Allgemeine Lage des Judenthums. 3
des Stammes auf sich selbst: Familienliebe, die unbe-dingteste Ehrfurcht der Kinder gegen die Eltern, Stammes-anhänglichkeit, rege Betriebsamkeit auf den wenigen ihnenoffen gelassenen Feldern menschlicher Tliätigkeit, grossartigeWohlthätigkeit und strenge Religiosität. Das waren die Licht-seiten des jüdischen Characters, wie er sich im Lauf der Jahr-hunderte entwickelt hatte. Aber ihnen standen tiefe Schattengegenüber: die Nation verknöcherte, sie verlor jeden weiterenBlick, aller Fortschritt stockte; sie hatte ihre besondere Sprache,ein krasses Gemisch von Hebräisch und Deutsch, ihre besondereArt, Haar, Bart und Kleidung zu tragen; das einzige Studium,ausser der Medicin, war das ihrer religiösen Bücher. Und wiees immer geschieht, wenn sich die Religion der Verbindungmit dem übrigen geistigen Leben entzieht, so auch hier: siewurde starr, jede Frische entwich ihren Formen, die dogma-tischen Spitzfindigkeiten und Haarspaltereien wurden immermehr ausgesponnen, und wer hierin Meister war, galt fürfromm. Ihre Schriftsprache war das Hebräische. Dieses liegtaber in seinen Wurzeln und seinem ganzen Charakter dermodernen Entwickelung ferner als irgend eine andere alteLitteratursprache, und so war das einzige Studium der da-maligen Juden auch noch dazu angethan, sie der modernenBildung immer mehr zu entfremden. Dazu kam die Persön-lichkeit der Lehrer: es waren fast durchgängig polnischeJuden, weil man sie für schriftgelehrter als die deutschenhielt. Natürlich standen diese den deutschen Christen nochferner als ihre deutschen Glaubensgenossen, und erweitertendie schon bestehende Kluft immer mehr. Eine Priesterkasteneigt immer zur Intoleranz, wenn sie sich auch aus demedelsten, gebildetsten Theil einer Nation rekrutirt, wieviel mehrhier, wo sie aus Mitgliedern eines fremden, unwissenden undkulturlosen Volks bestand. Verfolgung der Aufgeklärteren,Verbot jeder Spur von Bildung, beharrliches Zurückhalten aufdem einmal eingenommenen Standpunkt war die Lebensaufgabe,die sich diese polnischen Rabbiner gestellt hatten. Sie ahnten,dass bei allgemeiner Bildung es um ihre Herrschaft geschehensein würde, und so stempelten sie jede Abweichung von der
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