur das Herz träumen kann, wenn es desNachts am Herzen der Geliebten ruht. Vielleicht auch begreift siedas Herz am hellen, lichten Tage, wenn es sich jauchzend versenkt indie Schönheitslinien und Ovale eines griechischen Kunstwerks . . ."

„Oder wenn man eine Bouteille Champagner zu viel getrunkenhat!" ließ sich plötzlich eine lachende Stimme vernehmen, die unserenErzähler wie aus einem Traume weckte. Als er sich umdrehte, er-blickte er den Doktor, der in Begleitung der schwarzen Deborah ganzleise ins Zimmer getreten war, um sich zu erkundigen, wie seineMedizin auf die Kranke gewirkt habe.

„Dieser Schlaf gefällt mir nicht," sprach der Doktor, indem ernach dem Sofa zeigte.

Maximilian, welcher, versunken in den Phantasmen seiner eigenenRede, gar nicht gemerkt hatte, daß Maria schon lange eingeschlafenwar, biß sich verdrießlich in die Lippen.

„Dieser Schlaf," fuhr der Doktor fort, „verleiht ihrem Antlitzschon ganz den Charakter des Todes. Sieht es nicht schon aus wiejene weißen Masken, jene Gipsabgüsse, worin wir die Züge der Ver-storbenen zu bewahren suchen?"

„Ich möchte wohl," flüsterte ihm Maximilian ins Ohr, „vondem Gesichte unserer Freundin einen solchen Abguß aufbewähren.Sie wird auch als Leiche noch sehr schön sein."

„Ich rate Ihnen nicht dazu," entgegnete der Doktor. „SolcheMasken verleiden uns die Erinnerung an unsere Lieben. Wirglauben, in diesem Gipse sei noch etwas von ihrem Leben enthalten,und was wir darin aufbewahrt haben, ist doch ganz eigentlich derTod selbst. Regelmäßig schöne Ziige bekommen hier etwas grauen-haft Starres, Verhöhnendes, Fatales, wodurch sie uns mehr erschreckenals erfreuen. Wahre Karikaturen aber sind die Gipsabgüsse von Ge-sichtern, deren Reiz mehr von geistiger Art war, deren Züge wenigerregelmäßig als interessant gewesen; denn sobald die Grazien des Lebensdarin erloschen sind, werden die wirklichen Abweichungen von denidealen Schönheitslinien nicht mehr durch geistige Reize ausgeglichen.Gemeinsam ist aber allen diesen Gipsgesichtern ein gewisser rätsel-hafter Zug, der uns bei längerer Betrachtung aufs unleidlichste dieSeele durchfröstelt: sie sehen alle aus wie Menschen, die im Begriffesind, einen schweren Gang zu gehen."

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