Druckschrift 
8 (1898) Deutschland : 2
Entstehung
Seite
93
Einzelbild herunterladen
 

Elemculargeister. 33

Königin und der Bräutigam sprachen: „Warum sollen wir das nichterlauben?" Als nun das Fest anhnb, traten die drei Jungfrauenin wunderlicher Tracht herein, und die Braut sprach: „Seid will-kommen, liebe Basen!" „Ach," sagte der Bräutigam, „wie kommstdu zu der garstigen Freundschaft?" Darauf ging er zu der einenmit dem breiten Platschfuß und fragte: „Wovon habt Ihr einensolchen breiten Fuß?" „Vom Treten," antwortete sie, „vom Treten."Da ging der Bräutigam zur zweiten und sprach: „Wovon habt Ihrnur die herunterhängende Lippe?" „Vom Lecken," antwortete sie,„vom Lecken." Da fragte er die dritte: „Wovon habt Ihr den breitenDaumen?" „Vom Fadendrehen," antwortete sie, „vom Fadcndrehen."Da erschrak der Königssohn und sprach: „So soll mir nun undnimmermehr meine schöne Braut ein Spinnrad anrühren." Damitwar sie das böse Flachsspinnen los.

lind die Moral? Die Franzosen, denen ich dies Märchen er-zählt habe, fragten mich immer nach der Moral davon. MeineFreunde, das eben ist der Unterschied zwischen euch und uns. Wirfragen nur im wirklichen Leben, nicht aber bei den Schöpfungen derPoesie, nach der Moral. Ihr könnt jedenfalls aus dieser Geschichtelernen, wie man seinen Flachs von andern spinnen lassen und dochPrinzessin werden kann. Es ist hübsch von der Amme, frühzeitigden Kindern zu bekennen, daß es noch etwas Wirksameres als dieArbeit giebt, nämlich das Glück. Man erzählt bei uns häufig dieSage von Kindern, die in einer Glückshaut geboren sind, und denenspäter alles in der Welt gelingt. Der Glaube an das Glück, alsein angeborenes oder zufällig gewährtes, ist von heidnischem Ursprungund kontrastiert anmutig mit den christlichen Vorstellungen, wonachLeiden und Entbehrungen als die höchste Gunst des Himmels be-trachtet werden.

Die Aufgabe, das Endziel des Heidentums, war die Erreichungdes Glückes. Der griechische Held nennt es das goldene Vließ, derdeutsche den Nibelungenhort. Die Aufgabe des Christentums warim Gegenteil die Entsagung, und seine Helden erlitten die Qualendes Märtyrertums; sie luden sich selber das Kreuz auf, und ihr groß-artigster Kampf trug ihnen immer nur den Gewinn eines Grabes ein.

Man wird sich freilich erinnern, daß daS goldene Vließ und derNibelungenhort ihren Besitzern großes Leid gebracht haben. Alleines war eben der Irrtum dieser Helden, daß sie das Gold für dasGlück hielten. In der Hauptsache jedoch hatten sie recht. Der Menschsoll das Glück auf dieser Erde erstreben, das süße Glück und nichtdas Kreuz . . . Ach, er mag warten, bis er auf den Kirchhof kommt;dann wird man es ihm schon auf die Gruft setzen, das Kreuz!

Ich kann nicht umhin, hier eines Märchens zu erwähnen, alsdessen Schauplatz mir die rheinische Heimat wieder recht blühend und