Druckschrift 
1 (1880) 1729 - 1835
Entstehung
Seite
335
Einzelbild herunterladen
 

Musikalisches und Malerisches.

335

Den 23. Juni.

Bekanntlich gehören Kaufleute, welche fünfzig Procentzahlen, zu den ehrlichsten Leuten, und so kann ich mit einigerGewissensruhe darauf zurückblicken, dass ich Euch von Allem,was ich Euch erzählen wollte, jedesmal kaum die Hälfte zuStande gebracht. Es schlägt jetzt eben sechs Uhr, ich binheut um acht Uhr aufgestanden und habe wahrlich nicht früherdazu kommen können, diesen Brief anzufangen, den ich wiederabbrechen muss, sobald Felix rasirt sein wird. Heut frühspielte Felix Orgel in St. Pauls, wozu, da die Balgentreterschon fort waren, Klingemann und hoch zwei Gentlemen derenStelle vertraten. Felix spielte eine Introduction und Fuge,improvisirte, und dann ein Coronation Anthem von Attwoodmit diesem vierhändig, sodann drei. Sebastiane. Es klang sehrgut, die Kirche war leer, nur zwei Besucherinnen des Philhar-monie hatten sich versteckt, um zu hören. Von da gingenwir zu einem sonntägigen Quartett, welches bei einem Privat-mann im verborgensten Zimmer seines Hauses stattfindet. Wirfielen in ein Quartett von Onslow, es waren gewiss schonwenigstens zwei dieser Quartette vorausgegangen; sie wolltenFelix' achtes machen, ich erbat mir das fünfte, welches auchgespielt und dann sofort das achte darauf gesetzt wurde. Umvier Uhr kam ich nach Haus und wollte schreiben, als ichaber London geschrieben hatte, kam Herr von Biilow undblieb ein und eine halbe Stunde es ist sicherer, dass ichvon der Zukunft spreche, denn die Vergangenheit geht garzu schnell in Vergessenheit über doch muss ich Ihnen,lieber Hensel, erzählen, dass ich vorgestern die Ausstellungvon Werken lebender Künstler gesehen habe, die berühmtestenNamen und Titel standen im Katalog, den Werken aber wares nicht anzusehen, dass Meisterarbeiten sich darunter befän-den. Ich habe nie und nirgend einen solchen Haufen schlechterSachen zusammen und unter allen auch nicht ein einzigesBild gesehen, das etwas anderes verrieth als Geschmacklosig-keit und Untalent; in keinem einzigen, ich wage es zu sagen,auch nur eine tüchtige Praktik. Felix ist hierin nicht meinerAnsicht, er findet ein Bild von Wilkie, einen beichtenden