Litterarische Arbeiten.
19
christliche als jüdische Ausleger nur darum in den Psalmengefunden, weil sie es darin gesucht haben; und nur darumgesucht haben, weil sie weder Weltweise noch Kunstrichtergewesen sind. — Es ist vielleicht gefahrlich, diese einge-wurzelten Vorurtheile öffentlich zu bestreiten; allein diesenWeg müssen wir doch endlich gehen, wenn die Psalmen mitvernünftiger Erbauung gelesen werden sollen. Man hat unslange genug durch mystische Deuteleien den klaren Sinn derSchrift verdunkelt."
Diese Uebersetzungen waren ein schwieriges Werk. DieOrthodoxen beider Religionen waren natürlich mit Mendelssohn'sgrossartiger und vorurtlieilsfreier Auffassung nicht zufrieden undes war zu erwarten, dass namentlich die jüdischen Rabbinerund Talmudisten Himmel und Erde gegen Uebersetzung undUebersetzer in Bewegung setzen würden. Aber sie fanden inMendelssohn einen ihnen vollkommen gewachsenen Kämpfer,dem seine frühere talmudische Ausbildung hier zu Statten kam.Die Uebersetzungen gewannen sich ein immer grösseres Publikumund bilden noch heute die Grundlage aller jüdischen Jugend-Erziehung.
Andere epochemachende Werke folgten. Er liess eineUebersetzung eines im Jahre 1656 für Cromwell geschriebenenWerkes „Rabbi Manasseli Ben Israel, Rettung der Juden" an-fertigen und schrieb dazu eine Vorrede. Es sind nur 22 Seiten,aber die reifsten, weit dem Standpunkt der' damaligen Zeitvorauseilenden Ansichten sind in so vollendetem Stil darin aus-gesprochen, dass diese Vorrede wohl für die Perle unter Men-delssohn's Werken gelten kann. Es folgte „Jerusalem, oderüber religiöse Macht und Judenthum", eine grosse Arbeit, diesich jener „Vorrede" würdig anreiht, die dort angedeutetenFragen weiter begründet, gewissermassen Mendelssohn's politisch-religiöses Testament. Er hat es dem 19. Jahrhundert zurVollstreckung hinterlassen; „Trennung der Kirche vom Staat"ist die kurz ausgedrückte Hauptforderung. Seiner philosophischenNatur gemäss knüpft er bei jedem Schritt an spekulative Grund-sätze an und entzieht so seine ganze Beweisführung dem poli-tischen Partlieihader. Speciell politisch hat sich Mendelssohn,