— I.W —
herauf, selbst die Erde kommt zu vollem Bewußtsein, erkennt ihrewahre Gestalt, neue Sterne erscheinen darüber, und eine neue Weltliegt jenseits über dem Meere vor den erstaunten Blicken. Da sinktdas Mittelalter hinab und bedeckt sich mit seinen eigenen Schößen,die Königstochter der Poesie stirbt am Nadelstich der Antike und fälltin einen hundertjährigen Zanberschlaf, ans dem sie nur unsere Gegen-wart wieder gerissen hat, die jetzt alle früheren Erscheinungen gleich-zeitig genießt. Der kirchliche Glaube ist durch sittenlose Praxis matt,alt und schwach geworden, es bedarf eines tüchtigen Sturmes, ihnwieder wach z» rütteln, und die Reformation schlägt bereits miteherner Macht an die Thore." — Hier steht es, daß es einer Wieder-verjüngnng, einer Renaissance bedurfte, einer Wiedergeburt des Lebensan sich, und gerade daß sich mit diesem Verfalle des Lebens sich derVerfall der Kirche unfehlbar verband, dürfte Janssen belehren, daßnicht diese die Trägerin des Lebens, sondern das Leben Trägerin allseiner Erscheinungen ist, die mit ihm zur Blüte emporsteigen und mitihm hinab ins Grab sinken. Einer Wiederverjiingnng, einer Renaissancebedurfte es, aber ob die von den Italienern erzeugte und von denPäpsten gepflegte auch für Deutschland die richtige war, ist uns nunwohl zweifelhaft. Die Wiedergeburt konnte in Deutschland nur ansdem deutschen Leben erfolgen, aber ein Herodcs stand da an derSpitze, der einen zweiten bethlehemitischen Kindermord plante, unddieser Herodcs war der Nomanismns in jeder Form.
Janssen berichtet in einem folgenden Abschnitt (S. 2Äi ff.) überdie Zeit- und Sittengedichte, namentlich über Braut's Narrenschiff,den er als den „Begründer einer neuen Litteratnrepoche", der „speei-fisch bürgerlichen Litteratnr" hinstellt. Wir dürfen uns ein Eingehennmsomehr schenken, als Janssens Art hier nicht so sehr zum Ausdruckkommt, sondern er sich mehr an die Forschungen der Litteratnrhisrorikeranschließt. Er geht dann zur „Prosa und weltlichen Volkslektüre"über und wendet der deutschen Geschichtschreibnng zunächst seine Auf-merksamkeit zu. Ans Seite 241 erscheint Aventin als „epochemachenderGcschichtschreiber". Am meisten fesselt ihn indes der Nürnberger Gc-schichtschreiber Sigmund Meisterlin und „das schönste aller deutschenGeschichtsbücher des Mittelalters" die anonyme Kölner Ehronik. Janssenerwähnt das hohe Lob, welches Niebnhr dieser Ehronik zuteil werdenließ, der den Verfasser „einen der hellsten Geister und wahrhaftesten