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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
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40 Novellistische Fragmente.

zehnmal herumdrehen solle, ehe ich ihn ausgäbe, Das befolgte ichauch im Anfang; nachher wurde mir das beständige Herumdrehenviel zu mühsam. Mit jenem Zettel überreichte mir mein Vater auchdie dazu gehörigen Dukaten, Dann nahm er eine Schere, schnittdamit das Zöpfchen von feinem lieben Haupte, und gab mir dasZöpfchcn zum Andenken, Ich besitze es noch, und weine immer, wennich die gepuderten feinen Härchen betrachte

Die Nacht vor meiner Abreise hatte ich folgenden Traum:Ich ging einsam spazieren in einer heiter schönen Gegend amMeer, Es war Mittag, und die Sonne schien ans das Wafser, daßes wie lauter Diamanten funkelte. Hier und da am Gestade erhobsich eine große Aloe, die sehnsüchtig ihre grünen Arme nach demsonnigen Himmel cmpvrstreckte. Dort stand auch eine Trauerweidemit lang herabhängenden Tressen, die sich jedesmal emporhoben, wenndie Wellen heranspülten, so daß sie alsdann wie eine junge Nixe aus-sah, die ihre grünen Locken in die Höhe hebt, um besser hören zukönnen, was die verliebten Lnftgeister ihr ins Ohr flüstern. In derThat, das klang manchmal wie Seufzer und zärtliches Gekvse, DaSMeer erstrahlte immer blühender und lieblicher, immer wohllautenderrauschten die Wellen, und ans den rauschenden glänzenden Wellenschritt einher der silberne Adalbert, ganz wie ich ihn im GnesenerDome gesehen, den silbernen Krnmmstab in der silbernen Hand, diesilberne Bischofsmütze auf dem silbernen Haupte, und er winkte mirmit der Hand und er nickte mir mit dem Haupte, und endlich, alser mir gegenüber stand, rief er mir zu mit unheimlicher Silber-stimme:

Ja, die Worte habe ich wegen des WellengeräuscheS nicht hörenkönnen. Ich glaube aber, mein silberner Nebenbuhler hat mich ver-höhnt, Denn ich stand noch lange am Strande und weinte, bis dieAbenddämmerung heranbrach und Himmel und Meer trüb und blaßwurden und traurig über alle Maßen, Es stieg die Flut, Aloe undWeide krachten und wurden fortgeschwemmt von den Wogen, diemanchmal hastig zurückliefen und desto ungestümer wieder heran-schwollen, tosend, schaurig, in schanmweißen Halbkreisen, Dann aberauch hörte ich ein taktförmiges Geräusch wie Ruderschlag, und endlichsah ich einen Kahn mit der Brandung herantreiben. Vier weißeGestalten, fahle Tvtcngesichter, eingehüllt in Leichentüchern, saßendarin und ruderten mit Anstrengung, In der Mitte des KahneSstand ein blasses, aber unendlich schönes Frauenbild, unendlich zart,wie geformt aus Liliendnft und sie sprang ans Ufer, Der Kahnmit seinen gespenstischen Nnderkncchten schoß Pfeilschnell wieder zurückins hohe Meer, und in meinen Armen lag Panna Jadviga undweinte und lachte:Ich bete dich an!"