Florentimsche Nächte. 91
die mehr dem Traumrcich der Poesie als der rohen Wirklichkeit desLebens zu gehören scheinen, Konturen, die an Da Vinci erinnern,jenes edle Oval mit den naiven Wangengrübchen nnd dem sentimentalspitz zulaufenden Kinn der lombardijchen Schule. Die Färbung mehrrömisch sanft, matter Perlenglnnz, vornehme Blässe, Mvrbidezza.Kurz, es war ein Gesicht, wie es mir auf irgend einem altitalienischenPorträt gefunden wird, das etwa eine von jenen großen Damen vor-stellt, worin die italienischen Künstler des sechzehnten Jahrhundertsverliebt waren, wenn sie ihre Meisterwerke schufen, woran die Dichterjener Zeiten dachten, wenn sie sich unsterblich sangen, nnd wonachdie deutschen und französischen Kriegshelden Verlangen trugen, wennsie sich das Schwert umgürteten und thatcnsüchtig über die Alpenstürzten ... Ja, ja so ein Gesicht war es, worauf ein Lächeln dersüßesten Schadenfreude nnd des vornehmsten Mutwillens spielte,während sie, die schöne Dame, mit der Spitze des spanischen Rohrsden blonden Lockenbau des guten Bellini zerstörte. In diesem Augen-blick erschien mir Bellini wie berührt von einem Zanberstttbchen, wieumgewandelt zu einer durchaus befreundeten Erscheinung, und erwurde meinem Herzen auf einmal verwandt. Sein Gesicht erglänzteim Wiederschein jenes Lächelns, es war vielleicht der blühendste Momentseines Lebens . . . Ich werde ihn nie vergessen . . . Vierzehn Tagenachher las ich in der Zeitung, daß Italien einen seiner rühmlichstenSöhne verloren!
„Sonderbar! Zu gleicher Zeit wurde auch der Tod Paganinisangeze igt. An diesem Todesfall zweifelte ich keinen Augenblick, dader alte, fahle Paganini immer wie ein Sterbender aussah; doch derTod des jungen, rosigen Bellini kam mir unglaublich vor. Und dochwar die Nachricht vom Tode des ersteren nur ein Zeitungs-Jrrtum,Paganini befindet sich frisch und gesund zu Genua, nnd Bellini liegtim Grabe zu Paris!"
„Lieben Sie Paganini?" frug Maria.
„Dieser Mann," antwortete Maximilian, „ist eine Zierde seinesVaterlandes und verdient gewiß die ausgezeichnetste^ Erwähnung,wenn man von den musikalischen Notabilitäten Italiens sprechen will."
„Ich habe ihn nie gesehen," bemerkte Maria, „aber dem Rufenach soll sein Äußeres den Schönheitssinn nicht vollkommen befrie-digen. Ich habe Porträts von ihm gesehen . . ."
„Die alle nicht ähnlich sind," fiel ihr Maximilian in die Rede;„sie verhäßlichen oder verschönern ihn, nie geben sie seinen wirklichenCharakter. Ich glaube, es ist nur einem einzigen Menschen gelungen,die wahre Physiognomie Paganinis anss Papier zu bringen; es istein tauber Maler, Namens Lyscr, der in seiner geistreichen Tollheitmit wenigen Kreidestrichen den Kops Paganinis so gut getroffen hat,daß man' ob der Wahrheit der Zeichnung zugleich lacht nnd erschrickt.