28 Novellistische Fragmente.
als möglich hinschmelzen wollte, sprach sie zur schönen Sara: „Ersingt sehr gut. Aber ich habe doch in Holland noch viel besser singenhören, Sic sind fremd und wissen vielleicht nicht, daß es der Vor-sänger anS Worms ist, und daß man ihn hier behalten will, wenner mit jährlichen vierhundert Gulden zufrieden. Es ist ein lieberMann, und seine Hände sind wie Alabaster, Ich halte viel von einerschönen Hand, Eine schone Hand ziert den ganzen Menschen!" —Dabei legte die gute Frau selbstgefällig ihre Hand, die wirklich nochschön war, auf die Lehne des Betpultes, und mit einer graziösenBeugung des Hauptes andeutend, daß sie sich im Sprechen nicht gernunterbrechen lasse, sehte sie hinzu: „Das Singerchen ist noch einKind und sieht sehr abgezehrt aus. Der Baß ist gar zu häßlich, undunser Stern hat mal sehr witzig gesagt: Der Baß ist ein größererNarr als man von einem Baß zu verlangen braucht! Alle dreispeisen in meiner Garküche, und Sie wissen vielleicht nicht, daß ichElle Schnapper bin,"
Die schöne Sara dankte für diese Mitteilung, wogegen wiederdie Schnapper-Elle ihr ausführlich erzählte, wie sie einst in Amsterdamgewesen, dort wegen ihrer Schönheit gar vielen Nachstellungen unter-worfen war,, und wie sie drei Tage vor Pfingsten nach Frankfurtgekommen und den Schnapper geheiratet, wie dieser am Ende ge-storben, wie er auf dem Totenbette die rührendsten Dinge gesprochen,und wie es schwer sei, als Vorsteherin einer Garküche die Hände zukonservieren. Manchmal sah sie nach der Seite mit wegwerfendemBlicke, der wahrscheinlich einigen spöttischen jungen Weibern galt, idie ihren Anzug musterten. Merkwürdig genug war diese Kleidung:ein weit ausgcbauschter Rock von weißem Atlas, worin alle Tierartender Arche Nonh grellfarbig gestickt, ein Wams von Goldstoff wie einKüraß, die Ärmel von rotem Saint, gelb geschlitzt, auf dem Haupteeine unmenschlich hohe Mütze, um den Hals eine allmächtige Krausevon weißem Steiflinnen, sowie auch eine silberne Kette, woran allerleiSchaupfennige, Kameen und Raritäten, unter andern ein großesBild der Stadt Amsterdam, bis über den Busen herabhiugen, Aberdie Kleidung der übrigen Frauen war nicht minder merkwürdig undbestand wohl aus einem Gemische von Moden verschiedener Zeiten,und manches Weiblein, bedeckt mit Gold und Diamanten, glich einemwandelnden Jnwelierladcn, Es war freilich den Frankfurter Judendamals eine bestimmte Kleidung gesetzlich vorgeschrieben, und zurUnterscheidung von den Christen sollten die Männer an ihren Mäntelngelbe Ringe und die Weiber an ihren Mützen hochaufstehende blau-gestreifte Schleier tragen. Jedoch im Judcuquartier wurde dieseobrigkeitliche Verordnung wenig beachtet, und dort, besonders an Fest-tagen und zumal in der Synagoge, suchten die Weiber so viel Kleider-pracht als möglich gegeneinander auszukramen, teils um sich beneiden