Memoiren des Herrn von Schnadelcwopski. 43
und niemanden täuschen, Männer, die das Theater zum Gotteshauscmachen, indem sie den Unglücklichen, der an der Menschheit ver-zweifelt, aufS wirksamste überzeugen, daß nicht alles in der Welt eitelHeuchelei und Verstellung ist.
Bei Aufzählung der Merkwürdigkeiten der Republik Hamburgkann ich nicht umhin zu erwähnen, daß zu meiner Zeit der Apollo-saal auf der Drehbahn sehr brillant war. Jetzt ist er sehr herunter-gekommen, und es werden dort philharmonische Konzerte gegeben,Taschenspielerknnste gezeigt und Naturforscher gefüttert, Einst wares anders! Es schmetterten die Trompeten, es wirbelten die Pauken,es flatterten die Straußfedern, und Heloise und Minka rannten durchdie Reihen der Oginski-Polonaise, und alles war sehr anständig.Schöne Zeit, Ivo mir das Glück lächelte! Und das Glück hieß Heloise!Es war ein süßes, liebes, beglückendes Glück mit Rosenwangen, Lilien-näschen, heißduftigen Nelkenlippen, Augen wie der blaue Bcrgsee;aber etwas Dummheit lag auf der Stirne, wie ein trüber Wolken-flor über einer prangenden FrühlingSlnndschaft, Sie war schlank wieeine Pappel und lebhaft wie ein Vogel, und ihre Haut war so zart,daß sie zwölf Tage geschwollen blieb durch den Stich einer Haarnadel,Ihr Schmollen, als ich sie gestochen hatte, dauerte aber nur zwölfSekunden, und dann lächelte sie — Schöne Zeit, als das Glück mirlächelte! , . , Minka lächelte seltener, denn sie hatte keine schöne Zähne,Desto schöner aber waren ihre Thränen, wenn sie weinte, und sieweinte bei jedem fremden Unglück, und sie war wohlthätig über alleBegriffe, Den Armen gab sie ihren letzten Schilling; sie war sogaroft in der Lage, wo sie ihr letztes Hemd weggab, wenn man es ver-langte, Sie war so seelengut, Sie konnte nichts abschlagen, aus-genommen ihr Wasser, Dieser weiche, nachgiebige Charakter kontra-stierte gar lieblich mit ihrer äußeren Erscheinung, Eine kühne,junonische Gestalt; weißer frecher Nacken, umringelt von wildenschwarzen Locken, wie von wollüstigen Schlangen; Augen, die unterihren düsteren SiegeSbvgen so weltbeherrschend strahlten; pnrpurstolze,hochgewölbte Lippen; marmorne, gebietende Hände, worauf leidereinige Sommersprossen; auch hatte sie in der Form eines kleinenDolches ein braunes Muttermal an der linken Hüfte,
Wenn ich dich in sogenannte schlechte Gesellschaft gebracht, lieberLeser, so tröste dich damit, daß sie dir wenigstens nicht so viel gekostetwie mir. Doch wird es später in diesem Buche nicht an idealischenFrauenspersonen sehlen, und schon jetzt will ich dir zur Erholungzwei Anstandsdamen vorführen, die ich damals kennen und verehrenlernte. Es ist Madame Pieper und Madame Schnieper, Erstcrcwar eine schöne Frau in ihren reifsten Jahren, große schwärzlicheAugen, eine große weiße Stirne, schwarze falsche Locken, eine kühnenltrömischc Nase, und ein Maul, das eine Guillotine war für jeden