6 Novellistische Fragmente.
lind auch manchmal ungerufen. Die Geistlichkeit herrschte im Dunkelndurch die Verdunkelung des Geistes. Eine am meisten vereinzelte,ohnmächtige und vom Bürgerrechte allmählich verdrängte Körperschaftwar die kleine Judengcmeinde, die schon zur Römerzcit in Bacharachsich niedergelassen, und späterhin wahrend der großen Judenverfolgungganze Scharen flüchtiger GlanbcnSbrndcr in sich aufgenommen hatte.
Die große Judenverfolgung begann mit den Krenzzügcn undwütete am grimmigsten nin die Mitte des 14. Jahrhunderts, am Endeder großen Pest, die, wie jedes andere öffentliche Unglück, durch dieInden entstanden sein sollte, indem man bebauptetc, sie hätten denZorn Gottes herabgeflncht und mit Hilfe der Aussätzigen die Brunnenvergiftet. Der gereizte Pöbel, besonders die Horden der Flagellanten,halbnackte Männer und Weiber, die, zur Buße sich selbst geißelndund ein tolles Mnrienlied singend, die Rheingegend und das übrigeSnddentschland durchzogen, ermordeten damals viele Tausend Juden,oder marterten sie, oder tauften sie gewaltsam. Eine andere Be-schuldigung, die ihnen schon in früherer Zeit, das ganze Mittelalterhindurch bis Ansang des vorigen Jahrhunderts, viel Blut und Angstkostete, das war das läppische, in Chroniken und Legenden bis zumEkel oft wiederholte Märchen, daß die Inden geweihte Hostien stählen,die sie mit Messern durchstächen, bis das Blut Heransfließe, und daßsie an ihrem Paschafestc Christenkindcr schlachteten, um das Blut derselben bei ihrem nächtlichen Gottesdienste zu gebrauchen. Die Inden,hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres Reichtums und ihrerSchuldbücher, waren an jenem Tage ganz in den Händen ihrerFeinde, die ihr Verderben nur gar zu leicht bewirken konnten, wennsie das Gerücht eines solchen Kindcrmvrds verbreiteten, vielleicht gareinen blutigen Kindcrleichnnm in das verfemte Haus eines Indenheimlich hineinschwärztcn und dort nächtlich die betende Judenfamilicüberfielen, wo alsdann gemordet, geplündert und getaust wurde, undgroße Wunder geschahen durch das vorgefundene tote Kind, welchesdie Kirche am Ende gar kanonisierte. Sankt Werner ist ein solcherHeiliger, nnd ihm zu Ehren ward zu Sbcrwesel jene prächtige Abteigestiftet, die jetzt am Rhein eine der schönsten Ruinen bildet, undmit der gotischen Herrlichkeit ihrer langen spitzbögigcn Fenster, stolzemporschießenden Pfeiler und L-teinschnitzeleien uns so sehr entzückt,wenn wir an einem heiter-grünen Sommertage vorbeifahren nndihren Ursprung nicht kennen. Zu Ehren dieses Heiligen wurden amRhein noch drei andere große Kirchen errichtet, und unzählige Indengetötet oder mißhandelt. Dies geschah im Jahre 1287, nnd anch zuBacharach, Ivo eine von diesen Sankt-Wcrnerskirchen gebaut wurde,erging damals über die Juden viel Drangsal nnd Elend. Doch zweiJahrhunderte seitdem blieben sie verschont von solchcuAnfällenderVvlks-wut, obgleich sie noch immer hinlänglich angefeindet und bedroht wurden.