Druckschrift 
1 (1880) 1729 - 1835
Entstehung
Seite
18
Einzelbild herunterladen
 

18

Moses Mendelssohn.

dass der grosse Haufe seiner Zeitgenossen das Verdienst diesesWerks verkenne; eine bessere Nachwelt werde noch fünfzigJahr nach seinem Tode daran lange Zeit zu kauen und zu ver-dauen finden. Er ist in der That mehr als ein Menschenalterseinem Jahrhunderte zuvorgeeilt."

Kehren wir aber zurück zu Mendelssohn's Wirksamkeit.Wenn er sich auch durch den Lavaterstreit offen als Vor-kämpfer des Judenthums bekannt hatte, so war damit etwasPositives für die Juden doch noch nicht geschehen. Nun aberbegann Mendelssohn seine reformatorische Thätigkeit und nahmdabei seinen eigenen Bildungsgang, der sich bewährt hatte,zum Muster. Zuerst musste Deutsch gelernt werden. Dievortrefflichen Bemerkungen über das Wesen der Sprache imJerusalem" zeigen, wie viel Mendelssohn darüber nachdachte.Um den Juden nun gerade als Juden das Deutsche zugänglichzu machen, übersetzte er die heiligen Schriften derselben, diefünf Bücher Mosis, die Psalmen, das Hohelied Salomonis insDeutsche. Andere sollten folgen; es lag im Plan, das ganzealte Testament in gleicher Weise zu bearbeiten, aber der Todereilte ilm über dem Werke. Diese Bücher wurden deutschtheils mit hebräischen, tlieils mit deutschen Lettern gedruckt,um die Bekanntschaft mit dem Deutschen stufenweise herbei-zuführen und zugleich den Christen Gelegenheit zum Leseneiner im Sinne des Originals, nicht theologisch und mit christ-lichen Deuteleien gehaltenen Uebersetzung zu geben. Für seineAuffassung der Schriften ist bezeichnend, was er in einemBriefe an Michaelis sagt:Ich habe selbst etwa 20 Psalmenins Deutsche übersetzt und war nicht ungeneigt, sie als Probender lyrischen Poesie der Hebräer bekannt zu machen.Ich muss gestehen, dass ich mit allen Uebersetzungen derPsalmen, die mir zu Gesicht gekommen sind, sehr wenig zu-frieden bin, mit den poetischen noch weniger, als mit denprosaischen. Wo sie auch zufälligerweise den Sinn treffen, daverderben sie doch durch das occidentalisclie Reimgebäude dasEigenthümliclie der hebräischen Dichtkunst. Ich bin ver-sichert, dass Sie die Psalmen als Poesie behandeln werden,ohne auf das Prophetische und Mystische zu sehen, das sowohl