Geständnisse. 63
einen merkwürdigen Zug den ethischen Unwillen, womit dos altedeutsche Recht die Verjährung' stigmatisiert; in dein Munde des nieder-sächsischen Bauers lebt noch heute das rührend schöne Wort: „HundertJahr' Unrecht macht nicht ein Jahr Recht." Die mosaische Gesetz-gebung protestiert noch entschiedener durch die Institution des Jubel-jahres. Moses wollte nicht das Eigentum abschaffen, er wollte viel-mehr, daß jeder dessen besäße, damit niemand durch Armut ein Knechtmit knechtischer Gesinnung sei. Freiheit war immer des großenEmancipators letzter Gedanke, und dieser atmet und flammt in allenseinen Gesetzen, die den Pauperismus betreffen. Die Sklaverei selbsthaßte er über alle Maßen, schier ingrimmig, aber auch diese Unmensch-lichkeit konnte er nicht ganz vernichten, sie wurzelte noch zu sehr imLeben jener Urzeit, und er mußte sich darauf beschränken, das Schicksalder Sklaven gesetzlich zu mildern, den Loskauf zu erleichtern und dieDienstzeit zu beschränken. Wollte aber ein Sklave, den das Gesetzendlich befreite, durchaus nicht das Haus des Herrn verlassen, sobefahl Moses, daß der unverbesserliche servile Lump mit dem Ohrau den Thürpfosten des herrschaftlichen Hauses angenagelt würde,und nach dieser schimpflichen Ausstellung war er verdammt, aufLebenszeit zu dienen. O Moses, unser Lehrer, Mosche Rabcuu, hoherBekämpfer der Knechtschaft, reiche mir Hammer und Nägel, damitich unsere gemütlichen Sklaven in schwarz-rot-goldener Livree mitihren langen Ohren festnagele an das Brandenburger Thor!
Ich verlasse den Ozean allgemeiner religiös-moralisch-histvrischcrBetrachtungen, und lenke mein Gedankenschiff wieder bescheiden in dasstille Binncnlandgewüsser, wo der Autor so treu sein eigenes Bildabspiegelt.
Ich habe oben erwähnt, wie protestantische Stimmen aus derHeimat in sehr indiskret gestellten Fragen die Vermutung ausdrückten,als ob bei dem Wiedererwachen meines religiösen Gefühls auch derSinn für das Kirchliche in mir stärker geworden. Ich weiß nicht,inwieweit ich merken ließ, daß ich weder für ein Dogma, noch fürirgend einen Kultus außerordentlich schwärme und ich in dieser Be-ziehung derselbe geblieben bin, der ich immer war. Ich mache diesesGeständnis jetzt auch, um einigen Freunden, die mit großem Eiferder römisch-katholischen Kirche zugcthan sind, einen Irrtum zu be-nehmen, in den sie ebenfalls in Bezug auf meine jetzige Denkungsartverfallen sind. Sonderbar! zur selben Zeit, wo mir in Deutschlandder Protestantismus die unverdiente Ehre erzeigte, mir eine evange-lische Erleuchtung zuzutrauen, verbreitete sich das Gerücht, als sei ichzum katholischen Glauben übergetreten, ja, manche gute Seelen ver-sicherten, ein solcher Übertritt habe schon vor vielen Jahren statt-gefunden, und sie unterstützten ihre Behauptung mit der Angabe derbestimmtesten Details, sie nannten Zeit und Ort, sie gaben Tag und