6
Moses Mendelssohn.
Aelinlicli wie der erste Moses fand er ein entartetes, ver-wahrlostes und geknechtetes Volk, freilich in einer anderenZeit und unter wesentlich anderen Bedingungen. Sehl klarerBlick sagte ihm, dass demzufolge auch andere Mittel ange-wendet werden müssten. Damals war die ganze Nation indem kleinen Nildelta Egyptens koncentrirt gewesen, die Lebens-und Besitzverhältnisse waren einfachere, das Nomadenleben,das Umherziehen ganzer Völker gewöhnlich. So konnte Mosessein Volk fortführen aus Egypten nach Palästina und es durcheine neue Gesetzgebung verjüngen. Jetzt waren die Juden inder ganzen Welt zerstreut, innig verwachsen in ihrem Verkeimmit den fest angesiedelten Nationen; es war nicht mehr thun-lich, eine Massenauswanderung zu Organismen, und es verdientgelesen zu werden, mit welcher Entschiedenheit Mendelssohneinen solchen ihm von einem „Mann von Stande" vorgelegtenPlan zur Gründung eines jüdischen Reiches in Palästina alsunpraktisch zurückwies, obgleich es zu seinen Glaubensartikelngehörte, dass die Juden nicht immer zerstreut leben, sondern„dereinst" vom Messias wieder zu einer freien Nation im Landeihrer Väter gemacht werden würden. Er wusste eben, dassdieses „dereinst" noch nicht an der Zeit war. Ebenso fandMendelssohn keinen Grund, an der Mosaischen Gesetzgebungzu rütteln, sie hatte sich bewährt, und er hielt sie noch fürzeitgemäss genug, um beibehalten zu werden. Die Judenmussten also Juden bleiben und mussten im Lande bleiben;und doch fand Mendelssohn ein Palästina, in das er sie ein-führte: die gebildete Gesellschaft. Er stellte zuerst in sichdas Musterbild eines gebildeten Juden auf; er machte dies denChristen anziehend genug, um ihm alle Kreise zu eröffnen;er befähigte dann die Juden zur Nachfolge, zum Eindringenin die gemachte Bresche; und wie Moses ging es auch diesemReformator: er sah den Einzug seines Volkes in das Land,wohin er es führte, nicht vollendet; noch heut dauert derselbefort, immer mehr erringen sich die Juden eine geachtete Stellein der Gesellschaft, den Künsten und Wissenschaften, und esist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, dass jeder deutsche