90 Novellistische Fragmente.
Haftes gesagt zu haben glaubte, so bildete sein Gesicht mit seinemWorte eben den allertollslcn Kontrast. Das, was mir an seinemGesichte mißfallen konnte, trat dann um so schneidender hervor. Das,was mir da mißfiel, war aber nicht von der Art, daß es just als einMangel bezeichnet werden konnte, und am wenigsten mag es wohlden Damen ebenfalls nnerfrensam gewesen sein. Bcllinis Gesicht,wie seine ganze Erscheinung, hatte jene physische Frische, jene Fleisch-blütc, jene Rvsenfarbe, die auf mich einen unangenehmen Eindruckmacht, auf mich, der ich vielmehr das Totenhafte und das Marmorneliebe. Erst späterhin, als ich Belliui schon lange kannte, empfandich für ihn einige Neigung. Diese entstand namentlich, als ich be-merkte, daß sein Charakter durchaus edel und gut war. Seine Seeleist gewiß rein und unbefleckt geblieben von allen häßlichen Be-rührungen. Auch fehlte ihm nicht die harmlose Gutmütigkeit, daSKindliche, das wir bei genialen Menschen nie vermissen, wenn sie auchdergleichen nicht für jedermann zur Schau tragen.
„In, ich erinnere mich" — fuhr Maximilian fort, indem er sichauf den Sessel niederließ, an dessen Lehne er sich bis jetzt aufrechtgestützt hatte — „ich erinnere mich eines Augenblickes, wo mir Belliuiin einem so liebenswürdigen Lichte erschien, daß ich ihn mit Vergnügenbetrachtete und mir vornahm, ihn näher kennen zu lernen. Aber eswar leider der letzte Augenblick, wo ich ihn in diesem Leben sehensollte. Dieses war eines Abends, nachdem wir im Hanse einer großenDame, die den kleinsten Fuß in Paris hat, miteinander gespeist undsehr heiter geworden, und am Fortepiano die süßesten Melodien er-klangen . . . Ich sehe ihn noch immer, den guten Bcllini, wie erendlich, erschöpft von den vielen tollen Bellinismen, die er geschwatzt,sich ans einen Sessel niederließ . . . Dieser Sessel war sehr niedrig,fast wie ein Bänkcheu, so daß Bellini dadurch gleichsam zu den Füßeneiner schönen Dame zu sitzen kam, die sich ihm gegenüber auf einSofa hingestreckt hatte und mit süßer Schadenfreude ans Bcllini hinab-sah, während dieser sich abarbeitete, sie mit einigen Redensarten zuunterhalten, und er immer in die Notwendigkeit geriet, das, was ereben gesagt hatte, in seinem sizilianischen Jargon zu kommentieren,um zu beweisen, daß es keine Svttisc, sondern im Gegenteil die feinsteSchmeichelei gewesen sei. Ich glaube, daß die schöne Dame aufBelliuis Redensarten gar nicht hinhörte: sie hatte ihm sein spanischesRöhrchen, womit er seiner schwachen Rhetorik manchmal zu Hilfekommen wollte, aus den Händen genommen, und bediente sich dessen,um den zierlichen Lockenban an den beiden Schläfen des jungenMaestro ganz ruhig zu zerstören. Diesem mutwilligen Geschäfte galtwohl jenes Lächeln, das ihrem Gesichte einen Ausdruck gab, wie ichihn nie auf einem lebenden Menschenantlitz gesehen. Nie kommt mirdieses Gesicht aus dem Gedächtnisse! ES war eins jener Gesichter,