86 Deutschland II.
Anlaß zu gewähren, in ihrer täppisch treulosen Weise meinen Wankel-mut zu. bejammern und dabei wieder auf ihre eigene, unwandelbare,in der dicksten Bärenhaut eingenähte Charakterfestigkeit zu pochen.Gegen den armen O^rs äs Roms, gegen die römische Kirche, ist alsodiese Reklamation nicht gerichtet. Ich Habe längst aller Befehdungderselben entsagt, und längst ruht in der Scheide das Schwert, dasich einst zog im Dienste einer Idee, und nicht einer Privatleidenschaft.Ja, ich war in diesem Kampf gleichsam ein Oltioisr ctg kortuna, dersich brav schlägt, aber nach der Schlacht oder nach dem Scharmützelkeinen Tropfen Groll im Herzen bewahrt, weder gegen die bekämpfteSache, noch gegen ihre Vertreter. Bon fanatischer Feindschaft gegendie römische Kirche kann bei mir nicht die Rede sein, da es mir immeran jener Borniertheit fehlte, die zu einer solchen Animosität nötigist. Ich kenne zu gut meine geistige Taille, um nicht zu wissen, daßich einem Kolosse, wie die Peterskirche ist, mit meinem wütendstenAnrennen wenig schaden dürfte; nur ein bescheidener Handlangerkonnte ich sein bei dem langsamen Abtragen seiner Quadern, welchesGeschäft freilich doch noch viele Jahrhunderte dauern mag. Ich warzu sehr Geschichtskundiger, als daß ich nicht die Riescnhaftigkeit jenesGranitgebäudes erkannt hätte; — nennt es immerhin die Bastillcdes Geistes, behauptet immerhin, dieselbe werde jetzt nur noch vonInvaliden verteidigt; aber es ist darum nicht minder wahr, daß auchdiese Bastille nicht so leicht einzunehmen wäre und noch mancherjunge Anstürmen an seinen Wällen den Hals brechen wird. AlsDenker, als MetaPhysiker, mußte ich immer der Konsequenz derrömisch-katholischen Dogmatil meine Bewunderung zollen; auch darfich mich rühmen, weder das Dogma, noch den Kultus je durch Witzund Spötterei bekämpft zu haben, und man hat mir zugleich zu vielEhre und zu viel Unehre erzeigt, wenn man mich einen Geisteoverwandten Voltaires nannte. Ich war immer ein Dichter, unddeshalb mußte sich mir die Poesie, welche in der Symbolik des katho-lischen Dogmas und Kultus blüht und lodert, viel tiefer als andernLeuten offenbaren, und nicht selten in meiner Jünglingszeit über-wältigte auch mich die unendliche Süße, die geheimnisvoll seligeÜberschwenglichkeit und schauerliche Todeslust jener Poesie; auch ichschwärmte manchmal für die hvchgebenedeite Königin des Himmels,die Legenden ihrer Huld und Güte brachte ich in zierliche Reime,und meine erste Gedichtsammlung enthält Spuren dieser schönenMadonnaperiode, die ich in späteren Sammlungen lächerlich sorgsamausmerzte.
Die Zeit der Eitelkeit ist vorüber, und ich erlaube jedem, überdiese Geständnisse zu lächeln.
Ich brauche wohl nicht erst zu gestehen, daß in derselben Weise,Wie kein blinder Haß gegen die römische Kirche in mir waltete, auch