IV
Wissenschaftlicher Vorbcricht.
Stellung, welche man der Genealogie in der Wissenschaft gab, dadurch, daß man sie zu einer abgeschlossenen Hülfs-wissenschaft stempelte, dazu benüzt worden, sie lebensmatt zu machen — und daß wir es geradezu sagen: der ist kein wahrerHistoriker, der nicht den organischen, unabweisbaren, innerlichen Zusammenhang aller der sogenannten Hülfswissen-schaften erfaßt hat und zu benüzen weiß. Ohne Diplomatik besteht kein Heraldiker, ohne Heraldik kein Sphragistiker,,ohne Sphragistik kein Genealoge, ohne Genealogie, Sphragistik, Heraldik, Kronologie und Numismatik kein Historiker.In diesen Wissenschaften, welche besser zusammen nur als eine Wissenschaft genannt und gchandhabt werden sollten,in diesen findet der wahre Historiker seine Bausteine, und ohne die Erkenntniß des Werthes dieser Steine und ohne dierichtige Verwerthung derselben bleibt alle Geschichte nur eine Compilation gefrorner Gedanken.
Dieß kennzeichnet die Grundlage unserer Ansichten und Neberzeugungen vom richtigen Ausgangs- und End-punkt aller historischen Forschungen.
Der zweite Grundsaz, der uns in Folge dieser Ueberzeugungen sich aufdrängen mußte, war die Thatsache,daß man die Bausteine mit Sorgfalt und kritischen: Auge sich wählen müsse, wenn der aufzuführende Bau für mehrals Menschenalter dauernd dem Meister Ehre machen solle. Von diesem Grundsaze aus sind wir bestrebt gewesen^wo immer es möglich, an der Quelle zu schöpfen und das nicht ans dritter Hand zu nehmen, was uns die erstebiete:: konnte.
Wir halten es für eine Pflicht gegen das günstige Geschick, es anzuerkennen, daß uns ein unschäzbares Ma-terial in den Resultaten zwanzigjähriger diplomatischer und archivalischer Forschungen, und in den Früchten ebenso-langer Ausbeutung und Sammlung von außeramtlichen Quellen zu Gebote stand, und wenn wir auch gerne zu-geben, daß tausendfältig mehr als wir benüzen und sammeln konnten, in unseren geheimen und nichtgeheimenArchiven zu entdecken wäre, so dürfen wir dennoch mit Genugthuung behaupten, daß unter gegebenen Umständendie Quellen, die uns zu Gebote standen, vielleicht nicht ein zweites Mal in dieser Ausdehnung und Vollständigkeit inden Händen von Forschern und in Privatsammlnngen sich finden dürften.
Wir rechnen dazu vorzüglich nur die ungedruckten Quellen, obwol, wie später gezeigt werden soll, auchzahlreiche unschäzbare gedruckte Quellen, die auch andern Forschern zu Gebote gestanden wären, bisher für unsereuZweck allein und zuerst von uns benüzt worden sind.
Als solche ungedruckte Quellen nun, soweit sie hier in Betracht kommen, nennen wir:
1) Eine Sammlung von mehr als 5000 Regesten von Originalurkunden.
2) Eine Sammlung von mehr als 2000 Abschriften adlicher Grabsteine.
3) Eine Sammlung von etwa 1200 Siegeln und Siegelabgüssen aus dem 11. bis 18. Jahrhundert mit jedes-maliger Bemerkung des Datums der betreffenden Urkunde.
4) Eine Sammlung von einigen und 1500 adlichen Geburts-, Heuraths- und Todesanzeigen, Auszügen ausPfarrbüchern :c. w.
5) Eine Sammlung von Stammbüchern, Ahnentafeln, Stammbäumen, Familienkroniken.
6) Eine Sammlung von mehr als 800 Originalbriefen genealogisch-heraldischen Inhaltes neuerer Zeit.
7) Die Reichstaxamtsrechnung, welche vom Jahre 1500 — 1806 die Angaben aller Erhebungen in denReichsadelstand :c. ze. aufgezeichnet hat.
8) Eine Sammlung von Abschriften aller Adelsdiplome, welche von den Reichsvikaren in Sachsen vom Jahre1657 — 1792 ertheilt wurden.