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11 (1898) Ludwig Börne Novellistische Fragmente
Entstehung
Seite
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Der Rabbi von Bacharach. 23

seinen Gedanken nicht gern gestört sein möchte, und nachdem er dasThor wieder sorgsam verschlossen, schlappte er, ohne ein Wort zureden, nach einem Winkel hinter dein Thore, beständig Gebete vorsich hinmurmelnd. Minder schweigsam war Jäkel der Narr, einuntersetzter, etwas krummbeiniger Gesell, mit einem lachend vollrotenAntlitz und einer unmenschlich grossen Fleischhand, die er aus denweiten Nrmcln seiner buntscheckigen Jacke zum Willkomm hervorstrecktc.Hinter ihm zeigte oder vielmehr barg sich eine lange magere Gestalt,der schmale Hals weiß befiedert von einer feinen batistenen Krause,und das dünne, blasse Gesicht gar wundersam geziert mit einer fastunglaublich langen Nase, die sich neugierig angstvoll hin und her bewegte.

„Gott willkommen! zum guten Festtag!" — rief Jäkel der Narr— „wundert euch nicht, daß jetzt die Gasse so leer und still ist. Alleunsere Leute sind jetzt in der Synagoge, und ihr kommt eben zurrechten Zeit, um dort die Geschichte von der Opferung Isaaks vor-lesen zu hören. Ich kenne sie, es ist eine interessante Geschichte, undwenn ich sie nicht schon dreiunddreißig mal angehört hätte, so würdeich sie gern dies Jahr noch einmal hören. Und es ist eine wichtigeGeschichte, denn wenn Abraham den Isaak wirklich geschlachtet hätte,und nicht den Ziegenbock, so wären jetzt mehr Ziegenböcke und wenigerJuden auf der Welt." — Und mit wahnsinnig lustiger Grimasse fingder Jäkel an, folgendes Lied aus der Agade zu singen:

„Ein Böcklein, ein Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafürzwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein!

„Es kam ein Kätzlein, und aß das Böcklein, das gekauft Bäter-lein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein!

„Es kam ein Hündlein, und biß das Kätzlein, das gefressen dasBöcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böck-lein! ein Böcklein!

„Es kam ein Stöcklein, und schlug das Hündlein, das gebissendas Kätzlein, das gefressen das Böcklcin, das gekauft Bäterlein; ergab dafür zwei Snslein; ein Böcklein! ein Böcklein!

„Es kam ein Feuerlein, und verbraunte das Stöcklein, das ge-schlagen das Hündlein, das gebissen daS Kätzlein, das gefressen dnSBöcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böck-lein! ein Bvcklein!

„Es kam ein Wässcrlein, und löschte das Feuerlein, das ver-brannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen dasKätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Vätcrlein, er gabdafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein!

„Es kam ein Lchslein, und soff das Wttsserlein, das gelöscht dasFenerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein,das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauftBäterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklcin!