106 Deutschland II.
und er kommt ihnen plötzlich über den Hals und beweist ihnen, das;die Frist abgelaufen. In einem der älteren Puppenspiele, welche dasSatansbündnis, Schandleben und erbärmliche Ende des DoktorsFaustus vorstellen, findet sich ein ähnlicher Zug. Faust, welcher vomTeufel die Befriedigung aller irdischen Genüsse begehrte, hat ihmdafür seine Seele verschrieben und sich anheischig gemacht, zur Höllezu fahren, sobald er die dritte Mordthat begangen habe. Er hatschon zwei Menschen getötet und glaubt, ehe er zum dritten Malejemanden umbringe, sei er dem Teufel noch nicht verfallen. Dieseraber beweist ihm,"daß eben sein Teufelsbündnis, sein Seelentotschlag,als dritte Mordthat zähle, und mit dieser verdammten Logik führter ihn zur Hölle. Wie weit Goethe in seinem Mephisto jenen Charakter-zng der Sophistik exploitiert hat, kann jeder selbst beurteilen. Nichtsist ergötzlicher als die Lektiire von Teufclskontrakten, die sich aus derZeit der Hexenprozesse erhalten haben, und worin der Kontrahentsich vorsichtig gegen alle Schikauen verklausuliert und alle Stipula-tionen aufs ängstlichste paraphrasicrt.
Der Teufel ist ein Logiker. Er ist nicht bloß der Repräsentantder we ltlichen Herrlichkeit, der Sinnenfrcude, des Fleisches, er ist auchRepräsentant der menschlichen Vernunft, eben weil diese alle Rechteder Materie vindiziert; und er bildet somit den Gegensatz zu Christus,der nicht bloß den Geist, die asketische Entsinnlichung, das himmlischeHeil, .sondern auch den Glauben repräsentiert. Der Teufel glaubtnicht, er stützt sich nicht blindlings auf fremde Autoritäten, er willvielmehr dem eigenen Denken vertrauen, er macht Gebrauch von derVernunft! Dieses ist nun freilich etwas Entsetzliches, und mit Rechthat die römisch-katholisch-apostolische Kirche das Selbstdenken alsTeufelei verdammt und den Teufel, den Repräsentanten der Ver-nunft, für den Vater der Lüge erklärt.
Über die Gestalt des Teufels läßt sich in der That nichts Genauesangeben. Die einen behaupten, wie ich schon erwähnt, er habe garkeine bestimmte Gestalt und könne sich in jeder beliebigen Formproduzieren. Dieses ist wahrscheinlich. Finde ich doch in der Dämouo-magie von Horst, daß der Teufel sich sogar zu Salat machen könne.Eine sonst ehrbare Nonne, die aber ihre Ordensregeln nicht genaubefolgte und sich nicht oft genug mit dem heiligen Kreuze bezeichnete,aß einmal Salat. Kaum hatte sie ihn gegessen, als sie Regungenempfand, die ihr sonst fremd waren und sich keineswegs mit ihremStande vertrugen. Es wurde ihr jetzt gar sonderbar zu Mut jedesAbends im Mondschein, wenn die Blumen so stark dufteten und dieNachtigallen so schmelzend und schluchzend sangen. Bald darausmachte ein angenehmer Junggeselle mit ihr Bekanntschaft. Nachdembeide miteinander vertrauter geworden, fragte sie der schöne Jünglingeinmal: „Weißt du denn auch, wer ich bin?" Rein, sagte die Nonne