62 Deutschland II.
zu riechen bekomme, als etwa die Parfüms twn gewärmten Servietten.Ach! der Spott Gottes lastet schwer auf mir. Der große Autor desWeltalls, der AristophaneS deS Himmels, wollte dem kleinen irdischen,sogenannten deutschen AristophaneS recht grell darthun, wie diewichtigsten Sarkasmen desselben nur armselige Spötteleien gewesenim Vergleich mit den seinigcn, und wie kläglich ich ihm nachstehenmuß im Humor, in der kolossalen Spaßniachcrci.
Ja, die Lauge der Verhöhnung, die der Meister über mich herab-geußt, ist entsetzlich, und schauerlich grausam ist sein Spaß. Demütigbekenne ich seine Überlegenheit, und ich beuge mich vor ihm im Staube.Aber wenn es mir auch an solcher höchsten Schöpfungskraft fehlt, soblitzt doch in meinem Geiste die ewige Vernunft, und ich darf sogarden Spaß Gottes vor ihr Forum ziehen und einer ehrfurchtsvollenKritik unterwerfen, lind da wage ich nun zunächst die unterthänigsteAndeutung auszusprechen, cS wolle mich bcdünken, als zöge sich jenergrausame Spaß, womit der Meister den armen Schüler heimsucht,etwas zu sehr in die Länge; er dauert schon über sechs Jahre, wasnachgerade langweilig wird. Daun möchte ich ebenfalls mir dieunmaßgebliche Bemerkung erlauben, daß jener Spaß nicht neu istund daß ihn der große Aristophanes des Himmels schon bei einerandern Gelegenheit angebracht, und also ein Plagiat an hoch sichselber begangen habe, lim diese Behauptung zu unterstützen, willich eine Stelle der Limburger Chronik citieren. Diese Chronik istsehr interessant für diejenigen, welche sich über Sitten und Bräuchedes deutschen Mittelalters unterrichten wollen. Sie beschreibt, wieein Modejournnl, die Kleidertrachtcn, sowohl die männlichen als dieweiblichen, welche in jeder Periode aufkamen. Sie giebt auch Nachrichtvon den Liedern, die in jedem Jahre gepfiffen und gesungen wurden,und von manchem Lieblingsliede der Zeit werden die Anfänge mit-geteilt. So vermeldet sie von Anno i486, daß man in diesem Jahrein ganz Deutschland Lieder gepfiffen und gesungen, die süßer undlieblicher als alle Weisen, so man zuvor in deutschen Landen kannte,und jung und alt, zumal das Frauenzimmer, sei ganz davon ver-narrt gewesen, so daß man sie von Morgen bis Abend singen hörte;diese Lieder aber, setzt die Chronik hinzu, habe ein junger Klerikusgedichtet, der von der Misselsucht behaftet war und sich, vor allerWelt verborgen, in einer Einöde aufhielt. Du weißt gewiß, lieberLeser, was für ein schauderhaftes Gebreste im Mittelalter die Missel-sncht war, und wie die armen Leute, die solchem unheilbaren Siechtumverfallen, auch jeder bürgerlichen Gesellschaft ausgestoßen waren undsich keinem menschlichen Wesen nahen durften. Lebendigtote, wandeltensie einher, vermummt vom Haupt bis zu den Füßen, die Kapuzeüber das Gesicht gezogen, und in der Hand eine Klapper tragend,die sogenannte LaznruSklapper, womit sie ihre Nähe ankündigten,