84 Deutschland II.
in Westfalen, die noch immer wissen, wo die alten Götterbilder ver-borgen liegen; auf ihrem Sterbebette sagen sie es dem jüngsten Enkel,und der trägt dann das Geheimnis in dem verschwiegenen Sachsen-herzen. In Westfalen, dem ehemaligen Sachsen, ist nicht alles tot,was begraben ist. Wenn man dort durch die alten Eichenhainewandelt, hört man noch die Stimmen der Vorzeit, da hört man nachden Nachhall jener tiefsinnigen Zaubersprüche, worin mehr Lcbeüsfüllequillt, als in der ganzen Litteratur der Mark Brandenburg. Einegeheimnisvolle Ehrfurcht dnrchschanerte meine Seele, als ich einst,diese Waldungen durchwandernd, bei der uralten Siegbnrg vorbeikam.„Hier," sagte mein Wegweiser, „hier wohnte einst König Wittckind,"und er seufzte tief. Es war ein schlichter Holzhauer, und er trugein großes Beil.
Ich bin überzeugt, dieser Mann, wenn es darauf ankommt,schlägt sich noch heute für König Wittckind; und wehe dem Schädel,worauf sein Beil fällt!
Das war ein schwarzer Tag für Sachsenland, als Wittckind,sein tapferer Herzog, von Kaiser Karl geschlagen wurde bei Engter.Als er flüchtend gen Ellerbruch zog, und nun alles mit Weib undKind an die Furt kam und sich drängte, mochte eine alte Frau nichtweiter gehen. Weil sie aber dem Feinde nicht lebendig in die Händefallen sollte, so wurde sie von den Sachsen lebendig in einen Sand-Hügel bei Bellmanns-Kamp begraben; dabei sprachen sie: „Krupunder, krup under, de Welt is di gram, du kannst dem Gerappelnich mer folgen."
Man sagt, daß die alte Frau noch lebt. Nicht alles ist tot inWestfalen, was begraben ist.
Die Gebrüder Grimm erzählen diese Geschichte in ihren deutschenSagen; die gewissenhaften, fleißigen Nachforschungen dieser wackerenGelehrten werde ich in den folgenden Blättern zuweilen benutzen.Unschätzbar ist das Verdienst dieser Männer um germanische Altertumskunde. Der einzige Jakob Grimm hat für Sprachwissenschaftmehr geleistet, als eure ganze französische Akademie seit Richelieu.Seine deutsche Grammatik ist ein kolossales Werk, ein gotischer Dom,worin alle germanischen Völker ihre Stimmen erheben, wie Riesenchöre, jedes in seinem Dialekte. Jakob Grimm hat vielleicht demTeufel seine Seele verschrieben, damit er ihm die Materialien lieferteund ihm als Handlanger diente bei diesem ungeheuren Sprachbauwerk.In der That, um diese Quadern von Gelehrsamkeit herbeizuschleppen,um aus diesen hunderttausend Citaten einen Mörtel zu stampfen, dazugehört mehr als ein Menschenleben und mehr als Mcnschengeduld.
Eine Hanptquellc für Erforschung des altgermanischen Volks-glaubens ist Paracelsns. Ich habe seiner schon mehrmals erwähntSeine Werke sind ins Lateinische übersetzt, nicht schlecht, aber lückenhaft