132
Die Schweizer Reise.
„Liebste Lea, liebster Bruder, Kinder, Freunde — ichmöchte nur gleich Eure Dienerschaft auch zu denen, die ichhegriisse, rechnen, denn Euer Zug durch das so oft gepriesene,nie genug gelohte Land macht mir eine so herzliche Freude,dass ich Millionen umschlingen möchte. Sie aber, liebste Schwes-ter, liess ich mir bei dieser Allerweltsumarmung pour la bonnelouche, denn ich habe Ihnen auf eine ganz besondere Weise zudanken. Mehrere Briefe sind mir aus Berlin zugeschickt wor-den, Briefe an Ihre Mutter, an Tante Levy, an Marianne unddiese verspricht, die noch fehlenden nachzusenden. Nicht nur,weil man Ihre Briefe gleich könnte drucken lassen, liebe ichsie, das wäre das Wenigste, aber weil sie ein wirkliches Bandfür die zerstreuten Glieder der Familie sind. Von Ihnen gehtdie Regsamkeit aus, die diese (ich meine die Mr. Mendelssolin'shi der Familie) gewissermassen zwingt, sich bei aller Liebeund Freundschaft nicht ganz zu vergessen! Dabei sind dieselieben Briefe ein wahres — nicht mehr Panorama, sondern Dio-rama, ein viel vollkommeneres Kunstwerk, das uns die Gegen-stände in der möglichsten Wahrheit mit allen Veränderungenan Licht und Schatten, wie sie das wechselnde Tageslicht her-vorbringt, darstellt. Wir besitzen solches Kunstwerk jetzt hiParis: eins der Gemälde stellt das Sarnentlial vor, einen Seeund Gletscher in der Ferne. Mir war's, liebe Lea, als müssteich Sie am Ufer des Sees und die Uebrigen auf den umliegen-den Bergen erblicken. Denn wenn der wilde Jäger mitseinem Heer von keiner Ruhe wissen will, so bleiben Siedoch gewiss in irgend einem freundlichen Tliale und lassensicli's von den liebenden Kindern erzählen, wie es auf jenen Bergenaussieht. Gehörte ich zu Ihnen, ich bliebe mit Ihnen, denn ich lobe,oder weiss vielmehr nichts an den Bergen zu loben, als dass sieThäler bilden — ich habe nie einen bestiegen. — Nicht wahr,Liebe, das hätten wir uns in unserer Wiege beim hohen Ofennicht träumen lassen, dass der Schnee auch etwas anderes bil-den kann, als Ballen, oder wenn es hoch kommt, eine manns-hohe Figur? Und wenn wir auch später Manches gelesen ha-ben, wie verschwindet das vor dem Anblick solcher Schweizer-Gegend! — Wie ganz anders wird die Seele erfüllt, erheitert
-