Geständnisse. 41
Mensch, ich hatte eben gut gegessen und Kaffee getrunken, und ichsprach mit Schwärmerei von den Sternen und nannte sie den Auf-enthalt der Seligen. Der Meister aber brümmclte vor sieh hin: „DieSterne, hnm! hum! die Sterne sind nur ein leuchtender Aussah amHimmel." Um Gottes willen, rief ich, es giebt also droben kein glück-liches Lokal, um dort die Tugend nach dem Tode zu belohnen?Jener aber, indem er mich mit seinen bleichen Augen stier ansah,sagte schneidend: „Sie wollen also noch ein Trinkgeld dafür haben,daß Sie Ihre kranke Mutter gepflegt und Ihren Herrn Bruder nichtvergiftet haben?" — Bei diesen Worten sah er sich ängstlich um, docher schien gleich wieder beruhigt, als er bemerkte, daß nur HeinrichBeer herangetreten war, um ihn zu einer Partie Whist einzuladen.
Wie schwer das Verständnis der Hegelschen Schriften ist, wie leichtman sich hier täuschen kann, und zu verstehen glaubt, während mannur dialektische Formeln nachznkonstruiereu gelernt, das merkte icherst viele Jahre später hier in Paris, als ich mich damit beschäftigte,aus dem abstrakten Schul-Jdiom jene Formeln in die Muttersprachedes gesunden Verstandes und der allgemeinen Verständlichkeit, insFranzösische, zu übersehen. Hier muß der Dolmetsch bestimmt wissen,was er zu sagen hat, und der verschämteste Begriff ist gezwungen,die mystischen Gewänder fallen zu lassen und sich in seiner Nacktheitzu zeigen. Ich hatte nämlich den Vorsah gefaßt, eine allgemeinverständliche Darstellung der ganzen Hegelschen Philosophie zu ver-fassen, um sie einer neueren Ausgabe meines Büches 1'L.llsnmAno"als Ergänzung desselben einzuverleiben. Ich beschäftigte mich währendzwei Jähren mit dieser Arbeit, und es gelang mir nur mit Not undAnstrengung, den spröden Stoff zu bewältigen und die abstraktestenPartien so populär als möglich vorzutragen. Doch als das Werkendlich fertig war, erfaßte mich bei seinem Anblick ein unheimlichesGrauen, und es kam mir vor, als ob das Mannskript mich mitfremden, ironischen, ja boshaften Augen ansähe. Ich war in einesonderbare Verlegenheit geraten; Autor und Schrift paßten nichtmehr zusammen. Es hatte sich nämlich um jene Zeit der obenerwähnteWiderwille gegen den Atheismus schon meines Gemütes bemcistert,und da ich mir gestchen mußte, daß allen diesen Gottlosigkeiten dieHegelsche Philosophie den furchtbarsten Vorschub geleistet, ward siemir äußerst unbehaglich und fatal. Ich empfand überhaupt nie einellzugrvßc Begeisterung für diese Philosophie, und von Überzeugungtonnte in Bezug auf dieselbe gar nicht die Rede sein. Ich mar nieabstrakter Denker, und ich nahm die Synthese der Hegelschen Doktrinungeprüft an, da ihre Folgerungen meiner Eitelkeit schmeichelten.Ich war jung und stolz, und es that meinem Hochmut wohl, als ichvon Hegel erfuhr, daß nicht, wie meine Großmutter meinte, der liebeGott, der im Himmel residiert, sondern ich selbst hier ans Erden der