6 Deutschland II.
ethnographischen Weise des Leporello eine illustrierte Liste von denrespektive» Spitzbuben anfertigen, die mir die Tasche geleert, so würdenfreilich alle civilisierten Länder darin zahlreich genug repräsentiert werden,aber die Palme bliebe doch dem Vatcrlandc, welches das Unglaublichstegeleistet, und ich könnte davon ein Lied singen mit dem Refrain:„Aber in Deutschland tausendunddrei!"
Charakteristisch ist es, daß unseren deutschen Schelmen immer einegewisse Sentimentalität anklebt. Sie sind keine kalten Berstandes-spitzbuben, sondern Schufte von Gefühl. Sie haben Gemüt, sie nehmenden wärmsten Anteil an dem Schicksal derer, die sie bestohlen, undman kann sie nicht los werden. Sogar unsere vornehmen Jndustrie-ritter sind nicht bloße Egoisten, die nur für sich stehlen, sondern siewollen den schnöden Mammon erwerben, um Gutes zu thun; in denFreistunden, wo sie nicht von ihren Berufsgeschttften, z. B. von derDirektion einer Gasbeleuchtung der böhmischen Wälder, in Anspruchgenommen werden, beschützen sie Pianisten und Journalisten, undunter der buntgesticktcn, in allen Farben der Iris schillernden Westeträgt mancher auch ein Herz, und in dem Herzen den nagenden Band-wurm des Weltschmerzes. Der Industrielle, der mein obenerwähntesOpus in sogenannter Übersetzung als Broschüre herausgegeben, begleitete dieselbe mit einer Notiz über meine Person, worin er weh^mutig meinen traurigen Gesundheitszustand bejammert, und durcheine Zusammenstellung von allerlei Zeitungsartikeln über mein jetzigesklägliches Aussehen die rührendsten Nachrichten mitteilt, so daß ichhier von Kopf bis zu Fuß beschrieben bin, und ein witziger Freundbei dieser Lektüre lachend ausrufen konnte: „Wir leben wirklich ineiner verkehrten Welt, und es ist jetzt der Dieb, welcher den Steckbriefdes ehrlichen Mannes, den er bestohlen hat, zur öffentlichen stundebringt." —
Geschrieben zu Paris, im März 1354.