Nero. Jahr Christus 66. 63
Ein vollständiges Gemälde von seinen Grausamkeiten zu entwerfen, liegtnicht im Plane dieses Werkes. Da indessen viele Schriftsteller dieselbenauf das genaueste geschildert haben, so kann ans denselben ein Jeder, demes darnm zu thnn ist, die Grausamkeit und die außerordentliche Wutheines Mannes kennen lernen, der, nachdem unzählige Menschen ohneallen Grund getödtet hatte, in seinem Blutdurst- so weit ging, daß ernicht einmal seiner nächsten Verwandle» und Freunde schonte, sondernMutter, Geschwister und Gemahlin mit unzähligen andern seiner Verwand-ten ohne Unterschied eines verschiedenen Todes sterben ließ. Zu allen diesemfehlte nur noch dieß, daß in seinen Titel gesetzt wurde, daß er unter allenrömischen Kaisern der erste gewesen, der als ein Feind der göttlichen Reli-gion aufgetreten. Dieß berichtet der Nomer Tertullianus ebenfalls infolgenden Worten:(1) »Befragt nur eure Geschichtbücher k Dort werdet ihr„finden, daß zuerst Nerv gegen diese Sekte, die damals vorzüglich zu Rom„aufblühte, mit dem kaiserlichen Schwerte gewüthet hat. Allein wir rühmen»uns, daß ein solcher Mensch der Urheber unserer Derurtheilung gewesen»ist. Denn wer ihn kennt, der weiß auch, daß von ihm nichts verurtheilt»worden ist, als was ausnehmend gut war." Indem nun Nero auf dieseArt sich als den ersten unter den größten Feinden Gottes kund gab, wurdenauch die Apostel ein Gegenstand seiner Mordgier. Man erzählt nämlich, daßunter Nero zu Rom selbst Paulus enthauptet, (2) Petrus aber gekreuzigtworden sey. Die Wahrheit dieser Erzählung wird durch die Inschrift vonPetri und Pauli Namen bestätigt, welche sich noch bis jetzt auf den Be-gräbnißplätzen zu Rom erhalten hat, so wie nicht minder von einem recht-gläubigen Schriftsteller, Namens Kajus, der zu den Zeiten des römischenBischofs Zephyrinus(Z) gelebt hat und in seiner schriftlichen Disputationmit Proklus, einem Haupt der kataphrygifcheu Partei, (4) Folgendes vonden Oertern , wo die heilige Hülle der Apostel ruht, berichtet: »Ich kann„die Siegeszeichen der Apostel zeigen. Denn du magst auf den Vatikan(5)„gehen wollen oder den Weg nach Ostia, so wirst du auf die Siegeszeichen»derer stoßen, die diese Gemeinde gegründet haben." Daß aber beide zugleicher Zeit den Märtyrertvd gestorben find, bezeugt Diongfius, Bischof von
ohnedem verhaßte Christensekte wälzen wollte. Die ncronianische Verfolgung wird zwarals die erste der zehn großen Verfolgungen angenommen, allein höchst wahrscheinlich betrafsie nur die Christen in Rom oder höchstens in Italien; doch dürste das, was in derHauptstadt geschah, bald auf die Lage der Christen in allen Provinzen des Reichs nachtheiligeingewirkt haben.
(1> Nach dem Vorgänge Stroths habe ich die Stelle aus dem Urtexte Kertullians-nie. c. 5) übersetzt, weil ihn der Grieche gar nicht verstanden und also un-verständlich übersetzt hatte.
(2) Weil er bekanntlich (siehe Apostelgeschichte 16, 37 und 22, 25) ein römischerBürger war. Denn nur Sklaven und Fremde durften nach römischen Gesetzen gekreu-zigt werden.
(3) Aephyrinus wurde nach Eusebius Kirchengcschichtc 4, 58 ungefähr im neuntenJahre der Regierung des Severus, 202 nach Christus, römischer Bischof.
(4) Von dieser siehe unten 5, 14 und ff.
(5) Petrus soll aus dem vatikanischen Berg, Paulus auf dem Wege »ach Ostia be-graben worden seyn.