Geständnisse. 51
Leben haben und in einem allgemeinen Bibcltnme aufgehen. Siefördern die große Demokratie, Ivo jeder Mensch nicht bloß König,sondern auch Bischof in seiner Hausburg sein soll; indem sie dieBibel über die ganze Erde verbreiten, sie, sozusagen, der ganzenMenschheit durch merkantilische Kniffe, Schmuggel und Tausch in dieHände spielen und die Exegese der individuellen Vernunft überliefern,stiften sie das große Reich des Geistes, das Reich des religiösen Ge-fühls, der Nächstenliebe, der Reinheit und der wahren Sittlichkeit, dienicht durch dogmatische Begriffsformeln gelehrt werden kann, sonderndurch Bild und Beispiel, wie dergleichen enthalten ist in dem schönenheiligen Erziehnngsbuche für kleine und große Kinder, in der Bibel.
Es ist für den beschaulichen Denker ein wunderbares Schauspiel,wenn er die Länder betrachtet, wo die Bibel schon seit der Reformationihren bildenden Einfluß ausgeübt auf die Bewohner, und ihnen dieSitte, Dcnknngsart und Gemütlichkeit jenen Stempel des palästinischenLebens aufgeprägt hat, der in dem Alten wie in dem Neuen Testamentesich bekundet. Im Norden von Europa und Amerika, namentlich inden skandinavischen und anglosächsischcn, überhaupt in germanischenund einigermaßen auch in keltischen Landen, hat sich das Palästina-tum so geltend gemacht, daß man sich dort unter Inden versetzt zusehen glaubt. Z. B. die Protestantischen Schotten, sind sie nichtHebräer, deren Namen überall biblisch, deren Laut sogar etwasjerusalemitisch-pharisttisch klingt, und deren Religion nur ein Juden-tum ist, welches Schweinefleisch frißt? So ist es auch mit manchenProvinzen Norddeutschlands und mit Dänemark; ich will gar nichtreden von den meisten neuen Gemeinden der Bereinigten Staaten,wo man daS alttestamentalische Leben pedantisch nachäfft. Letztereserscheint hier wie daguerreotypiert, die Konturen sind ängstlich richtig,doch alles ist grau in grau und es fehlt der sonnige Farbenschmelzdes gelobten Landes. Aber die Karikatur wird einst schwinden, dasEchte, Unvergängliche und Wahre, nämlich die Sittlichkeit des altenJudentums, wird in jenen Ländern ebenso gotterfrculich blühen, wieeinst am Jordan und ans den Höhen des Libanons. Man hat keinePalmen und Kamele nötig, um gut zu sein, und Gntscin ist besserdenn Schönheit.
Vielleicht liegt es nicht bloß in der Bildungssahigkeit der er-wähnten Völker, daß sie daS jüdische Leben in Sitte und Denkweiseso leicht in sich aufgenommen. Der Grund dieses Phänomens istvielleicht auch in dem Charakter des jüdischen Volks zu suchen, dasimmer sehr große Wahlverwandtschaft mit dem Charakter der germa-nischen und einigermaßen auch der keltischen Rasse hatte. Judäaerschien mir immer wie ein Stück Occident, das sich mitten in'denLrient verloren. In der That, mit seinem spiritualistischen Glauben,seinen strengen, keuschen, sogar asketischen Sitten, kurz mit seiner
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