Druckschrift 
Johannes Janssen und die Geschichte der deutschen Reformation : eine kritische Studie
Entstehung
Seite
138
Einzelbild herunterladen
 

erobern versuchte. Aber >ver III der Gothik nichts Nenes sieht, wirdanch hier auf das wirklich Lebendige und Bedeutungsvolle nicht anf-merksaw zu wachen vermögen. lind doch keimt anch in diesen Liedernbereits ein „protestantisches" Clement; sie sind ein Protest, wie gegendas Ketzertnm nnd die Ketzerlieder, so gegen die Znrüekdrängnng derdeutschen Sprache ans der kirchlichen Liturgie. „Kein Volk derChristenheit konnte sich eines solchen kirchlichen Liederschatzes, einersolchen Poetischen Bezeugung seines Glanbene. rühmen." Ob wir einesolche Erkenntnis als „ein Geständnis" PH. Wackernagels, welches er„trotz seines konfessionellen Standpunktes" gemacht habe, aufzufassenhaben, wolle» wir uns von Janssen nicht vorschreiben lassen. Ersieht eben durch die theologische Brille nnd deshalb sieht er das nicht,was im wirklichen Leben steht nnd was uns dieses Leben selbst ver-rät nnd sagt.

Anch in der Darstellung der dramatischen Volkspoesie nnd dergeistlichen Spiele stützt Janssen sich vielfach nnd oft wörtlich ans Hol-land, aber zu welchen Zielen beide gelangen, zeigen ihre Schlußworte.Bei Janssen hören wir (S. 235):

„Durch die im sechszehnten Jahrhundert in Deutschland herein-brechende gewaltsame Störung der Knltnrentwicklnng nnd religiöseAnarchie verwilderte die Schauspielkunst, ebenso wie alle übrigen Lünsteverwilderten." Z» der bereits seit fast einem halben Jahrhundertvor der Reformation sich ankündigenden „Verwilderung" hat er keineBelege gefunden, weil er nicht dahin sehen kann, wohin ein Historikersehen muß: ans die naturgemäße Entwicklung. .Kolland hat dahingesehen und er sagt (S. 655 f.): „Ein Blick über die von »ns durch-laufenen Erscheinungen zeigt, daß eine große Zeit abgelaufen nnd sich

in ihrem Innern ausgelebt hatte Das Epos ist erschöpft, die

Lyrik ahnt ihre Zukunft im Volksliede, das neue Schauspiel ist nochim Garderobezimmer der kommenden Zeit. Das Leben aber, ansdein alle Poesie nnd Kunst erwächst nnd blüht, hat sich lange schongeneigt nnd mit den früheren Traditionen gebrochen. Die Sprachehat sich in ihrem mittelhochdeutschen Idiom ausgelebt, das ritterlicheLeben ist durchweg faul geworden, an die Stelle des Adels tritt derPatrizier nnd Bürger, Waffen nnd Kriegsführnng haben sich geändert,alte Reiche sind zusammengebrochen, neue Erfindungen tauchen siegreichans, die alte klassische Schönheit dämmert in traumhafter Prächtigkeit