44 Novellistische Fragmente.
guten Namen. In der That, für einen Namen gab es keine leichtereHinrichtungsmaschine als Madame Piepers Maul; sie ließ ihn nichtlange zappeln, sie machte keine langwichtige Vorbereitungen; warderbeste gute Name zwischen ihre Zähne geraten, so lächelte sie nur —aber dieses Lächeln war wie ein Fallbeil, und die Ehre war ab-geschnitten und fiel in den Sack. Sie war immer ein Muster vonAustand, Ehrsamkeit, Frömmigkeit und Tugend. Von MadameSchnieper ließ sich dasselbe rühmen. Es war eine zarte Frau, kleineängstliche Brüste, gewöhnlich mit einem wehmütig dünnen Flor um-geben, hellblonde Haare, hellblaue Augen, die entsetzlich klug hervor-stachen aus dem weißen Gesichte. Es hieß, man könne ihren Trittnie hören, nnd wirklich, ehe man sich dessen versah, stand sie oft nebeneinem, und verschwand dann wieder ebenso geräuschlos. Ihr Lächelnwar ebenfalls tödlich für jeden guten Namen, aber minder wie einBeil, als vielmehr wie jener afrikanische Giftwind, von dessen Hauchschon alle Blumen verwelken; elendiglich verwelken mußte jeder guteName, über den sie nur leise hinlächelte. Sie war immer ein Mustervon Anstand, Ehrsamkeit, Frömmigkeit und Tugend.
Ich würde nicht ermangeln, mehrere von den Söhnen Hammoniasebenfalls hcrvorzuloben und einige Männer, die man ganz besondershochschätzt — namentlich diejenigen, welche man auf einige MillionenMark Banco zu schätzen Pflegt — aufs prächtigste zu rühmen; aberich will in diesem Augenblick meinen Enthusiasmus unterdrücken,damit er späterhin in desto helleren Flammen emporlodere. Ich habenämlich nichts Geringeres im Sinn, als einen Ehrentempel Hamburgsherauszugeben, ganz nach demselben Plane, welchen schon vor zehnJahren ein berühmter Schriftsteller entworfen hat, der in dieser Ab-sicht jeden Hamburger aufforderte, ihm ein specifizicrtcs Jnventarinmseiner specicllen Tugenden, nebst einen: Species-Thaler, aufs schleu-nigste einzusenden. Ich habe nie recht erfahren können, warum dieserEhrentempel nicht zur Ausführung kam; denn die einen sagten, derUnternehmer, der Ehrenmann, sei, als er kaum von Naron bisAbendrot gekommen und gleichsam die ersten Klötze eingerammt, vonder Last des Materials schon ganz erdrückt worden; die andernsagten, der hoch- und wohlweise Senat habe aus allzu großer Be-scheidenheit daS Projekt hintertrieben, indem er dem Baumeister seineseigenen Ehrentempels plötzlich die Weisung gab, binnen 24 Stundendas hamburgische Gebiet mit all seinen Tugenden zu verlassen. Abergleichviel ans welchem Grunde, das Werk ist nicht zustande gekommen;und da ich ja doch einmal aus angeborener Neigung etwas Großesthnn wollte in dieser Welt und immer gestrebt habe das Unmöglichezu leisten, so habe ich jenes ungeheure Projekt wieder aufgefaßt, nndich liefere einen Ehrenteinpel Hamburgs, ein unsterbliches Riesenbuch,worin ich die Herrlichkeit aller seiner Einwohner ohne Ausnahme