Verlobung von Fanny Sebastiani. 63
zu erwarten ist, — als es die gefährliche Lage einer reichenErbin erlaubt. Wie sehr mich alles dies, nebst den erregendenBestandtheilen von Intriguen, Klatschereien, Eitelkeit, Leicht-sinn und dergleichen erschüttert, beschäftigt und betrübt hatte,werden Sie*) bei aller Mutterliebe doch nur halb begreifen,denn bei Ihnen und Mendelssohn fehlen ja eben diese schlechtenElemente! Fanny selbst hat sich recht brav und einfach gutgezeigt. Wir gehen nun in wenigen Tagen aufs Land, —wo sie ihre gewohnte Lebensweise hoffentlich ruhig fortsetzensoll, bis ihre Stunde schlägt. Was ich dann vorzunehmen ge-denke, darüber bin ich selbst noch ungewiss, wahrscheinlichwerde ich noch einige Monate nach der Yerheirathung im Hause— wenigstens wohnen, — und dann mit Gottes Hülfe wiederin Eurer Nähe leben."
Am 10. Juni 1824 heisst es dann weiter: „Um Euch znerklären, wie es mir möglich gewesen, Fanny's nun entschie-dene, und ziemlich nahe Verbindung mit dem Sohne des Herzogsvon Praslin nicht schon früher angekündigt zu haben, dazumöchte ich das Wundertalent unseres Felix besitzen, um Euchin leidenschaftlichem Gesang den Constrasto d'affetti zu schildern,der mir seit diesen letzten drei Monaten das Herz zerreisst —mit Worten würde ich es vergeblich versuchen! Vor einigenMonaten, als man im Begriff war, eine traurige Wahl zu treffen,war ich um Fanny in der höchsten Besorgniss, und grämtemich tief über das traurige Loos, das ihr bevorstand. Nunaber mit Gottes Hülfe eine andere Verbindung zu Stande ge-kommen ist, von der sich, auch wenn die schönen Hochzeit-kleider vertragen sein werden, manches Gute erwarten lässt,und Fanny so überselig ist, bin ich selbst meine Qual, —• unddie Frage von sogenannten theilnehmenden Freunden: „Wasdenken Sie zu thun?" — ist mir ein schneidendes Schwerdt.Dass die Treue und Liebe, die ich dem Kinde und dem Mädchenin dieser Reihe von Jahren bewiesen, eigentlich nur eine Rollewar, dass der Vorhang nun fällt und Fanny morgen in einemneuen Stück erscheint, in welchem kerne Rolle für mich ist,
*) Hier wird Abraham's Frau, Lea angeredet.