Geständnisse. 37
Hoflakaien deS Volkes rühmen beständig seine Bortrefflichkeiten undTugenden, und rufen begeistert: „Wie schön ist das Volk! wie gutist das Volk! wie intelligent ist das Volk!" — Nein, ihr lügt. Dasarme Volk ist nicht schön; im Gegenteil, es ist sehr häßlich. Aberdiese Häßlichkeit entstand durch den Schmutz und wird mit demselbenschwinden, sobald wir öffentliche Bäder erbauen, wo Seine Majestätdas Volk sich unentgeltlich baden kann. Ein Stückchen Seife könntedabei nicht schaden, und wir werden dann ein Volk sehen, das hübschpropre ist, ein Volk, das sich gewaschen hat. Das Volk, dessen Güteso sehr gepriesen wird, ist gar nicht gut; es ist manchmal so böse,wie einige andere Potentaten. Aber seine Bosheit kommt vom Hunger;wir müssen sorgen, daß das souveräne Volk immer zu essen habe;sobald allerhöchst dasselbe gehörig gefüttert und gesättigt sein mag,wird es euch auch huldvoll und gnädig anlächeln, ganz wie die andern.Seine Majestät das Volk ist ebenfalls nicht sehr intelligent*); es istvielleicht dümmer, als die andern, es ist fast so bestialisch dumm, wieseine Günstlinge. Liebe und Vertrauen schenkt es nur denjenigen,die den Jargon seiner Leidenschaft reden oder heulen, während esjeden braven Mann haßt, der die Sprache der Vernunft mit ihmspricht, um es zu erleuchten und zu veredeln. So ist es in Paris,so war es in Jerusalem. Laßt dem Volk die Wahl zwischen demGerechtesten der Gerechten und dem scheußlichsten Straßenräuber, seidsicher, es ruft: „Wir wollen den Barabbas! ES lebe der Barabbas!"— Der Grund dieser Verkehrtheit ist die Unwissenheit; dieses National-übel müssen wir zu tilgen suchen durch öffentliche Schulen für dasVolk, Ivo ihm der Unterricht auch mit den dazu gehörigen Butter-broten und sonstigen Nahrungsmitteln unentgeltlich erteilt werde. —Und wenn jeder im Volke in den Stand gesetzt ist, sich alle beliebigenKenntnisse zu erwerben, werdet ihr bald auch ein intelligentes Volksehen — Bielleicht wird dasselbe am Ende noch so gebildet, so geist-reich, so witzig sein, wie wir es sind, nämlich wie ich und du, meinteurer Leser, und wir bekommen bald noch andere gelehrte Friseure,welche Verse machen wie Monsieur Jasmin zu Toulouse, und nochviele andere philosophische Flickschneider, welche ernsthafte Bücherschreiben, wie unser Landsmann, der famose Weitling.
Bei dem Namen dieses famosen Weitling taucht mir plötzlich mitall ihrem komischen Ernste die Scene meines ersten und letzten Zu-sammentreffens mit dem damaligen Tageshelden wieder im Gedächtnisherauf. Der liebe Gott, der von der Höhe seiner Himmelsburg allessieht, lachte wohl herzlich über die saure Miene, die ich geschnitten
*1 „ es ist so stupid, wie ein Monarch eben sein darf: es ist manchmal sodumm wie jene Brutusse, die es zu seinen Mandatarien macht, wenn es sich fürinen Augenblick der absoluten Gewalt bemächtigt," lautet der Schluß dieses Satzesin der französischen Ausgabe. Der Herausgeber.