zur Uberzeugung, dass hier weitverbreitete übereinstimmende heraldische Vorstellungen geherrscht habenmüssen und lange fest geblieben sind, die Schlüsse auf absolute Abhängigkeit eines Wappenwerkes von einemandern als äusserst gewagt erscheinen lassen. Eher dürften seltene oder in ungewöhnlicher Form erscheinendeWappen Schlüsse erlauben. Das Donaueschinger Wappenbuch („DEWb") sowie Gallus öhems ReichenauerChronik („öhem") und G. Han's Uberlinger Geschlechterbuch scheinen für derartige Untersuchungen amehesten Erfolge zu versprechen. Z. B. findet sich das erstmals in der WR als Wappen der Grafen mit der Fahnevorgestellte Heroldswappen Bregenz mit demselben Schild, aber mit etwas verändertem und reicherem Kleinodund nicht genau in der gleichen Folge im DEWb wieder; öhem hat dagegen wie Grünenberg roten Schildmit Hermelinpfahl. Bei öhem fallen ausser Studengast (Donatorentafel Salem hat laut Herold 1893, 74grünes Feld) u. a. die Wappen Andelfingen und Wasserburg auf, die mit WR 370 und 371 übereinstimmenund sich auch bei Han finden, aber durch Siegel oder sonstwie keinem Geschlechte bestimmt zugewiesenwerden können. G. öhem alias Martin, Baccalaureus der freien Künste, lebte zuerst als Priester und Kaplanin seinem Heimatorte Radolfzell, wo zu Beginn des 15. Jhdts. ein Geschlecht von Andelfingen verbürgert war.Seine Chronik, von der Han eine Abschrift genommen und die dieser weitergeführt hat 1 ), schrieb öhem in denersten Jahren des 16. Jhdts. im Dienste der Abtei Reichenau; von 1508 an wohnte er als Kaplan im DomstifteKonstanz.
Dass der Urheber des Donaueschinger Wb die WR gekannt und mitverwertet hat, erscheint bei genauerVergleichung äusserst wahrscheinlich; er kopierte die von ihm ausgewählten Wappen von Geschlechtern, diezu seiner Zeit noch lebten, aber nicht sklavisch, sondern berücksichtigte wie bei öttingen die inzwischen er-folgten Änderungen, öhem dürfte unabhängig vom DEWb das Original der WR oder vielleicht schon dieAulendorferkopie benützt haben. Han schöpfte offenbar das Wb öhems aus. Aus diesen Reichenauerforschun-gen mag auch die Aulendorferkopie hervorgegangen sein.
Sind unsere Wahrnehmungen richtig, so dürfte das Original der WR durchs 15. und 16. Jhdt. hindurchauf der Reichenau, in Konstanz, St. Gallen oder sonstwo im Bodenseegebiete gelegen haben, nicht in Zürich,höchstens auf der Kiburg.
Erst das 18. Jhdt. überliefert uns bestimmtere Angaben und Anhaltspunkte, vor allem für die nunmehrigeLage und den Zustand der WR in Zürich, durch Bemerkungen vom Schaffhauser Amtmanne Dr. med. Joh.Scheuchzer und dem Ratsherrn J. H. Schinz, die der Kopie der WR von Maler H. C. Bernhauser in der ZürcherZentralbibliothek beigegeben sind (s. unten S. LXX). Dr. Scheuchzer teilt hier mit, es sei von ihm das Originalvon dieser [kopierten] Membrana Heraldica auf die zürcherische Burgerbibliothek verehrt worden, allwoselbige in dem Repertorio C. in einer Schachtel aufbewahrt werde. Und J. Hrch. Schinz ergänzt diese Angabendurch die Erklärung in der kurzen Beschreibung der WR, der pergamentene, mit Farben gemalte Rodel habeehemals Herrn Dr. Jac. Scheuchzer gehört und sei von seinem Neffen Herrn Dr. und Amtmann Scheuchzerder Bibliothek verehrt worden. Johann Jakob Scheuchzer, der Verfasser der seinerzeit als Meisterwerk gelten-den Natur-Historie des Schweitzerlandes, lebte 1672-1733. Seine Werdezeit bis 1699 ist biographisch dargestelltworden 2 ). Scheuchzer hat sich seine vorwiegend naturwissenschaftlichen, medizinischen und mathematischenKenntnisse an den Universitäten Altorf und Utrecht geholt und an letzterer 1694 den Grad eines Dr. med.erworben; er wurde 1695 Arzt am zürcherischen Waisenhaus, 1696 Kurator der Bürgerbibliothek und Ver-walter des zürcherischen Raritätenkabinettes, auch Kunstkammer geheissen. Sein historisch gerichteter Sinn wiesihn auch auf das Studium der Numismatik, Diplomatik, Siegelkunde und des Wappenwesens; dieser gelangtezu praktischer Anwendung in den „bürgerlichen Unruhen" des Jahres 1713 3 ). Im ganzen treten bei Scheuchzerdie Interessen für die historischen Hilfswissenschaften und die vaterländische Historie erst in der zweitenLebensperiode hervor. Von ihm stammt ein zweibändiges Wappenbuch der Zürcher. Zentralbibliothek (Ms.K 35 u. 36), mit zahlreichen Siegelzeichnungen, das aber keine Spur einer Verwertung der WR enthält 4 ),von ihm (und Joh. Lochmann) das 1730 im Druck erschienene Alphabethi ex diplomatibus et codicibus
] ) K. Brandi Chronik des Gallus Öheim XXV u. XXVIII, H. Sevin Überlinger Häuser-Buch 78 ff.
2 ) Rud. Steiger Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733), I. Werdezeit (bis 1699), Zürch. Diss. 1927. Herrn Dr. Steiger sindBemühungen um die Aufhellung der Geschichte der WR zu verdanken; in Scheuchzers Briefwechsel in der Zürcher. Zentral-bibliothek findet er keine Spuren.
3 ) Njbl des Waisenhauses in Zürich 1894, 30.
4 ) Kurz beschrieben bei Haller Bibliothek II no. 1862. Das Njbl der Stadtbibl. Zürich 1845, 77 n. 56 spricht von mehrerenBänden Schriften zur Heraldik dienend in seinem Nachlasse.
Einleitung ZWR
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