2
Moses Mendelssohn.
wurde unter Friedrich Wilhelm I. die Berliner Judenschaftgenöthigt, die auf den grossen Hofjagden erlegten Wildschweinezu kaufen*), und unter Friedrich dem Grossen musste jederJude hei seiner Verheirathung für eine bestimmte Summe Por-zellan aus der neugegründeten K. Porzellanmanufaktur in Berlinentnehmen, und zwar nicht nach eigener Wahl, sondern nachdem Beliehen der Manufaktur, die sich auf diese Weise natür-lich ihre Ladenhüter vom Halse schaffte. So bekam MosesMendelssohn, der damals schon allgemein bekannte und ge-achtete Mann, 20 lebensgrosse, massiv porzellanene Affen, vondenen sich noch einige in der Familie erhalten haben.
Als fast einzigen Nahrungszweig besassen die Juden denKleinhandel, und auch diesen nur mit Ausnahmen. So durftensie nicht mit Materialwaaren handeln, weil dies ein zünftigesGewerbe war; es blieb der Handel mit alten Kleidern, mitSchnittwaaren und mit Geld, d. h. der sogenannte Wucher.
Unter so ungünstigen Verhältnissen blieb die jüdischeNation ungebrochen, keine Verfolgung vermochte ihre Anhäng-lichkeit an die Religion und die Sitten ihrer Väter zu erschüttern;auf der einen Seite stand alles, was den Menschen locken kann:Anfnalime in die Gesellschaft, Theilnahme am Staat, Einfluss, —auf der andern nur die Aussicht, ein geplagtes und verachtetesDasein auch ferner zu führen, und die Kinder bis ans Endeder Welt führen zu sehn; aber jenes musste erkauft werdenmit einer Verleugnung der innersten Ueberzeugung, — unddas Judenthum blieb durch Jahrtausende standhaft. Die Zahlderjenigen, die unüberzeugt zum Christenthum übergegangensind, ist eine miendlich geringe. —
Ungebrochen blieb die Nation; aber es wäre unnatürlichgewesen, wenn nicht die lange Zurückdrängung aller edlerenEigenschaften, die künstliche Beschränkung auf den niedrigstenund in jeder Beziehung schmutzigsten Theil des Handels, dieAbsperrung von dem grossen Strom der Civilisation Früchtehätte tragen sollen, gute und böse. Einzelne edle Eigenschaftenblühten um so reicher durch die gezwungene Beschränkung
*) Streckfuss: Berlin seit 500 Jahren.