137die so nöthige Nachsicht gegen die Fehler des Ne-beumenschen, als die Beurtheilung der Handlungendes Nächsten. Nach und nach wird dem Men-schen dadurch die gute Seite seines Nächsten un-merklich; er wird fühllos, unempfindlich gegendie mehresten, wo nicht alle gute Handlungendesselben. Dahingegen wird er dadurch auch ge-gen die allergeringsten fast unvermeidliche Fehlerund Schwachheiten desselben höchst empfindlich.Seine Liebe erkaltet in ihm, mithin legt er insich den Grund zur Härte, zu einem bösen Her-zen, und hieraus folgt Entzweyung mit dem Näch-sten, mit welchem man sonst in Frieden lebte,ganz unvermeidlich.3.) Endlich fliesset aus der Geneigtheit an-derer Fehler und Schwachheiten zu beurtheilen:der wichtigste Schaden für den Menschen selbst;indem er dadurch die äusserst nothwendige Auf-merksamkeit auf sich selbst verlieret, in Sicher-heit geräth und alsdenn unvermeidlich auf Irr-wege kömmt; ja, wo er nicht bald davon zurück-kehret, in Unglück stürzet. Dies heißt den Split-ter in seines Nächsten Augen sehen, und des Bal-kens nicht gewahr werden, der im eigenen Augesitzet. Dieser Hang zur Beurtheilung der Hand-lungen anderer Menschen, zeigt ohnehin einengrossen Leichtsinn und unvolkommene Beobachtungder eigenen Pflichten ganz unfehlbar an. Mankan dies fast jederzeit ganz untrüglich von der-gleichen Leuten schliessen. Denn, wenn jemandsich bemühet alle Punkten des Zirkels, den er indem ihm auf dieser Welt angewiesenen Würkungs-kreis ablaufen sol, genau, das ist, mit möglich-ster
Druckschrift
Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
Entstehung
Seite
137
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten