Der Rabbi von Bacharach. 19
worunter einige sehr hübsche, gebürdeten sich auf die unzüchtigsteWeise, entblößten ihren weißen, frechen Busen, neckten die Borüber-gehenden mit schamlosen Worten, schwangen ihre langen Wanderstöcke,und indem sie auf letzteren wie ans Steckenpferden die Sankt-Katha-rinenpforte hinabritten, sangen sie mit gellender Stimme das Hexenlied:
„Wo ist der Bock, das Höllentier?
Wo ist der Bock? Und fehlt der Bock,
So reiten wir, so reiten wir,
So reiten wir ans dem Stock!"
Dieser Singsang, den man noch in der Ferne hören konnte,verlor sich am Ende in den kirchlich langgezogenen Tönen einer heran-nahenden Prozession. Das war ein trauriger Zug von kahlköpfigenund barfüßigen Mönchen, welche brennende Wachslichter oder Fahnenmit Heiligenbildern oder auch große silberne Kruzifixe trugen. Anihrer Spitze gingen rot- und weißgcröckte Knaben mit dampfendenWeihrauchkesseln. In der Mitte des Zuges unter einem prächtigenBaldachin sah man Geistliche in weißen Chorhemden von kostbarenSpitzen oder in bnntseidenen Stolen, und einer derselben trug in derHand ein svnnenartig goldenes Gefäß, das er, bei einer Heiligen-nische der Marktccke anlangend, hoch empor hob, wahrend er latei-nische Worte halb rief, halb sang . . . Zugleich crklingelte ein kleinesGlöckchen, und alles Volk ringsum verstummte, fiel auf die Knie undbekreuzte sich. Der Rabbi aber sprach zu seinem Weibe: „Mach dieAugen zu, schöne Sara!" — und hastig zog er sie von hinneu nacheinem schmalen Nebengäßchen, durch ein Labyrinth von engen undkrummen Straßen, und endlich über den unbewohnten, wüsten Platz,der das neue Judcuquartier von der übrigen Stadt trennte.
Vor jener Zeit wohnten die Inden zwischen dem Dom und demMainufer, nämlich von der Brücke bis zum Lnmpcnbrnnncn undvon der Mehlwagc bis zu Sankt Bartholvmäi. Aber die katholischenPriester erlangten eine päpstliche Bulle, die den Inden verwehrte,in solcher Nähe der Hauptkirche zu wohnen, und der Magistrat gabihnen einen Platz ans dem Wallgraben, Ivo sie das heutige Judcu-quartier erbauten. Dieses war mit starken Mauern versehen, auchmit eisernen Ketten vor den Thoren, um sie gegen Pöbclandrnug zusperren. Denn hier lebten die Juden ebenfalls in Druck und Angst,und mehr als hcntzntage in der Erinnerung früherer Nöten. ImJahre 1249 hatte das entzügelte Volk ein großes Blutbad unterihnen angerichtet, welches man die erste Jndenschlacht nannte, undim Jahre 1349, als die Geißler bei ihrem Durchzuge die Stadt an-zündeten und die Inden des Brandstiftens anklagten, wurden diesevon dem aufgereizten Volke zum größten Teile ermordet, oder siefanden den Tod in den Flammen ihrer eigenen Häuser, welches man
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