Heise- und Heimathbriefe.
Garten; es sind zwar nur ganz gemeine Citronen- und Wein-gärten, in denen die Kinder mit herabgefallenen Citronen Ballspielen und die Limonade jeden Tag frisch gepflückt wird;ausserdem aber enthalten diese Gärten auch noch höchst klas-sische Früchte, von denen uns der alte Padrone jeden Morgeneine Schüssel voll sehr zierlich arrangirt und uns immer ver-tröstet, die Feigen würden nun jeden Tag besser werden —überhaupt weiss ich erst jetzt, was ein Padrone di casa ist,er sorgt wirklich väterlich für uns. Hühner mit Eiern undKühe mit Milch sind auch im Hause; von den Gärten aus fülirteine heimliche Thür auf den Berg, von dessen Spitze manbeide Meerbusen von Salerno und von Neapel sieht, und zwarführt der Weg ausnahmsweise nicht zwischen Mauern, sondernAngesichts des Meeres und des ganzen, in Grün fast erstickendenPiano von Sorrent (hätt' ich nur ehis in der Wohnung!) unddurch ein kühles, schattiges Kastanienhölzchen, kurz, vonsolchem Schlaraffenleben hat man keinen Begriff. Als Zugabeliegt das Haus sehr hoch und es weht uns das erquickendstefritto misto von Berg- und Seeluft um die Nase, so wenig heiss,dass ich meiner Kleidung, die wirklich bis auf eine Hülle zu-sammengeschmolzen war, noch eine zugelegt habe. Und als■ Staffage erwarten wir Herrn Kestner im violetten Sammt-schlafrock, der DiricMet portraitiren will, Herz, was ver-langst Du noch mehr? Als würdige Beschäftigung der Be-wohnerin dieser fürstlichen Räume stricke ich seidene Strümpfefür Walter, da ich neulich ganz Neapel vergeblich nach Strick-baumwolle durchlaufen habe, und flicke, Angesichts des Vesuv,unsere, von der gestern jährig gewordenen Reise ziemlich in-valide Wäsche, lese Boccaccio, Götlie, Homer und Robinsonsuisse, denn ein Tag, der um sechs anfängt, dauert wenigstenssechsundzwanzig Stunden, Abends kann man gar nicht zuBette gehen, denn bei klarem Wetter liegt Neapel mit seinenLichtern bis zum Posilipp wie ein Brillantdiadem gegenüber,und durch's ganze Piano schimmern die Lichterchen die Bergehinan, bis wo die Sterne anfangen. Die Beleuchtung am Tageist leider so brillant, dass Walter noch immer kauzige Augenhat und vonDirichlet nach dem Gehör unterrichtet wird. Sein