Druckschrift 
8 (1898) Deutschland : 2
Entstehung
Seite
127
Einzelbild herunterladen
 

Der Doktor Fanst. 127

Festhalten an der wirklichen Sage, die Ehrfurcht vor ihrem wahr-haftigen Geiste, die Pietät für ihre innere Seele, eine Pietät, dieder Skeptiker des achtzehnten Jahrhunderts fnnd ein solcher bliebGoethe bis an sein seliges Ende) weder empfinden noch begreifenkonnte! Er hat sich in dieser Beziehung einer Willkür schuldig ge-macht, die auch ästhetisch verdammenswert war, und die sich zuletztan dem Dichter selbst gerächt hat. Ja, die Mängel seines Gedichtesentsprangen aus dieser Versündigung, denn indem er von der frommenSymmetrie abwich, womit die Sage im deutschen Volksbewusstseinlebte, konnte er das Werk nach dem neu ersonnenen ungläubigenBauriß nie ganz ausführen, es ward nie fertig, wenn man nichtetwa jenen lendenlahmen zweiten Teil des Fanstes, welcher vierzigJahre später erschien, als die Vollendung des ganzen Poems be-trachten will. In diesem zweiten Teile befreit Goethe den Nekro-mnnten ans den Krallen des Teufels, er schickt ihn nicht zur Hölle,fondern läßt ihn triumphierend einziehen ins Himmelreich, unterdem Geleite tanzender Englcin, katholischer Amoretten, und dasschauerliche Teufelsbündnis, das unseren Vätern so viel haarsträubendesEntsetzen einflößte, endigt wie eine frivole Farce, ich hätte fastgesagt: wie ein Ballett.

Mein Ballett enthält das wesentlichste der alten Sage vomDoktor Faustus, und indem ich ihre Hauptmomente zu einemdramatischen Ganzen verknüpfte, hielt ich mich auch in den Detailsganz gewissenhaft an den vorhandenen Traditionen, wie ich sie zu-nächst vorfand in den Volksbüchern, die bei uns auf den Märktenverkauft werden, und in den Puppenspielen, die ich in meiner Kind-heit tragieren sah.

Die Volksbücher, die ich hier erwähne, sind keineswegs gleich-lautend. Die meisten sind willkürlich zusammengestöppelt aus zweiälteren großen Werken über Fanst, die, nebst den sogenanntenHöllenzwängen, als die Hauptquellen für die Sage zu betrachtensind. Diese Bücher sind in solcher Beziehung zu wichtig, als daßich ihnen nicht genauere Auskunft darüber geben müßte. Dasälteste dieser Bücher über Fanst ist 1887 zu Frankfurt erschienenbei Johann Spies, der es nicht bloß gedruckt, sondern abgefaßt zuhaben scheint, obgleich er in einer Zueignung an seine Gönner sagt,daß er das Mannskript von einem Freunde aus Speier erhalten.Dieses alte Frankfurter Faustbnch ist weit poetischer, weit tiefsinnigerund weit symbolischer abgefaßt, als das andere Fanstbuch, welchesGeorg Rudolph Widman geschrieben und 1899 zu Hamburg heraus-gegeben. Letzteres jedoch gelangte zu größerer Verbreitung, vielleichtweil es mit homiletischen Betrachtungen durchwttssert und mit gravi-tätischen Gelehrsamkeiten gespickt ist. Das bessere Buch ward dadurchverdrängt und versank schier in Vergessenheit. Beiden Büchern liegt