Dic Götter im Exil. 139
Erinnerungen durchblättere, muß ich ihr eines Tages auf dein Breda-platze begegnet sein, wv sie mir zierlich leichten Schrittes vorüberging;sie trug ein graues Hütchen van gesuchter Einfachheit, und war vomKinn !ns zu den Fersen in einen prachtvollen indischen Shawl ge-hüllt, dessen Saum über das Pflaster hinstreifte. Wofür halten Siediese Frau? sagte ich zu Herrn De Balzac, der mich begleitete. —„Es ist eine unterhaltene Frau," antwortete der Rvmanschreiber. —— Ich war vielmehr der Ansicht, daß sie eine Herzogin sei. Ausden Mitteilungen eines gemeinsamen Freundes, der gerade hinzutrat,ersahen wir, daß wir beide recht gehabt.
Ebensogut, wie den Charakter der Frau Venus, verstand deralte Poet den des Tannhäuser zu schildern, jenes wackeren Ritters,welcher der Chevalier Des Grieux des Mittelalters ist. Welch einschöner Zug ferner, wenn in der Mitte des Liedes Tannhäuser plötz-lich in seinem eigenen Namen zum Publikum zu sprechen beginntund uns erzählt, was eigentlich der Dichter erzählen sollte, nämlichwie er die Welt in Verzweiflung durchpilgert! Wir sehen darin dieUngewandthcit eines bildungsarmen Dichters, aber dergleichen Tönebringen in ihrer Naivetät wunderbare Wirkungen hervor.
Das eigentliche Alter des Tannhäuserliedes wäre schwer zu be-stimmen. Es existiert schon in fliegenden Blättern vom ältesten Druck.Ein junger deutscher Dichter, Herr Bechstein, welcher sich freundlichstin Deutschland daran erinnerte, daß, als ich ihn in Paris bei meinemFreunde Wolf sah, jene alten fliegenden Blätter das Thema unsererUnterhaltung bildeten, hat mir dieser Tage eins derselben, betitelt:„Das Lied von dem Danheüser" zugeschickt. Nur die größere Altertiim-lichkcit der Sprache hielt mich davon ab, an der Stelle der obigen jüngerenVersion diese ältere mitzuteilen. Die ältere enthält viele Abweichungenund trägt nach meinem Bedünken einen weit poetischeren Charakter.
Durch Zufall erhielt ich ebenfalls unlängst eine Bearbeitungdesselben Liedes, wo kaum der äußere Rahmen der älteren Versionenbeibehalten morden, die inneren Motive jedoch aufs sonderbarste ver-ändert sind. In seiner älteren Gestalt ist das Gedicht unstreitig vielschöner, einfacher und großartiger. Nur eine gewisse Wahrheit desGefühls hat die erwähnte jüngere Version mit demselben gemein, undda ich gewiß das einzige Exemplar besitze, das davon existiert, sowill ich auch diese hier mitteilen:
Ihr guten Christen, laßt euch nichtVon Satans List umgarnen!
Ich sing' euch das Tannhäuserlied,lim eure Seelen zu warnen.
Der edle Tannhäuser, ein Ritter gut,
Wollt' Lieb und Lust gewinnen,