Druckschrift 
2 (1880) 1835 - 1847
Entstehung
Seite
275
Einzelbild herunterladen
 

Musikalisches aus Berlin.

275

stellen. Ich glaube seit Sonntag, dass sie Marie zum Theaterbestimmen. Dazu war nun ein Geheimrathspublikum aus demThiergarten von der allerprosaisclisten Art. Das Interessantesteden ganzen Abend war ohne Zweifel A.'s Toilette: sie trugeine Paraphrase (Potpourri heisst es ja nicht mehr) vonschwarzer Seide, gelbem Katzenpelz, offenen Aermeln, magerenArmen, schwarzen Sammtband-Armbändern, verrückter Coiffure,malerischem Ausschnitt und unbeschreibliche]' Hässliclikeit,dass ich sie förmlich studirt habe und die Augen nicht vonihr wenden konnte. Felix war über diese Soiree in einerBerserkerwuth, die drei Tage gedauert hat; übrigens habe ichihn, wie ich Dir schon schrieb, nie liebenswürdiger gesehen,als in diesem Winter, obgleich er schon hin und wieder Ver-druss gehabt hat, aber er lässt es sich nicht mehr so überden Kopf wachsen, wie früher, und wenn es so bleibt, sokönnen wir uns gar nicht glücklich genug schätzen, ihn hierzu haben. Er hat bis jetzt zwei Mal öffentlich gespielt, ein-mal in Moliques- Konzert (mit dem die letzte Zeit viel musicirtworden ist) die A-moll-Sonate von Beethoven, und im Abonne-ments-Konzert sein G-moll-Konzert, beide Male mit für Berlinausserordentlichem Beifall. Die Leute fangen auch an zubegreifen, dass die Symphonien doch jetzt anders gehen, alsfrüher, und mit der Zeit werden sie sich schon bilden, Publi-kum und Orchester. Für den Domchor hat Felix den zweitenPsalm achtstimmig a capella komponirt; sehr schön, sehr gre-gorianisch und sixtiniscli. Ich bin neugierig, was die Leutedazu sagen werden, wenn sie überhaupt hinhören. Felixmöchte lieber mit Orchester komponiren und hat einstweilensoviel durchgesetzt, dass nach den capeZla-Ghären Chöre vonHändel gesungen werden, sowie er in die Abonnements-Konzertevon Anfang an Solostücke introducirt hat, in Erwartung desGesanges, den er mit der Zeit einzuscliwärzen hofft. Er fängtseine Sachen sehr klug und behutsam an, und ich zweiflenicht, dass er Alles erreichen wird, was er sich vorsetzt.Der moralische Einfluss eines bedeutenden Mannes ist dochauch so gross, dass er die grössten Philister und Dickköpfein etwas reformiren rnuss. — Also Delaroche ist in Rom und

18*