Sixtina. Komische Geselligkeit.
89
und den nicht kurzweiligen Vortrag- der Messe durch ein Paarzittrige Kardinalstimmen anhören. Ich werde indessen dochöfter in die Sixtina gelin, man muss sich daran gewöhnen,und es etwas genauer kennen lernen, es gehört doch einmaldazu.
Denke Dir meinen Gram, liebes Beckchen, die Gesandtenwerden dies Jahr keine Bälle geben! Und ich hatte ,michdoch so darauf gefreut, einen Galopp mit Kestner zu tanzen.Ueberhaupt wird die eigentliche Season liier sehr flau, Rombleibt leer, Alles ist nach Neapel gezogen und die Welt seufzt.Mir ist das ganz recht. Warum aber nicht Schiffe mit den11,000 Jungfrauen der heiligen Ursula nach Koni ziehen, kannich nicht begreifen, denn ich habe in den acht Tagen allein12,000 Junggesellen schon kennen gelernt, wie Viele mögennun noch sein, die ich nicht kenne. Kinder gehören unterdie Raritäten, Antiken kommen viel häufiger vor. Indessenhabe ich heute endlich einen achtjährigen Jungen ausgebuddelt,mit dem Sebastian wahrscheinlich italiänisclien und französi-schen Unterricht bekommen wird. Aber das Campo vaccino
ist doch schön! Auch eine von den originellen und kuriosen0 ertlichkeiten, die trotz aller Bilder und Beschreibungen über-raschen, aber mässig und gelind, ohne allen Eclat. Es istseiner Sache sicher und lässt es an sich kommen. Dagegentritt die Peterskirche mit einiger Prätension auf, der ganzePlatz ist so prächtig gemacht. Er will, man soll gleich sagen,wie schön bist Du! und man sagt es auch, das ist unausbleib-lich. Man fühlt wohl Absicht, aber man ist doch nicht ver-stimmt, denn die Absicht ist gut erreicht. Aber das Campovaccino ist so eigen zufällig! Aus der grossen Prätension undAbsichtlichkeit der Römer und ihrer Bauten hat die Naturund die Zeit einen elegischen Trümmerhaufen gemacht, der anReiz wohl schwerlich seines Gleichen haben möchte. Wie nunda gegraben und gemanlwurft wird und eine Säule und einStück Mauerwerk und ein Stück Pussboden nach dem anderenzu Tage kommt, vieles noch unter der Erde steckt, andres ander Luft schon wieder bewachsen ist, so erlebt dies merkwür-dige Stück Gotteswelt eine neue Geschichte zu den vielen, die