Philos. ⛪ C 7 le Nicht ausschlützen 2 Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher christlicher . Religionen. F.O.N.E. D LOTI zu Frankfurt und Leipzig 1780. Raca Kilas. 7 Qui injuste impetum in quempiam facit, is quasi manus afferre videtur socio. Cicero lib. 1. Ossic. Cap. 7. Noch immer wird der eigentliche Endzweck der wolthätigsten Religion von den mehresten verkannt. Bei allen Völkern findet man Beweise der Warheit des Satzes; Quantum Religio potuit suadere malorum! Freilich kan man dieses nicht der Religion, sondern nur blos den mangelhaften, zu wenig deutlichen, ja nicht selten ganz irrigen Begriffen, so man sich von ihr macht, zuschreiben. Dieß ist es was ich mich bemühet habe, aus der Offenbarung so wohl, als der Natur des Menschen selbst, mithin aus theologischen so wohl, als philosophischen Gründen zu erweisen, und darzuthun daß der Endzweck der Religion Christi nichts anders als moralische Vervolkommnung seye. Der Mensch soll durch die A 2 Religion Religion geleitet werden, seine Glückseeligkeit durch Erhöhung seiner Seelenkräfte mittels Gotteskraft, in sich selbst zu gründen. Der Körper sol mit allem was sinnlich ist, dem natürlichen Wege zufolge, in die Erde herabsinken, und als was vergängliches, was unedles betrachtet werden. Dahingegen sol die Seele sich immer mehr, durch Befreiung vom sinnlichen veredlen, sich zu ihrem Schöpfer emporschwingen, demselben immer ähnlicher werden. Dieses erhabenste Denkbild, ist der Endzweck der Religion. Wie kan hiemit Intoleranz, Haß, Verfolgung des Nächsten bestehen? Wie sehr sinkt der Mensch hiebei herunter, und verlieret den seeligsten Endzweck der Religion! Ich habe bei dieser Schrift keinen anderen Endzweck, als diese Warheit ausbreiten zu helfen. Das Zeugniß in dieser wichtigsten Sache, etwas beigetragen zu haben, würde würde für mich die gröste Wonne seyn, welcher meine Seele auf dieser Welt fähig ist. Ich habe meinen Nahmen deshalb, verschwiegen, um ein desto unpartheiischeres Zeugniß über diese meine Gedanken zu erhalten. Mir selbst liegt's am mehresten am Herzen, ob ich in dieser wichtigsten Materie recht denke, oder ob ich mich irre. Letzteres möchte ich um die ganze Welt nicht. Jede Schrift, jeder Einwurf wodurch ich der Warheit werde näher gebracht werden, sollen mir höchst willkommen seyn. Ob ich aber selbige, im Fall sie mich nicht überzeugen, öffentlich beantworten werde, weiß ich nicht. Schwehrlich werde ich diese Materie wieder berühren können. Die Vorsehung hat mich nemlich in eine Lage gesetzet, worin ich mit anderen wichtigen Geschäften überhäuffet bin, die meine ganze Anstrengung, so lange ich auf dieser Welt bin bin erfodern, mithin mir keine Zeit zu Nebenarbeiten übrig lassen. Dießmal war ich aber durch den traurigsten Verlust meines besten Freundes, in die Nothwendigkeit gesetzet worden, meinen durch Traurigkeit ganz zerrütteten Geist, durch ungewohnte Beschäftigungen von dem Vorwurf meines Schmerzens abzuziehen. Um dieses zu erreichen, glaubte ich am dienlichsten eine Materie durchzuarbeiten, die mir zwar angenehm wäre, aber doch nicht zu meinem Fache gehörete. Nichts war natürlicher, als daß ich auf diejenige Materie vorzüglich fiel, aus welcher ich auch selbst den reichsten Trost schöpfen konnte. Ich meyne die Bestimmung des Menschen durch Religion. Eine Materie die mir, ich danke es der Vorsicht, schon seit langen Jahren als die einzigste, aus welcher der Mensch wahres Glück und Zufriedenheit schöpfen kan, geschiehnen. Ihre Betrachtung hat mich mich einen großen Theil meines Lebens beschäftiget. Ich überzeugte mich bald von der Nothwendigkeit, wenn man nur einigermaßen sich beruhigen will, alle Vorurtheile des Ansehens fahren zu lassen. Von der Wahrheit durchdrungen, daß Gott allein die Warheit seye, hingegen alle Menschen Lügner, war mein eifrigstes Bemühen, alles menschliche von meinen Religionsbegriffen abzusondern. Ich gieng dabei öfters irre, und kam in Zweifel selbst über wichtigste Warheiten, allein die gütigste Vorsicht leitete meinen Geist wieder zurecht. Diese Abhandlung ist nun das Resultat meiner Bemühungen, meines Nachsinnens. Sie ist also ein Kind der Natur, und enthält nichts gekünsteltes, noch erzwungenes. Ich habe selbige mit einfältigem Herzen nach meinen Empfindungen und Ueberzeugungen hingeschrieben. Ich hoffe durch Gottes Kraft immer weiter hierin zu kommen, die lautere Warheit immer mehr von dem ihr anklebendem, sie versteckendem sinnlichen abzufondern. Ich wünsche dieses mir und allen Menschen, um so wol im reinen Glauben an Gott, als in der wahren Menschenliebe immer zuzunehmen zunehmen. Und da die Toleranz eine Haupttugend aller Christen seyn sol, so muß auch jeder von der Warheit durchdrungen seyn, daß niemand bei den Auftritten im gemeinen gesellschaftlichen Leben bei sich empfinden müsse; ob man Christ, Heide, Türk, ob man katholisch, protestantisch oder griechisch seye. Wir sollen zu allererst und stets empfinden, daß alle Nebenmenschen ohne Ausnahme unsre Brüder seyen, die das nemliche Recht zur Glückseeligkeit haben, als wir. Und wie muß in dieser allgemeinen Menschenliebe der Christ sich nicht auszeichnen. Er sol Christi Nachfolger seyn; er sol so leben, wie dieser jhöchste und unverbesserliche Lehrer lebte, d. i. so ganz gemeinnützig seyn. — An statt daß also die Christen sich in ihrem äusseren Gottesdienst so sehr absondern, sich haßen, fürchten und allerlei lieblose Vorurtheile gegeneinander ernähren, ja gar durch irrige Religionsbegriffe geblendet, öfters in ihre eigne Eingeweide wühlen, als wovon ich selbst öfters trauriger Zuschauer gewesen bin, solten sie ſich alle dahin beſtreben, in der Duldſamkeit und Liebe unter einander, und gegen alle Menschen, ihrem göttlichen Lehrer gleich zu werden. Innhalt. Erster Abschnitt. Worin gezeiget wird, daß in der christlichen Religion, so lange man in selbiger gegen den Willen ihres Stifters, in dem äusserlichen Gottesdienst einen inneren reellen Werth setzet, die verschiedenen Absonderungen unvermeidlich sind. §. 1. In der speculativen Theorie der dogmatischen Theologie giebt es verschiedene Sätze, die nicht bis zur Evidenz erkläret werden können. §. 2. Dieß kan aber keinem redlich gesinnten anstößig seyn, sondern man kan die Religion auf ihre erste Grundsätze reduciren, und von aller äusseren Einkleidung absondern: aus dieser verkehrten verschiedenen Einkleidung entstehen aber auch verschiedene Absonderungen in der Religion. §. 3. In der von Christo eingeführten allgemeiner Religion ist diese äussere Einkleidung der Religion, den Menschen nach ihrer Klugheit und Einsicht einzurichten, überlassen worden. §. 4. Dies wird ferner aus der Geschichte der allerersten Kirche bewiesen. §. 5. Fernere Gründe hievon. §. 6. Hieraus fließt aber nicht, daß es gleichgültig sey: ob, und wie eine Vorschrift zur Einrichtung der äusseren Religion, gegeben werde. §. 7. Die Ursachen, warum eine solche von der Kirche einzurichtende Vorschrift nothwendig ist. Wobei gezeiget wird auf welche Objekten diese Vorschrift sich beziehen müße, damit sie mit der Religion Christi übereinstimmend bleibe. §. 8. Un Innhalt. §. 30. Von der Intoleranz aus Unwissenheit. §. 31. Von der Jutoleranz aus Stolz. §. 32. Von der Intoleranz aus Eigenutz und Politick, wie auch mangelhafter Verfassung des politischen Zustandes einer Regierungsform. §. 33. Es erhellet, daß die Intoleranz weder aus der christlichen Religion, noch der philosophischen Moral, noch dem physischen Glück des Menschen vertheidiget werden könne. §. 34. Untersuchung, wie Intoleranz am besten verhütet werden könne. Erster Erster Abschnitt. Vorinn gezeiget wird, daß in der christlichen Religion, so lange man in selbiger gegen den Willen ihres Stisters in dem äusserlichen Gottesdienst einen inneren reellen Werth setzet, die verschiedenen Absonderungen unvermeidlich sind. §. 1. Die eigentliche speculative Theorie der dogmatischen Theologie hat es mit den speculativen Theorien aller übrigen Wissenschaften gemein, daß sie verschiedene Sätze enthält, die nicht bis zu einer solchen Evidenz theils erkläret, theils erwiesen werden können, daß darüber nicht verschiedene, ja selbst ganz gegenseitige Meinungen behauptet würden. Dies geschiehet so gar bey Wissenschaften, in welchen Beobachtungen, so auf physikalische Erfahrungen gegründet sind, zu Hülfe kommen; die doch bey der Theorie der Gottesgelartheit gänzlich wegfallen. Es ist also nicht zu bewundern, daß in der verschiedenen Erklärung theils bloser Wörter, theils des Zusammenhanges und verschiedener Relation einiger Perioden unter sich, hauptsächlich aber des verschiedenen Sprachgebrauchs fast unzählige besondere Meinungen über einige Urquellen der Religion entstanden sind, und so lange Menschen seyn, auch bleiben werden; es seye dann, daß Gott durch eine neue Offenbarung uns hierüber die völligste Aufklärung zu geben nöthig finden würde. Es ist bekannt daß so gar über die eigentliche Ausdrücke in den alten 14 ten Manuscripten fürnemlich des alten Testaments viele Streitfragen aufgeworfen sind, weswegen dann in den neuern Zeiten der berümte Kennikot sich die Mühe gegeben, eine grosse Menge Varianten, die sich bis auf 86 belaufen soll, nachzusehen; und dieserhalb aus Frankreich, Deutschland, Italien, ja selbst dem Vatican Unterstützung erhalten hat. Dies ist eine Hauptquelle der verschiedenen Denkangsart der Menschen, welche aus der Bibel den wahren Gottesdienst erlernen wollen. Es giebt aber auch noch eine andere, und vielleicht noch viel fruchtbarere Quelle. §. 2. Ein redlich gesinnter und es ganz treu mit sich meinender denkender Kopf kann die Religion, wenn er selbige von aller ausserlichen Hülle abstrahiret, auf sehr wenige Punkten simplificiren. Bekannt ist es, daß man in Erlernung einer Wissenschaft immer dabei gewinnet, je mehr man selbige simplificiren, das ist, auf wenige einzelne Sätze zurückbringen kann. Daß dies bey der Religion geschehen könne, zeigt uns der göttliche Lehrer ganz unfehlbar, wenn er die ganze Religion auf folgende Sätze reducirte, wo er nemlich sagt: Du solst lieben Gott deinen Herrn von ganzer Seele, von ganzem Gemüth und von allen Kräften, und deinen Nächsten als dich selbst, und ausdrücklich dabei behauptet, daß darin das ganze Gesetz und die Propheten enthalten wären. Er gieng noch weiter und hob nicht allein den ganzen beschwerlichen ceremoniellen Gottesdienst auf, sondern zeigte unter andern (Evang. Joh. 4. F. 20.26.) dem samaritischen Weibe Weibe, wie sehr derselben Nation auch von den Juden für Ketzer gehalten wurde, daß die Zeit käme und würklich schon da wäre, daß man weder auf diesem noch jenem Berge Gott anzubeten brauchte; hiezu würde in der Folge jeder Ort der Welt, jede Zeit, jene Stellung des Körpers rc. eben gut seyn. Nur müßte man Gott im Geist und in der Warheit anbeten. Hierauf reducirte Gott selbst allen denjenigen Dienst, welchen er von den Menschen foderte und den er deswegen von ihnen fodern mußte, weil ohne selbigen sie nie zum Besitz irgend eines reellen und beständigen Glückes gelangen können; oder welches einerlei ist, weil ohne selbigen der Mensch in seiner Vervolkommnung fast gar nicht fortschreiten kann. Und da nun der Werth und das Wesen der Religion nicht mehr in einigen änsserlichen Handlungen gesuchet werden, sondern blos allein in allgemeiner Verbesserung des moralischen Zustandes, d. i. Sinnesänderung bestehen solte, so stelte Gott den versprochenen Messias in der Person des Erlösers zum Vorbilde dar, daß hinführo die Menschen sich nach ihm formen solten, d. i. wie Paulus sagt, so gesinnet seyn, wie Jesus Christus auch war: welcher, nicht gleich dem ersten Menschen, durch äusserliche sinnliche und körperliche Mittel Gott gleich zu werden sich bemühete; sondern dem Menschen durch sein Vorbild zeigte, wie er durch Gehorsam an Gott, und völliger Ueberwindung aller sinnlichen Begierden, in bloser Erhöhung seiner Geisteskräfte Gott immer näher zu kommen sich bestreben solte. Da nun der Mensch hiezu durch gar keinen ceremoniellen Gottesdienst tesdienst, noch irgend eine leibliche Uebung, als welche nach dem Zeugniß des Apostels (a) hiezu nichts nützet, gelangen kan, so fand der allweiseste Erlöser, in welchem doch die Fülle der Gottheit wohnte, es gar nicht nöthig noch rathsam, über einen äusseren öffentlichen Gottesdienst einige Vorschriften zu geben; damit kein Mensch auf einigermassen gegründete Gedanken gerathen könnte, daß in der Befolgung dergleichen Vorschriften über äussere sinnliche Bemühungen, ein Theil der Religion Christi bestehen könne. Diese solte nemlich blos allein dazu dienen, um den geſammten Menſchen den Weg zu zeigen und zu bahnen, wie sie immer mehr und mehr ihre Geisteskräfte erhöhen, und zu dem Ende ihre sinnliche Begierden unterdrücken könnten. Es überließ daher der Heiland aus obigen weisesten Absichten, die Auswahl und Bestimmung der schicklichsten Mittel, um sich untereinander zu dieser moralischen Vervollkommung anzusetzen. Wir finden auch daß schon die Aposteln dergletchen Vorschriften gegeben haben; aber nie thaten sie solches in Form eines Gesetzes, sondern nur in Form eines Rathes, damit ja kein Menſch auf die Gedanken gerathen möchte, durch derselben Beobachtung etwas bei Gott verdienen zu können. Sie solten allein seelig werden durch den Glauben an Christum, nemlich durch die völligſte Beipflichtung und Wahrhaltung ſeiner Lehre; und Bestreben, denen von ihm gegebenen Vorschriften allein getreu zu denken, und zu handeln. Nach und nach wurden aber die verschiedentlich von (a) 1. Br. a. d. Timoth: 4. v. 8. 17 von der Kirche gegebene menschliche Vorschriften, für etwas wesentliches gehalten. Einige zeichneten sich durch eine strengere Beobachtung dieser oder jener Vorschriften aus, und so entstanden, und entstehen noch Parthien in derjenigen Religion, welche doch allein dahin gerichtet war, um den Menschen in einen geistlich gesinnten umzuschaffen, und ihn zu überzeugen, daß Gott als einem Geist, auch nur allein im Geist und in der Warheit gedienet werden kan. Nun iſt aber die Frucht des Geistes nach dem Ausdruck des Apostels, (a) Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmuth, Keuschheit: mithin siehet ein jeder leicht ein, daß keine dieser Eigenschaften, durch irgend eine körperliche Bemühung erhalten werden könne. §. 3. Der durch so viele Thaten, Wynder und sonderbare Begebenheiten bestätigte Sohn Gottes hob also den von Gott selbst vorhin den Juden anbefolenen äusseren ceremoniellen Gottesdienst ganz auf, und setzte dagegen die Taufe und das Abendmal ein. Wir finden in allen evangelischen Geschichten auch nicht die mindeste vom Heiland gegebene Vorschrift über eine andere Gottesdienstliche Handlung, so Gott von den Menschen in der Zukunft fodern würde. Hätte aber Gott diese von den Menschen begehret, und solche für ihr Glück nothwendig erachtet, so würde er ganz unstreitig, da er eine Menge von anderen dergleichen Handlungen abschafte, den Menschen, eben wie vorher den Juden, die allergenaueste (2) Brief an die Galater 5. v. 22. 18 naueste und deutlichste Vorschrift hierüber gegeben haben. * Es ist daher keine Uebereilung, wenn man sagt, daß bei der in der Religion Christi herrschender Freiheit auch diese den Menschen gelassen wurde, die äussere Form des Gottesdienstes d. i. die äussere Einkleidung und sinnliche Darstellung der Religion nach den Umständen klüglich einrichten und abändern zu dürfen. Unstreitig hatte Gott hierin die allerweiseste Absichten. Einige davon zeigen sich ganz klar; denn erstlich: der bis zur Erscheinung Christi von Gott festgesetzt gewesener äusserliche Gottesdienst gieng nur ein Volk in der Welt, nemlich die Juden an. Dieses Volk hatte daher den Befehl mit keinem fremden Volke in Gemeinschaft zu leben, damit es nicht verführet werden möchte, dessen Ceremonien beim Gottesdienst anzunehmen. Sie musten daher intolerant seyn. Die Geschichte der jüdischen Alterthümer zeiget auch mit welcher Sorgfalt Alles gesetzliche was Christus während seines Aufenthalts unter den Juden mitmachte, geschahe nur blos allein, sie nicht zu ärgern und dadurch zur Annahme seiner Lehre um so unfähiger zu machen. Nur zuweilen zeigte er, wie beim Aehren ausraufen das seine Jünger thaten am Sabbath, dem unterlassenen Händewaschen 2c. daß er solche ceremonielle gesetzliche Handlungen nicht mehr nöthig hielte, noch weniger foderte. Und wenn unter uns jemand noch einige dergleichen Handlungen nöthig finden wollte, dann müste er pünktlich alle diejenigen beobachten, die wir wissen, daß Christus gethan hat, und dann müste er auch noch jährlich das Osterlam essen als welches ja der Heiland mit allen Ceremonien noch wenige Tage vor seinem Tod genossen hat. Wäre daher dieses von Gott gegebene ceremonielle Gesetz nicht ganz abgeschaffet worden, dann würde es ja nicht beim Menschen stehen, in welchen Punkten er solches noch befolgen oder unterlassen müße. Sorgfalt man die Heiden, wenn man auch schon einigen erlaubt hatte in den Thoren zu wohnen, vom Gottesdienst ausschloße. Die von Gott der Welt gegebene Religion, oder mich klärer auszudrücken, der von Gott den Menschen verkündigte Weg zu einer grösseren Stufe der Glückseeligkeit zu gelangen, war daher eigentlich nur für ein Volk dazumal bestimmet. Christus hob aber auf einmal diesen Unterschied auf. Die Religion solte jetzt für alle Menschen ohne Ausnahme seyn; ein jeder solte nun jede Gelegenheit sich in und durch die Religion aufzuklären und sich glücklich zu machen benutzen können und dadurch mehrere und höhere Pflichten kennen lernen, dagegen aber auch höhere Belohnung erwarten dürfen. Solte nun dieser Endzweck erreichet und die Religion allgemein gemachet werden, so muste alles äussere gezwungene in so fern wegfallen, daß jedes Volk und jedes besondere Mitglied desselben, den äusseren Gottesdienst nicht allein leicht mitmachen, und nichts rechtmäßiges ärgerliche d. i. seiner Vernunft, als Gott verunehrendes anscheinende darin finden, sondern alsbald das wesentliche der Religion im Zusammenhange übersehen und sich von ihrer Vortreflichkeit überzeugen können. Daß dieses in der Religion Christi erhalten werde, wird wol niemand in Zweifel ziehen, da selbige auf dieſe zwei Grundſätze nicht allein gebauet iſt, sondern gleichsam nur darin bestehet, nemlich dahin sich zu bestreben, Gott als unseren Schöpfer und erſten Wohlthäter, und alle Nebenmenſchen ohne Ausnahme als uns selbst zu lieben; und zwar in dem Maße wie wir aus den evangeliſchen Geſchichten wiſſen, daß Chriſtus es gethau B 2 hat. 20 hat. Daß die Taufe und das Abendmal dies zur Absicht haben, und jeder Mensch dabei diese Absicht erreichen kan ist eben so offenbar. Es fält also anjetzt die bei den Juden ganz nothwendige Intoleranz nicht allein gänzlich weg, sondern ein jeder fremder muß die Vortreflichkeit und den Vorzug der christlichen Religion, so bald er sie nur von der rechten Seite einsiehet, anerkennen, und selbige annehmungswürdig finden. Dies würde man aber gewiß nicht im allgemeinen vom Menschen sich versprechen können, wenn die Reli gion in vielen äusserlichen Handlungen eingehüllet wäre; mithin der einfältige ans sinnliche so sehr klebende Mensch gleichsam nothwendig dahin fallen müste, in diesen äusseren Handlungen, und nicht im wesentlichen der Religion, die eigentliche Bestimmung zu suchen. Die Wahrheit hievon wird bald hernach weiter ausgeführet und durch die Lehre Paulus bestätiget werden. Eine andere Ursache, warum Gott in der Religion Christi, den Menschen in Rücksicht aufs äussere des Gottesdienstes eine solche Freiheit verstattete, war wol diese, daß sie nun an der einen Seite sich um so gewisser überzeugen solten, daß die eigentliche Absicht Gottes gar im geringsten nicht seye irgend einen äusseren Dienst oder Ehranthuung, wenn ich mich so ausdrücken darf, von dem Menschen zu erzwingen; sondern daß die Religion blos allein darauf ziele, wie der Erdenſohn ein beſſerer und glücklicherer Menſch werden könne. Er solte nun um so vollkommnere, so viel hoͤhere Begriffe von dem Gottesdienst erhalten, und selbst hierin so wie in allen anderen 21 ren Sachen seine Vernunft üben, stets mehr Aufklärung suchen. * Hierauf gründet's sich, wenn der Apostel einen vernünftigen Gottesdienst anbefiehlet. Dieser solte blos auf das reelle Glück der Menſchen abzielen, Eine Dies ist auch gar im geringsten nicht mit dem, für den Menschen sonst durchaus nothwendigem Befel, daß er in der Religion seine Vernunft gefangen nehmen solle, streitend. Gott hat den Menschen in der von ihm geoffenbarten Religion alles dasjenige deutlich gesagt, wovon der Mensch durch seinen Verstand die Gründe Diese Offenbarung sol der einzusehen vermögend ist. Mensch recht prüfen, und ihre sämmtliche Gründe abwiegen, und zwar mit einer solchen Genauigkeit, mit welcher der Scheidekünstler die Erze untersucht; welcher nemlich nichts ununtersucht zurückläßt, wie der Ausdruck des Apostels, δοκιμαζετε παντα solches zeigt: So hald er dieses thut kann es nicht fehlen, oder er wird die christliche Religion als einen sicheren Weg zu einer höheren Stufe der Glückseeligkeit in und nach dieser Welt zu gelangen anerkennen. Dies ist gnug, um dieselbe ihm als annehmungswürdig scheinen zu machen Der allweise und des Menschen Herz allein ergründende Gott fand es aber dabeneben nothwendig, ausser den obengesagten Warheiten, auch noch solche den Menschen zu offenbaren, von welchen sie auf dieser Welt gar keine dentliche Begriffe zu erhalten fähig sind. Nun ist es aber bekannt, daß, so bald der Mensch sich untersiehet über Sachen zu urtheilen von welchen er keine deutliche Begrisse hat, und was noch mehr ist bei der ihm vom Schöpfer ertheilter Perceptibilität zu erlangen fähig ist, er wohl nie anders als irrig urtheilen könne. Aufs beste genommen, muß, da er in keinem Schluß auch nur die mindeste Evidenz erlangen kan, ein Zweifel auf den anderen folgen, und so wird der Mensch an der einen Seite seine Kräfte ganz unnütz verschwenden und an den andern, von der Erlernung seiner eigentlichen Pflichten abgewendet werden. Die Erfahrung zeiget dieses klar be Eine dritte Ursache warum Gott dem Menschen diese Freiheit gestattete war auch wohl mit diese, daß er sich nun in der Religion Christi, bei den Menschen ganz in seiner Güte verherrlichen wolte. Der strafende Donner des Gesetzes den so genannten Grüblern. Es erhellet also, daß der Mensch zwar in einigen Religionswarheiten seinen Verstand gefangen nehmen, in Unthätigkeit halten solle, aber nur in denen g.offenbarten Warheiten, welche er nicht umfassen, noch derselben Gründe einsehen kan. Auch hierin hatte der Ewige, der Beſte Vater, in Rücksicht auf die Menschen die gütigste und weiseste Absichten. Er kannte den Hang des Menschen zum Leichtsinn und zum Stolz. Wenn er nun an der einen Seite sich zu den Menschen zwar so sehr herabgelassen, und sick als ihren Vater und Freund geoffenbaret hatte, so wolte er aber an der anderen Seite, durch die Ankündigung der Religionsgeheimniße den Menschen in tiefster Demuth erhalten. Wenn nemlich der Mensch in der Religion durch seine Vernunft, den einzigen Weg um die höchste Stufe der Glückseeligkeit unfehlbar zu erlangen, eingesehen hatte, so solten ihm dennoch in derselbigen geoffenbarten Religion wiederum Punkten aufstossen, die seine Vernunft gar nicht umfassen, noch begreifen konnte: und zwar solte dies deswegen geschehen, damit der Mensch, der in sich und ohne Gott ganz ohnmächtige Erdenwurm, der für gar keinen Erfolg von irgend einer seiner Handlungen gutsprechen kan, stetshin seinen unendlichen Abstand von dem Allmächtigen, und den ihm nöthigen Beistand von der einzigen Quelle der wahren Weisheit lebhaft empfinden solte. Es darf dieses auch den allerweisesten Menschen gar nicht befremden; denn, es ist ausgemacht, daß wir alle unsere Begriffe von Gott, blos durch Vergleichung mit den Kräften, Volkommenheiten und Eigenschaften die wir an uns selbst und andern Menschen finden, erhalten. Auch der Engel muß den Ewigen in gewisser Rücksicht sich so denkeu, wie er sich selbst findet, und Gott diejenigen Volkommenheiten setzes fiel nun nicht allein bei der Religion Christi weg, sondern da alles was Gott auf dieser Erde erschaffen hat, gut ist, so solte auch nunmehro der Mensch die volkommenste Freiheit haben, alle irrdische ihm verliehene Güter ohne einige Ausnahme geniessen zu können, um darin so viel mehr die kommenheiten beilegen, die er an sich wahrnimt. Denn dazu, daß er Gottes Volkommenheiten erkennete, wie sie ihrer inneren Beschaffenheit nach in Gott sind, dazu würde erfodert, daß er selbst an der unendlichen Natur unmittelbar Theil nähme. Wie wil also der Mensch von der Haushaltung Gottes, wenn ich mich so ausdrücken darf, nur in etwa mit einigem soliden Lichte urtheilen, da er Gott, dieses unermeßliche, unendlich mächtige Wesen nicht einmal in denen Eigenschaften ergründen kan, wovon er Spuhren bei sich selbst findet! Auch die Engel, diese Claße höherer Geister bemüheten sich die Geheimniße des Evangeliums einzusehen und konnten's nicht. Der gelehrte H. Seiler sagt daher in seiner vortreflichen Abhandlung von der Gottheit Christi S. 13. Denn, ob wir schon durchaus keine anschauende Erkenntniß von der Gottheit erlangen können: so wissen wir doch dies: es ist ein Gott: wir haben ihm unser Daseyn zu danken; unsre Schicksaale hangen von ihm ab; er befördert durch die Einrichtung der Natur unsre Wolfart; er hat mit tugendhaften Handlungen gute, mit lasterhaften böse Folgen verbunden; er bedarf meiner nicht; er thut mir alles Gute aus freier Gnade; ich muß mich also nach den Gesetzen richten, die er in die Natur gelegt, die zu erkennen er mir Verstand gegeben hat; ich kan auch hoffen, daß es mir künftig wohl gehen werde, wo ich diesen Gesetzen und Vorschriften getreu bleibe. Denn Gott zeigt sich durch die grossen Werke der Natur schon als den weisesten, den gütigsten, den wohlthätigsten; er hat sich durch die nähere Offenbarungen in seinem Worte mir noch weit dentlicher von dieser Seite gezeigt: auf ihn wil ich hof fen, ihm gehorchen und ihn lieben, ihm danken. So penig ich von Gott weiß, so ist es doch genug zur Religion. die Güte seines Schöpfers anbeten und sich ganz den Empfindungen der Dankbarkeit zu überlassen. Dieses Glück solte dem Menschen nun durch keine einzige Ausnahme, in so fern nemlich keinem anderen Menschen dieses an seinem moralischem oder Physischem Zustand nachtheilig seyn konnte, vermindert werden; sondern Gott wolte Ganz Güte seyn. Nur allein solte beim Menschen die Vernunft und algemeine Menschenliebe die Begierden nach dem Besitz und dem Genuß irrdischer Glückseeligkeit einschränken. Aus obiger Empfindung der so ganz uneingeschränkter Güte Gottes gegen alle Menſchen, und Mäßigung der Begierden durch die Vernunft, kan nun nicht anders als eine wahre Zufriedenheit des Menschen mit seinem Zustande, diese höchste Stuffe des irrdischen Glückes dessen er fähig ist, folgen. §. 4. Einen ganz unlengharen Beweiß für hiese vom Heiland den Christen überlassene Freiheit im äusseren Gottesdienst liefert uns die Geſchichte der Apoſteln. Dieſe durch den mündlichen Unterricht des Herren selbst gelerte und noch andere, gleichen Unterricht genossen habende Männer fanden sich schon bald nach dem Abschied ihres Lehrers in dem Fall hierüber Vorschriften zu geben. Und da sie wie alle Menschen mit verſchiedenen. Empfindungen und Vorſtellungs Vermögens begabet waren, so konnte es nicht fehlen, daß sich auch hierüber verschiedene Meinungen unter ihnen hervorthaten, in so fern nemlich der Vorwurf eine sinnliche Sache betraf. Hierüber entstand schon damalen so gar Entzweiung 25 die wie gemeldet wird (s) bis zum Aufruhr stieg; welche doch ganz gewiß nicht würde gekommen seyn, wenn der Heiland hierüber ihnen je einige Vorschrift zu geben nöthig und nützlich geglaubt hätte. Um nun hierin die nöthige Bestimmung zu geben, fand man gut die Gemeine zusammen kommen zu lassen: die Aeltesten und Vorgesetzten der Gemeine berathschlagten darüber; man faßte end ich einen Schluß, welchen man den zweifelnden Brüdern als eine Vorschrift zusandte. Der Fall war nemlich dieser, so wie er im 15ten Hauptst. der Geschichte der Aposteln erzählet wird; Einige aus den Juden bekehrte Christen in Antiochia behaupteten mit Ungestüm, mithin als eine ihnen zur Seeligkeit äusserst nöthig anscheinende Sache, daß man sich nach der Weise Mosis ferner solle beschneiden lassen. Sie sandten deshalb Paulus und Barnabas und noch andere nach Jerusalem hierüber nähere Verordnung einzubolen. In der Versammlung hieselbst war man gleichfals uneins darüber, bis endlich Petrus und Jacobus durch ihre Gründe es dahin brachten, daß den Abgesandten folgender Schluß mitgegeben wurde, (b) "Wir die Apostel, und Aeltesten und Brüder, wünschen Heil den Brüdern aus den Heiden, die zu Antiochia, und Syria und Cilicia sind. Dieweil wir geböret haben, daß etliche von den unseren sind ausgegangen und haben euch mit Lehren irre ge macht, und eure Seelen zerrüttet; und sagen, ihr solt euch beschneiden lassen, und das Gesetz (a) Apost. Gesch. 15. v. 2. (b) l. c. v. 23.729. 26 setz halten; welchen wir nichts befolen haben; hat es uns gut gedäucht einmüthig versammlet, Männer erwehlen und zu euch senden mit unsern liebsten Barnaba und Paulo; welche Menschen ihre Seelen dargegeben haben für den Namen unseres Herrn Jesu Christi. So haben wir gesandt Judam und Silan, welche euch mit Worten dasselbige verkündigen werden. Denn es gefällt dem Heil. Geist und uns, euch keine Beschwerung mehr aufzulegen, denn nur diese nöthige Stücke, daß ihr euch enthaltet vom Götzenopfer, und vom Blut, und vom Erstickten und von Hurerey: von welchen so ihr euch enthaltet, thut ihr recht. Gehabt euch wol., Dieser Schluß war nun freilich für die damalige Zeiten allerdings, so viel wir darüber urtheilen können passend, indem er keinen Theil von den neubekehrten weder den starken; noch auch den noch scrupulirenden Christen beleidigen, oder irre machen konnte. Aber obschon er von den Aposteln selbst damalen für die ganze Christenheit so unter den Heiden entstand gegeben wurde, so wird es doch wohl niemanden in den Sinn kommen, diesen Schluß auf unsere Zeiten auszudehnen. Eben so wenig als da wo der Apostel sagt, daß es für die Männer eine Schande ſeye, lange Haare zu tragen, oder es wegen der damaligen Verfolgungen und herumirren besser seye, kein Weib zu haben, eben so wenig wird jemand behaupten, wir dürften jetzt kein Blut oder Ersticktes essen. Und doch wurde dieses damalen von einigen als ein wesentlicher Punkt der Religion angesehen, ja selbst mit Heftigkeit verfochten. Es war aber sicher sicher, daß dieser Vorwurf nur das äussere des Gottesdienstes, und gar im geringsten nicht das wesentliche der christlichen Religion betraf. Wir finden hierüber einen ganz auffallenden Beweiß, in der Beschneidung, welche Paulus mit dem Timotheus vornahm. (a) Als nemlich Paulus, der von dem ersten apostolischen und christlichen Concilio zurückkehrete, und obbemeldten Schluß von selbigem über die Beschneidung eingeholet hatte: auf seiner Rückreyse in Lystram kam, fand er einen in Geschicklichkeit für ihn ausgezeichneten Jünger, mit Nahmen Timotheus, der war, obzwar eines jüdischen Weibes, dennoch aber eines griechischen Vaters, Sohn. Paulus wolte diesen Jünger gerne mit sich nehmen: um aber die Juden an dem Orte nicht zu ärgern, und dadurch den Nutzen so er durch den Timotheus zu stiften hofte zu vermindern, beschnitte er ihn; denn es stehet ausdrücklich, und beschnitte ihn um der Juden Willen, die an demselben Orte waren; denn ste wusten alle, daß sein Vater war ein Grieche gewesen. Dies that der gröste Apostel, der den mehresten Nutzen in Ausbreitung der Lehre Jesu gestiftet hat, obschon er an anderen Orten so sehr gegen die Beschneidung eiferte. Er sahe dieses also nur als einen Theil der äusseren Einkleidung der Religion an, durch dessen augenblicklicher Beobachtung er nun einen wichtigen Dienst dem Reiche Jesu zu leisten hofte. Ja wir sehen im 4ten Vers, daß dieser Apostel, so bald er von dem Orte, an welchem er jetzt eben vorher den Timotheus beschnitten hatte, abgereiset (a) Apost. Geschichte 16. v. 1. 2. 3. 28 set war, überal wo er durch die andere Städte zog, anbefol den vorhin angeführten apostolischen Synodalschluß, in Betref der Abschaffung der Beschneidung zu halten. Jedoch dies ist nicht der einzige Fall. Wir finden nicht allein daß er es in Ansehung der vorhin verschiedentlich verboten gewesenen Speisen, sondern so gar mit dem gleichmäßig verboten gewesenem Götzenopfer selbst es eben so gemachet habe. Ich wil seine deshalb eigen gegebene Vorschriften und Erläuterungen hiehin setzen. Er sagt nemlich in Ansehung der volkommensten Erlaubniß alle Speise essen zu können, (a) “Alles was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset: und forscher nichts, auf daß ihr des Gewissens verschonet. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist. Ferner: (b) so lasset nun niemand euch Gewissen machen über Speise, oder über Trank, oder über bestimmten Feiertägen, oder Neumonden, oder Sabbather. (c) So ihr denn nun abgestorben seyd mit Christo den Satzungen der Welt: was lasset ihr euch dann fangen “ mit Satzungen, als lebetet ihr noch in der Welt? die da sagen: du solt das nicht angreifen, du solt das nicht kosten, du solt das nicht „ anrühren. Welches sich doch alles unter Hän„ den verzehret, und ist Menschen Gebot und „ Lehre: Welche haben einen Schein der Weis„heit, durch selbsterwehlte Geistlichkeit und De„ muth; und dadurch, daß sie des Leibes nicht ver(a) 1. Br. a. d. Corinth. 10. v. 23. 26. (b) Br. g. d. Coloss. 2 v.16. (c) l. c. v. 20. 21. 22. 23. 29 „ verschonen, und dem Fleisch nicht seine Ehre thun, zu seiner Nothdurft. (a) Einer hält einen Tag vor dem andern; der ander aber hält alle Tage gleich. Ein jeglicher sey seiner Meinung gewiß. Welcher auf die Tage hält, der thuts dem Herren, und welcher nichts drauf hält, der thuts auch dem Herren. Welcher isset, der isset dem Herren: denn er danket Gott. Welcher nicht isset, der isset dem Herren nicht, und danket Gott. Und im 14ten Vers. Ich weiß und bins gewiß in dem Herren Jesu, daß nichts gemein ist an ihm selbst: ohne der es rechnet für gemein, demselbigen ists gemein. (b) Nun ihr aber Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seyd: wie wendet ihr euch denn nun wieder zu den schwachen und dürftigen Satzungen, welchen ihr von neuen an dienen wolt? ihr haltet Tage und Monden und Feste und Jahrzeit. Ich fürchte für euch, daß ich nicht vielleicht umsonst habe an euch gearbeitet. (c) Aber die Speise fördert uns nicht vor Gott. Essen wir, so werden wir darum nicht besser seyn, essen wir nicht, so werden wir darum nicht geringer seyn. (d) Die Speise dem Bauche, und der Bauch der Speise: aber Gott wird diesen und jene zerstören., Wie sehr viel dem Paulus endlich daran gelegen war, daß man keine äussere Handlungen als etwas (a) Br. an die Römer 14. v. 5. 6. 14. (b) Br. an die Galater 4. v. 9. 10. 11. (c) 1. Br. a. d. Corinth. 5. v. 8. (d) 1. Br. g. d. Cor. 6. v. 13. 30 etwas Gottesdienstliches, oder um mich klärer auszudrücken, als was reelles im Gottesdienst ansehen möchte; und wie gewiß er doch überzeugt war, daß die Christen in der Folge darauf verfallen, und die ihnen von Gott selbst ertheilte Freiheit, aus irrigen Begriffen nicht gebrauchen würden, siehet man ganz deutlich und unwidersprechlich in der Lehre, und der selbst mit heftigen Ausdrücken verpaarter Warnung, welche er dieserhalb seinem liebsten Zögling dem Timotheus in seinem ersten Brief an denselben im 4ten Hauptstück dem 1—5ten Vers gab; und nach geendigter Warnung für solchem übel verstandenen Gottesdienst, noch hinzufügt: Wenn du dieses die Brüder lehrest, dann wirst du ein guter Diener Jesu Christi seyn. Aehnliche Befehle gab Paulus an Titum in seinem Brief an denselben im 12ten Hauptst. wo er im 15ten Vers ausdrücklich als ein Axioma vorschreibt: Den Reinen ist alles rein. Mithin auch das, was durch Menschensatzungen für unrein und verboten je war erkläret worden. Diese ertheilte Erlaubniß war also für jeden Christen auf sich selbst ganz deutlich und platterdings unbeschränkt. Nur allein diese Vorschrift gab der Apostel mit dabei, daß kein schwacher Bruder dadurch geärgert, d. i. in seiner moralischen Vervolkommnung aufgehalten werden solte. Auch diese Vorschriften wil ich gleich berühren, nachdem ich die Gedanken des Apostels über das Götzenopfer werde angeführet haben: er zeigt nemlich wie und warum es verboten wäre vom Götzenopfer zu essen, daß nemlich das Fleisch 31 Fleisch des Götzenopfers in sich betrachtet, zwar nichts sündliches für den Menschen in sich enthielte, mithin in so fern zu essen ganz erlaubt waͤre: dieses Essen des Götzenopfers müste aber nicht in der Gemeinschaft der Heiden als Götzenopfer, nemlich als eine Gottesdienstliche Handlung geschehen. Denn dies könnte es nicht seyn, da die Heiden den Teufeln, das ist den bösen, und nicht dem allgemein guthätigen Geiste opferten. Er sagt nemlich (a) "Was soll ich denn nun sagen? Soll ich sagen, daß der Götze etwas sey? oder, daß das Götzenopfer etwas sey? aber ich sage, daß die Heiden, was sie opfern, das opfern sie den Teufeln und nicht Gotte. Nun will ich nicht, daß ihr in der Teufel Gemeinschaft seyn sollt. Ihr könnet nicht zugleich trinken des Herren Kelch, und der Teufel Kelch: ihr könnet nicht zugleich theihaftig seyn des Herren Tisches, und der Teufel Tisches., — Sie solten also vom Götzenopfer nie essen, wenn dasselbe als ein Theil des Gottesdienstes angesehen werden könnte. So bald aber solches nicht war, durften sie es nach dem Ausspruch des Apostels essen. Er sagt solches ausdrücklich in folgenden Stellen (b) "So wissen wir nun von der Speise des Götzenopfers, daß ein Götze nichts in der Welt sey, und daß kein ander Gott sey, ohne der einige. Und im 7ten Vers. Es hat aber nicht jedermann das Wissen. Denn etliche machen ihnen noch ein Gewissen über den Götzen, und (a) 1. Br.a. d. Corinth. 10. v. 19. 20. 21 (b) 1. Br. a. d. Corinth. S. v. 4. 7.8. 32 „ und essen's für Götzenopfer: damit wird ihr „ Gewissen, weil es so schwach ist, beflecket. Aber die Speise fördert uns nicht vor Gott. Essen wir, so werden wir darum nicht besser seyn: essen wir nicht, so werden wir darum nichts weniger seyn.,, Ferner sagt er hierüber (a) "So. aber jemand von den Ungläubigen euch ladet, und ihr wollet hingehen: so esset “ alles was euch vorgetragen wird; und forschet te nichts, auf daß ihr des Gewissens verschonck., Eine in weiterem Umfange und auf deutlichere Vorschriften sich gründende Freiheit für den Christen, alles essen und trinken zu mögen, hätte der Apostel nicht geben können. Nur schränkte er selbige darin ein, daß dadurch kein schwacher, nemlich noch serupulirender Christ verführet werden möchte, gegen sein Gewissen und Ueberzeugung zu handeln, mithin eine in jeder Rücksicht, jedem rechtschaffenen Menschen unanständige Handlung zu begehen. Er drückt sich deswegen folgendermaßen hierüber aus (b) " Sebet aber zu, daß „ diese eure Freiheit nicht gerathe zu einem Anstoß der Schwachen. Denn so dich, der du das Erkenntniß hast, jemand sähe zu Tische sitzen im Götzenhause: wird nicht sein Gewißen „ dieweil er schwach ist, verursachet, das Götzenopfer zu essen. Und wird also über deinem Erkenntniß der schwache Bruder umkommen, „ um welches Willen doch Christus gestorben ist. „ Wenn ihr aber also sündiget an den Brüdern, und schlaget ihr schwaches Gewißen: so sündiget (a) 1. Br. a. d. Cor. 10. v. 27. (3) 1. Br. g. d. Cor. 8. v. 9. 10. 11, 12. 32 get ihr an Christo. Darum, so die Speise meinen Bruder ärgert: wolte ich nimmermehr Fleisch essen, auf daß ich meinen Bruder nicht ärgerte., — Ferner (a) “Wo aber jemand wurde zu euch sagen, das ist Götzenopfer: so esset nicht, um deswillen der es anzeiget; auf daß ihr des Gewissens verschonet. Die Erde ist des Herren und was darinnen ist. Ich sage aber vom Gewissen: nicht dein selbst, sondern des andern. Denn warum solte ich meine Freyheit lassen urtheilen von eines andern Gewissen? Denn so ichs mit Danksagung geniesse: was solte ich dann verlästert werden über dem, dafür ich danke? — Seyd nicht ärgerlich weder den Juden, noch den Griechen, (diese waren nemlich Heiden) noch der Gemeine Gottes. (b) So aber dein Bruder über deiner Speise betrübet wird, so wandelst du schon nicht nach der Liebe. Lieber, verderbe den nicht mit deiner Speise, um welches Willen Christus gestorben ist. Denn das Reich Gottes bestehet nicht in Essen und Trinken, sondern in Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem heil. Geist. Wer darinnen Christo dienet, der ist Gott gefällig und den Menschen werth. Darum lasset uns dem nachstreben, das zum Frieden dienet, und was zur Besserung untereinander dienet. Lieber verstöre nicht um der Speise Willen Gottes Werk. Es ist zwar alles an sich selbst vergönnt und also rein: aber es ist nicht gut dem, der es lisset (2) 1. Br. a. d. Cor. 10. v. 28. 29. 30. 32. (b) Pr. a. d. Römer 14. v 15. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23 34 „isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist besser, du essest kein Fleisch, und trinkest keinen Wein, oder woran sonst dein Bruder sich stösset, oder ärgert, oder schwach wird. Hast du den Glauben, (d. i. die Erkenntniß daß das was du thust recht ist) so habe ihn bei dir ſelbſt vor Gott. Selig iſt, der ihm selbst kein Gewissen macht in dem, das er annimmt. Wer aber darüber zweifelt und isset doch, der ist verdammt, denn es gehet nicht aus dem Glauben. Was aber nicht aus 4 Glauben (d. i. der Erkenntniß und festen Ueberzeugung) geschiehet (sondern wider „ das Gewissen) das ist Sünde. Aus diesem allen erhellet also ganz unwidersprechlich, daß das Essen des Götzenopfers oder jeder anderen verbotener Speise, es möge selbige auch von welcher Person und unter welchem Vorwande es auch wolle, verboten seyn, platterdings jedem zu jeder Zeit für seine Person erlaubt sey, und er Gott auf keinerlei Weise damit beleidigen, sondern selbige jederzeit mit Danksagung zu Gott geniessen könne: Nur müße man es nicht thun, wenn ein scrupulirender, ein von dieser der gesammten Menschheit gestatteter Freiheit noch nicht völlig überzeugter Christ, sich daran ärgern oder dadurch in Versuchung könnte gesetzet werden gegen ſein Gewiſſen zu handlen, mithin ſeine Seele zu beflecken und zur Begehung grösserer moralischen Uebel dadurch sich zuzubereiten. Je höher also jemand in der Erkenntniß der wahren Religion Christi steiget, desto ausgebreiteter wird seine Freiheit für sich selbst in dem ganzen äusseren Gottesdienst. Dies bleibt aber vermöge des Haupt 35 Hauptgebots in dieser Religion, ich meyne die Liebe des Nächsten, seine erste Pflicht; daß er ohnerachtet der ihm von Gott hierüber ertheilter und in der Vernunft gegründeter Freiheit, den äusseren Gottesdienst, nach den moralischen Umständen des Nächstens mitmachen müße, (§. 8. N. 3.) so oft ein schwacher d. i. in seiner Erkenntniß und Glauben an diese Freiheit noch nicht völlig befestigter Christ, dadurch ebenfalls zur Unterlassung des äusseren Gottesdienstlichen zu seinem Schaden angesetzet werden könnte, gegen sein Gewissen d. i. gegen sich selbst untreu zu handeln, in der Unsicherheit, ob dieses sein Glück befodere oder vermindern werde. Denn der Endzweck der Religion ist nichts anders als Glückseeligkeit, Vervolkommnung des Menschen; mithin darf der Mensch keine Handlung begehen, von welcher er noch zweifelt, ob er auch dadurch seinen physischen oder moralischen Zustand vielleicht verschlimmern könne. Mit einem Wort eine auf die Liebe des Nächsten sich allein gründende Klugheit, solte bestimmen, ob man, um andere Menschen zur moralischen Vervolkommnung anzusetzen, das äussere der Religion mitmachen solle, oder nicht. Der Erlauchteste Paulus, der den Corinthern sich zum Muster darstellete, daß sie nemlich in ihrer äusseren und inneren Religion es so machen solten, wie er es machte, indem er sagt (a) Seyd meine Nachfolger, gleichwie ich Christi; handelte in Ansehung der ganzen äusseren Religion volkommen, diesem Principium gemäß, und erkläret sich hierüber auf das deutlichste wenn er C 2 ſagt (4) 1. Br. a. d. Cor. 11. v. 1. 36 sagt (a) "Denn wiewol ich frey bin von jedermann: habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, auf daß ich ihrer viele gewinne. Den Juden bin ich worden als ein Jude, auf daß ich die Juden gewinne. Denen, die unter dem Gesetz sind, bin ich worden als unter dem Gesetz: auf daß ich die, so unter dem Gesetz sind, gewinne. Denen die ohne Gesetz sind, bin ich als ohn Gesetz worden, (so ich doch nicht ohn Gesetz bin vor „Gott, sondern bin in dem Gesetz Christi) auf „ daß ich die,“ so ohn Gesetz sind, gewinne. „Den Schwachen bin ich worden, als ein „ Schwacher, auf daß ich die Schwachen ge„ winne. Ich bin jedermann allerlei worden, auf daß ich allenthalben ja etliche seelig mache, d. i. ihren moralischen Zustand rette Abermal sagt er (b) “ Gleichwie ich allen Menschen in allen Dingen gefällig zu seyn mich befleisse, und nicht meinen Nutzen, sonbern den Nutzen vieler suche, damit sie nemlich seelig werden mögen., Diese Denkungsart und Handlungsweise Paulus stimmt auch volkommen mit dem von Christus selbst ertheilten wörtlichen Unterricht überein. Nachdem er nemlich den äusseren in Menschensatzungen bestehenden Gottesdienst verwirft, und über selbigen die Juden bestraft hatte, sagt er in Rücksicht der Speisen, (c) “ Was zum Munde eingehet, das ver„ unreiniget den Menschen nicht, sondern was zum (a) 1. Br. a. d. Cor. 9. v. 19. 20. 21. 22 (b) 1. Br. a. d. Cor. 10. v. 33. (c) Evang. Matth. 15. v. 11. „ zum Munde ausgehet, das verunreiniget den „Menschen. Er erkläret dieses gleich nachher seinen Jüngern noch deutlicher und zeiget ihnen wie es nur blos allein auf Aenderung des Herzens in seiner Religion ankäme, (a) “ Merket ihr noch nicht, daß alles, was zum Munde eingehet, das gehet in den Bauch, und wird durch den natürlichen Gang ausgeworfen? was aber zum Munde herausgehet, das kommt aus dem Herzen, und das vernnreiniget den Menschen. Denn, aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerung. Das sind die Stücke, die den Menschen verunreinigen., Er verbent ferner (b) öffentliche Allmosen zu geben, und wil so gar haben, daß der Mensch in seiner Gedächtniß nicht behalten solle, wie viel Almosen er gegeben; die linke Hand solle nicht wissen, was die rechte thut, damit er bei jeder ihm vorkommender Gelegenheit nach seinem Vermögen solches zu thun, eben bereitwillig seyn möge. Nicht weniger verbeut er das öffentliche Beten (c) und sagt: wer beten wolle, solle in sein Kämmerlein gehen, und zum Vater im Himmel im Verborgenen beten; und sagt ausdrücklich es käme hier gar nicht drauf an, wie viel er alsdenn beten würde, dergleichen Gottesdienst wäre kein Gottesdienste, sondern das wärre den Heiden ähnlich gehandelt. Die über die Religion noch mit Vorurtheilen beladene, in das äussere (a) f. c. v. 17. 18. 19. 20. (b) Evang. Matth. 6. v. 1. 2. 3. (c) l. c. v. 6. 7. 38 äussere der Religion einen sicheren Werth setzende und daher noch blinde Jünger Jesu, bekamen deshalb von ihrem Lehrer einen Verweiß, als sie seine Warnung für den Sauerteig der Pharisäer und Schriftgelehrten dahin auslegten, daß sie sich vor derselben Brod ( ) hüten solten; Christus zeigte ihnen, daß er sich nur allein um dasjenige bekümmere, was das Herz angehe. (a) Mit einem Wort er bringet den Menschen ganz vom äusseren zurück und führet ihn auf das, was nur allein sein Herz besseren kan. Nun ist aber bekannt, daß hiezu moraliſche Kräfte gehoͤren und physische Handlungen solches gar nicht bewerkstelligen können, sondern vielmehr den Sinn des Menschen unfähig machen müssen, Gott im Geist und in der Warheit anzubeten, indem die Natur des Menschen es mit sich bringet, daß er sich an das sinnliche heftet, und der eigentliche Endzweck der Religion doch dahin gehet, denselben von diesem Band an das sinnliche los zu machen, damit seine moralische Kräfte so viel ungehinderter zunehmen und sich entwickeln können. Dieser Schluß ist auch volkommen mit jenem richterlichen Ausspruch desjenigen, der die Welt richten wird, Die Geistlichen der Juden hatten nemlich besondere Satzungen darüber gemacht mit welcher Gattung Sauerteig das Brod gesäuret werden müste; und hielten diesen verschiedenen Satzungen zufolge, da sie unter sich hierüber uneins waren, eine Gattung Brod vor der anderen zu essen nicht erlaubt. Ligtfoot sagt: studiose admodum cantum est canonibus pharisaicis, quo fermento utendum, quo non: & sparsim occurrunt disputationes: an utendum fermento ethnico, an cuthaeo? (a) Evang. Matth. 16. v. 8. 39 wird, übereinstimmend, wenn er von dergleichen auf Menschensatzungen beruhenden Gottesdienst sagt: (a) "Dies Volk nahet sich zu mir mit seinem Munde, und ehret mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir: Aber vergeblich dienen sie mir, dieweil sie lehren solche Lehre, die nichts denn Menschen Gebote sind: Und er rief das Volk zu sich, und sprach zu ihnen: höret zu, und vernehmet's: Was zum Munde eingehet, das verunreiniget den Menschen nicht; sondern was zum Munde ausgehet, das verunreiniget den Menschen., §. 5. Ja, nicht allein wird hiedurch diese Entwickelung der moralischen Kräfte und daraus herfliessende bessere Richtung der Handlungen der Menschen befodert, sondern der Mensch wird schon dadurch geschickter gemacht immer höhere Religionswarheiten zu entdecken und zu begreifen. Paulus suchte dieses schon den korintischen Christen, die in äusserlichen Gebräuchen anfiengen, einen gewissen Werth zu setzen, recht begreiflich zu machen. Diese fiengen nemlich an sich unter einander abzutheilen und zu trennen, nachdem einer die Lehrmethode des einen Lehrers der des andern vorzog, und nannten sich als Anhänger dieser besonderen Lehrer auch nach ihren besonderen Nahmen. Dieses konnte nichts anders als Entzweiung ja gar Zank unter ihnen herfürbringen, und sie vom wesentlichen der Religion abziehen. Er sagt ihnen deshalb (b) "Ich. „ ermahne (a) Evang. Matth. 15. v. 8-9. 10.11. G) 1. Br. g. d. Corinth. 1. v. 10. 11. 12. 13. ermahne euch aber, lieben Brüder, durch den Namen unsers Herrn Jesu Christi, daß ihr alzumal einerlei Rede führet: und lasset nicht Spaltungen unter euch seyn, sondern haltet vest an einander, in einem Sinn, und in einerlei Meinung. Denn mir ist vorkommen, lieben Brüder, durch die aus Chloes Gesinde, von euch daß Zank unter euch seye. Ich sage aber davon, daß unter euch einer spricht: ich bin Paulisch; der ander, ich bin Apollisch; der dritte ich bin Kephisch; der vierte icht bin Christisch. Wie? Ist Christus nun zertrennet? Ist denn Paulus für euch gekreuziget? oder seyd ihr in Pauli Nahmen getauft? — Er gebet nun bald nachher weiter und zeiget ihnen daß alles dieses davon herrühre, weil sie sich aus sinnliche hiengen und darin Religion suchten: auch sagt er ihnen mit dürren Worten, daß sie eben deswegen keine höhere Religionswarheiten hätten begreifen können, noch selbige würklich zu begreifen im Stande wären. Hier ſind ſeine eigen Worte (a) “ Und ich lieben Brüder, konnte nicht mit euch reden als mit Geistlichen: sondern als mit Fleischlichen, wie mit jungen Kindern in Christo. Milch habe ich euch zu trinken gegeben, und nicht Speise: denn ihr konntet noch nicht, auch könnet ihr jezt noch nicht; dieweil ihr noch fleischlich seyd. Denn sintemal Eifer, und Zank, und Zwietracht unter euch sind: seyd ihr denn nicht fleischlich und wandelt nach menschlicher Weise? (4) 1. Br. 4. d. Cor. 3. v. 1. 2. 3 4. 5 „Weise! Denn so einer saget, ich bin Paulisch: „ der ander aber, ich bin Apollisch: seyd ihr dann nicht fleischlich? (daß ist, ans grobe sinnliche hangend.) Wer ist nun Paulus? Wer ist Apollo? Diener sind sie, durch welche ihr seyd gläubig worden: und dasselbige, wie der Herr einem jeden gegeben hat.,, (nemlich nach dem Maaß der Erkenntniß welcher die Korinther durch den Unterricht Pauli und Apollos erlanget hatten.) Wie sehr endlich Paulus in dieser deutlichen und von allem ceremoniellen gereinigten Erkenntniß der Lehre Christi den einzigen reellen Werth setzet, zeiget er wenn er so gar in Ansehung der von Christus selbst eingesetzter Taufhandlung sagt: (a) “Denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu predigen. — Jedoch die Natur des Menschen selbst zeiget die Warheit des obigen Satzes zur Genüge. Ein sinnlicher mit groben sinnlichen Vorwürfen sich beschäftigender Mensch kan von erhabeneren geistlichen Sachen sich eben so wenig einen würdigen Begrif machen, als der grobe Bauer oder Handewerksmann eigentliche metaphysische Begriffe sich bilden, oder annehmen kan. Hierauf gründen sich die Lehren des Pythagoras, wenn ei unter andern, seinen Schülern verbeut Bohnen zu essen: er dachte, je gröbere Nahrung der Körper erhält, desto unfähiger wird die Seele höhere geistige Begriffe zu erlangen. Gnug, man muß, wenn man einige Menschenkenntniß und Erfahrung hat als ausgemacht annehmen, daß die (*) 1. Br. a. d. Cor. v. 17. 42 die moralischen Kräfte ungefehr in gleichem Verhältniß abnehmen, als die Begierde und Lust des Menschen am sinnlichen steiget. Jetzt ist der Grund und Warheit offenbar, warum Paulus behauptete, daß der Mensch, so bald er in Religionssachen sich ans sinnliche hienge; nicht anders als blind in solchen angesehen werden könne. §. 6. Ich schmeichle mir also deutlich gezeigt zu haben, daß den Christen die Einrichtung des äusseren Gottesdienstes überlassen worden, und daß diese Art von Gottesdienst nach den deutlichsten Aussprüchen Christi und seiner Apostel nicht den allermindesten Werth bei Gott haben könne, sondern vielmehr so bald der Mensch nur im geringsten solches übertreibe, alsdenn aufs sinnliche zu sehr falle und daran hangen bleibe, mithin in seiner moralischen Vervolkommnung aufgehalten werde. Niemand muß aber hieraus den Schluß ziehen; also ist gar keine Vorschrift in Ansehung der Einrichtung der äusseren so genannten Gottesdienstlichen Handlungen nöthig. Dieß wäre sehr übereilt, und für den grösten Theil der Christen abermal gefährlich. Daß selbige durchaus erfodert werde, wil ich gleich zeigen: nur wiederhole ich, daß aus dem vorhergehenden erhellet, wie daß diese Vorschrift von der Natur seyn müße, daß der Mensch dadurch blos zum wesentlichen der Religion, der mehreren Aufklärung in Religions Warheiten, und Ausbildung seines moralischen Verhaltens gegen seine Nebenmenschen geführet und angesetzet werde, ohne sich je dabei an dergleichen sinnliche Mittel zu hangen und in selbigen den geringsten Werth 43 zu suchen. Es ist und bleibt also der Religion Christi und der menschlichen Natur angemessen was Paulus sagt (a) Wo aber der Geist des Herren ist, da ist Freiheit: nemlich da ist gar kein äusserliches sinnliches gesetzliches mehr. Den Grund hievon zeigt er (h) wo er sagt: Denn Christus ist des Gesetzes Ende, wer an den glaubet, (also nicht wer diese oder jene äusserliche Bemühungen beobachtet, sondern blos allein wer der von ihm gegebener Lehre glaubet und sich derselben gemäß betraget) der ist gerecht. §. 7. Eine Vorschrift zur Einrichtung des äusseren in der Religion ist nothwendig. Erstlich: um die Erkenntniß der Lehre Christi auszubreiten, mithin muß zur möglichen Erlangung derselben jedermann hiezu öffentliche Gelegenheit gegeben werden. Diese Religion fodert nun Liebe Gottes und des Nächsten. Erstere bestehet im Glaaben und Danksagung zu Gott. Nun ist aber der Glaube nichts anders, als eine Ueberzeugung daß ein Gott ist, und daß dieser Gott sich mannichmal und zuletzt durch Christum am deutlichsten geoffenbaret, und den besten, den leichtesten, ja unfehlbaren Weg gezeiget hat, wie der Menſih hier und nach diesem Leben die höchste Stufe der Glückse ligkeit erhalten könne deren er fähig ist: aus welcher Ueberzeugung alsbenn nothwegdig folget, daß der Wille des Menſchen auf die Betretung dieses Weges geleuket werden wird, indem der Mensch jederzeit, so lange er seine Vernunft (a) 2. Br. a. d. Corinth. 3. v. 17. (b) Br. a. d. Römer 10. v. 4. Vernunft behält, dasjenige wählet, was seine Einsichten ihm als das beste darstellen. Der Glaube beruhet also auf Erkenntniß: ersterer nimmt daher zu, nach Maaßgabe daß letztere ausgebreiteter und deutlicher (*) wird. Wie wil aber der Mensch, fürnemlich der gröste Theil derselben, welcher nemlich so sehr ungebildet ist und von so unzähligen Vorurtheilen herumgeschleudert wird, zu dieser einigermassen deutlichen Erkenntniß, ohne gründlichen Unterricht gelangen?, Wie wil er anders Gott als seinen Höchsten Wohlthaͤ. ter, als seinen besten Vater lieben können, da man ihn sich mehrentheils als den unwidersiehlichen Despoten, ja oft als einen solchen, der so gar den Menschen Falstricke zum Verderben lege, und an der Bestrafung derselben, Befriedigung ſeiner Begierden erhalte, vorſtellet? Und wie wil endlich der Mensch seine höhere Pflichten gegen (*) Man wirft vielleicht hier ein, daß es manche gäbe, die viele Erkenntniß, aber fast gar keinen Glauben besäßen. Allein bei denen ist die Erkenntniß dieser Religion Christi nicht so deutlich, daß der Mensch mit Ueherzeugung einsehen solte, daß er auf diesem Wege zum höchsten Gute gelangen werde, sonst würde er ihn gewiß wählen. Nicht selten ist er so sehr aus sinnliche gefesselt, oder in so vielen Illusionen verwickelt, daß er sich ohnerachtet seiner Kenntniß, dennoch von der eigentlichen Warheit und Beschaffenheit dieses Weges nicht lebhaft gnug überzeugen und den festen Entschluß fassen kann seine Sinnlichkeit zu verleugnen und in der moralischen Vervolkommnung seine Glückseelig keit zu suchen; und zwar in getreuer Anwendung aller der Mittel welche das Evangelium an Hand gibt. Er suche nur dem Rathe Paulus zu folgen: seiner Meinung gewiß zu seyn, dann wird auch sein Wille nicht mehr so wancken. 45 gen sich selbst und seine Nebenmenschen ohne Unterricht hinreichend erkennen, und verhüten daß er nicht durch sinnliche Vorurtheile und Illusionen von derſelden Ausübung abgehalten werde? Wie deutlich und wie einfach auch hierüber die Vorschrift Christi ist, wenn er sagt (a) "Alles " nun, das ihr wöllet, daß euch die Leute thun sollen, das thut ihr ihnen: das ist das Gesetz und die Propheten,; so begreift doch ein jeder daß sehr viele ja gewiß die mehresten Menschen für sich, diese so sehr simplisicirte Vorschrift in ihrem ganzen Umfange nicht begreifen, oder recht auslegen würden, wenn ihnen nicht hierüber nach ihrer Lage, und besonderen Fähigkeiten auch besonderer Unterricht ertheilet wird. Nun ist es aber eine bekannte Sache, daß der wörtliche so genannte lebendige Unterricht einen weit stärkeren Eindruck auf den Menschen macht, als jeder anderer; mithin ist es nöthig, daß überal die Geistlichen, die Lehre des Evangeliums so wol in ihren Predigten als Cathechisationen so viel als möglich ihren anvertrauten Gemeinsgliedern durch eine deutliche, überzeugende Vorstellung recht einleuchtend machen. Dies ist um desto unentbehrlicher, da der allergröste Theil der Menschen entweder aus Ungeübtheit, oder zu grossem Hang ans sinnliche, von den Religionswarheiten, wenn er selbige für sich ohne Anleitung erlernen ſol, ſich ganz verkehrte Denkbilder macht und durch letztere abgehalten wird, das wesentliche der Religion recht zu nutzen. Ueberdem (*) Evang. Matth. 7. v. 12. 46 Ueberdem gibt ein an verschiebenen zu gleicher Zeit ertheilter Unterricht, Gelegenheit über diese und jene Materie sich nachher untereinander zu bereden, und dadurch daß einer dem anderen Zweifel aufwirft, die Warheiten genauer zu erkennen: gnug, die Kathechisationen sind die nicderen, und die Predigten die höhere Schulen für die Chriſten. Da aber die Religion die pracktiſch moralische Besserung des Menschen ganz allein zum Grunde hat, eben wie die eigentliche Arzneigelartheit die Genesung des Kranken, so ist es klar, daß in dem für das allgemeine zu gebendem Unterricht, nichts anders gehöre, als was den Menschen pracktisch moralisch besseren, was ihm Glauben und Vertrauen auf Gott, und Liebe gegen den Nächsten einflössen kan. Alle theoretische, polemische Zänkereien sollen also hier weg bleiben, sie schaden im moralischen eben so viel, als die theoretischen Spitzsindigkeiten und Hypothesen der Aerzte am Krankenbette. Der Menſch wird klug und glücklich entweder durch Lehre oder Erfahrung. Die Religion wil, daß er schon für die Zukunft klug werden sol durch Lehre, damit er nicht durch die traurigste Erfahrungen sich erst zu überzeugen brauche, daß eben wie im physischen so auch im moralischen mit den bösen Handlungen die bösen Folgen unfehlbar verknüpft sind. Letzteren sol er also zuvorkommen, dies ist Endzweck der Religion, mithin kan selbige nicht auf theoretische Speculationen, auf äusseren Schein, sondern muß auf pracktische Thatsachen (*) sich beziehen. Zwei(1) In so fern daß jede Lehre, wenn sie auf den sinnlichen Menſchen 47 Zweitens. Nicht weniger ist der äussere Gottesdienst und eine deshalb zu gebende und zu beobachtende Vorſchrift zur Erbauung nothwendig. Der Menſch sol und muß, wenn er dem Endzweck der Religion entsprechen wil, stets fühlen, wie grossen Dank er Gott, und welche Liebe er dem Nächsten schuldig ist. Nichts ist billiger und gerechter, als daß der Mensch auch hievon öffentliche Zeichen und Beweise ablege, um bei anderen ähnliche Empfindungen zu erregen. Der ihm natürliche Hang zur Sinnlichkeit gewinnet aber bei einer oft ausgebreiteter Kenntniß, durch Mangel an Wachsamkeit dennoch gar zu oft dergestalt das Uebergewicht, daß der Mensch die Lebhaftigkeit obiger Eindrücken nicht mehr in solchem hinreichenden Maaße Menschen Eindruck machen sol, auf Erfahrung gegründet seyn muß, kan man behaupten, daß nur allein die Erfahrung uns klug mache. Man predige dem sinnlichen Menschen noch so viel einleuchtende speculative Gründe vor, diese werden nichts bei ihm fruchten und ihm seine sinnliche Ergötzungen leid machen. So bald er aber die schädliche Folgen davon bei sich fühlet, oder an seinen Bekandten die der nemlichen übermäßigen Sinnlichkeit ergeben waren, bemerkt, dann gehet er in sich zurück. Seine Lust zur Sinnlichkeit vermindert, und so bald er durch seine und anderer Erfahrungen mit Gewißheit hat schliessen gelernet, daß die bösen Folgen, das unangenehme so auf die übertriebene Sinnlichkeit nothwendig zuletzt folgen muß viel grösser und wichtiger ist, als das augenblickliche angenehme so er bei Büssung seiner Lust empfindet, dann wird ihm der Kitzel, den er vorher auf alle Art zu unterhalten und zu vermehren trachtete zur Last. Jetzt siehet ein jeder den Grund warum ich fodere, daß jede Lehre so den Menschen moralisch besseren sol, sich auf pracktische Thatsachen beziehen müße. Durch die Entwickelung dieser Warheit zerfallen die wichtigsten Gründe für die Deisterei sowol als Indifferentisterei. 48 Maaße behält, um seine Pflichten stets vor Augen zu haben. Beständig abwechselnde Illusionen verwirren und entfernen ihn alsdenn nach und nach immer weiter von seinem Ziel, d. i. seiner Vervolkommnung. Es ist daher durchaus nöthig, daß der Mensch an seine Pflichten von dieser Seite erinnert wird, und desto öfterer je mehr er aus sinnliche hänget. Ueberhaupt braucht ja, jeder Mensch, selbst der allerbeste zur Erfüllung seiner Pflichten selbst der bürgerlichen Pflichten in dem Zusammenleben, wenn er nicht darin läßig werden sol, einen gewissen Zwang, durch welchen er nicht allein an die Ausübung dieser Pflichten erinnert, sondern selbst zuweilen angehalten wird. Dieser überredende Zwang muß nun so beschaffen seyn, daß er nicht allein unsre Seele, sondern auch das sinnliche rühre und in Bewegung setze; nur muß es in der Religion auf eine solche Weise geschehen, daß der Mensch immer dabei empfinde, daß dergleichen sinnliche Rührungen nur blose Mittel sein können, um seinen Geist empor zu schwingen. Bleibt er daher an ersteren hangen, dann ist das zweite nicht möglich. Die Versprechungen daher, so dem rechtschaffenen vom zukünftigen Glück, hingegen die Warnungen für Beraubung desselben, so dem muthwilligen Verächter dieser Lehre geschehen, sind im Evangelio immer in einer unsern Sinnen angemessener Hülle eingekleidet. Für den einfältigen, ja den grösten Theil der Menſchen war und ist es also nöthig, daß die Religion nicht allein in sinnlichen Bildern den Menschen dargestellet, sondern letzterer durch sinnliche Beweangesetzet werde genau auf selbige gungsgründe — zu merken, sein Glück darin zu suchen. Eine dritte Ursache der Nothwendigkeit des äußeren Go tesdienstes unter den Christen ist, die Vorschrift des Heilandes und seiner Apostel; daß die Christen sich untereinander um so herzlicher lieben, und miteinander als unter und durch einen Herren verbunden sich betrachten solten. Um dieses Band durch sinnliche Einrichtungen so viel volkommener und fester zu machen, sezte der Heiland die Tanfe und das Abendmal ein: Die Taufe solte das Zeichen seyn, daß sie unter die Christen angenommen wären; und das Abendmal solte diese Empfindung der Verbindung und Liebe, die aus Evangelium gläubige Christen gegen ihren Herren so wol, als untereinander haben müßen immer in gehöriger Lebhaftigkeit erhalten. Das Abend. Es ist hier gar nicht der Ort zu untersuchen, ob und welche andere Nebenabsichten, der Heiland bei Einsetzung dieser zweien Handlungen gehabt haben mag. Mir iste zu meinem Endzweck genug gezeiget zu haben, daß durch selbige das Band zwischen Christum und sein Volk erhalten werden solte. Sie sind Zeichen des Bundes, eben so wie die Beſchneidung und das Oſterlam es waren: letztere konnten aber als etwas drückendes, für den Menschen unangenehmes und gesetzliches, mit dem sanften Joch, mit der Freiheit des Evangeliums nicht harmoniren: mithin musten selbige abgeschaffet werden. Jedoch fand Christus es nöthig, durch andere, seiner Lehre mehr angemeßenere freiere Zeichen, die Menschen an den Bund zu erinneren, welchen er mit ihnen gemachet hatte. Sie waren daher nicht mehr so nothwendig wie die vorherige gesetzliche Handlungen, welches man aus der Einsetzung der Taufe selbst siehet, wo es heißt; wer glaubet und getauft wird, wird seelig werden: wer aber nicht glaubt wird verdammet werden. Glauben ist al. so essentiel und nöthig. Die Taufe ist aber zur Seeligkeit nicht so nothwendig, sondern, sie ist nur ein Ferchen der Wahrheit der Verheissungen Gottes. Abendmal wurde daher in der ersten Christenheit täglich bei allen Zusammenkünften gehalten. Es wurde angesehen als ein Vereinigungsband; diese Zusammenkünften werden daher Liebesmalzeiten (αγαπη) genannt. Diese äußerliche wiederholte tägliche Vereinigung war in damaligen Zeiten um so nöthiger, da die Christen weit mehr Versuchungen theils wegen Mangel an Erkenntniß und allerlei eingesogenen, schwer zu überwindenden Vorurtheilen; theils auch offenbaren Verfolgungen, blos gestellet waren. Ein sinnliches äußeres Mittel war Ihnen daher um so nothwendiger um stets standhaft zu bleiben. Eine 4te Ursache warum im öffentlichen Gottesdienst Vorschriften gegeben und eine Ordnung in demselben beobachtet werden muß, sind die nöthigen Absonderungen der schädlichen Mitglieder. Dieser Satz ist aber oft gar zu übel verstanden und von der Geistlichkeit öfters aus Leidenschaft, gerade gegen, die Meinung Christi ausgeleger und ausgeführet worden. Die Religion Christi hat nemlich die Erreichung der möglichsten Vollkommenheit für alle Menschen zur Absicht. Ein jeder Bekenner dieser Religion ist daher verbunden zur Erhaltung dieses seeligsten Endzweckes alles was von ihm abhänget, auch wo es noth ist mit Ansopferung seiner sinnlichen Ergötzlichkeiten, beizutragen. Wer sich diesem wiedersetzet, der handelt also gegen die allgemein bindende Gesetze dieser Gesellschaft und vereitelt dadurch mannichmahl den bestimten Endzweck derselben, nemlich Liebe und daraus folgenden allgemeinen Vervollkommnungstrieb gegen 51 gegen alle Menschen. Christus sagt daher: (a) Wer nicht mit mir sammlet, der zerstreuet. Aus dem 4ten §. erhellet daß jedes Mitglied der christlichen Gesellschaft; wenn es schon von der volkommensten Freiheit, eine gewisse wilkührliche Handlung begehen oder unterlaßen zu können bei sich selbst überzeuget ist, doch verbunden seye aus Liebe zu jedem anderen schwachen Gliede, diese Handlung, so bald nemlich selbige seiner eigenen moralischen Vervolkomnung nicht nachtheilig seyn kan (§. 8. u. 3.) entweder zu begehen oder zu unterlaßen, nachdem der schwache Christ nach seinen Begriffen diese äußere Sachen zu seiner Vervolkommung nötig zu seyn glaubt, damit er nicht geärgert und in Versuchung gesetzet werden könnte etwas gegen seine moralische Ueberzeugung zu thun. Wenn nun aber der Christ sich bei solchen Vorfällen, in gleichgültigen ihm erlaubten Handlungen oder Unterlaßungen, um seinem Mitbruder keinen Schaden zuzufügen so betragen sol; wie viel unendlich größer mus nicht alsdenn der Schade seyn, welche für schwache unter ihren Leidenschaften noch wankende Christen entstehen wird, wenn unter ihnen solche Glieder sind, welche offenbare Laster treiben und ohngeachtet aller Erinnerungen davon nicht abstehen wollen? Wenn böse Geschwätze gute Sitten verderben, wie vielmehr werden es dann böse Beispiele thun? und da der allweise Gott es nicht für das Wohl der Menschen rathsam gefunden in den Plan des Zusammenhauget D 2 a) Evangel. Lucas 11 p. 23. 52 hanges mit einzuweben, daß immerhin auf jede böse Handlung unmittelbar die daraus fliessenden böse Folgen sich äußeren solten, so ist von dieser Seite um so mehr Vorsicht nothwendig. Denn, wenn der durch eine überwiegende Leidenschaft noch schwache Christ, die Begehung einer bösen Handlung, zu welcher er einen starken Kitzel fühlet, von einem seiner Mitbrüder der die nemliche Erkenntniß der ihnen bekannt gemachten Pflichten hat, ohngestraft begehen und solchen Menschen eben glücklich in der Folge dabei siehet, so ist es natürlich daß das Gegengewicht welches der schwache Christ diesem übermäßigen schädlichen Triebe entgegensetzen konnte, dadurch leicht vermindert werden und er zulezt unter seiner Lust unterliegen und sündigen werde. Ist nun einmal dieser erste Schritt gethan, dann wird der zweite leichter und bei dem zweiten wird der dritte beinahe unvermeidlich, und so sündiget der Mensch alsdann mehrenteils immer fort, bis er durch die unangenehme Empfindung der traurigen Folgen seiner Handlungen aus Nachdenken gebracht und für seinen Die Wahrheit davon wird durch die Erziehung bestäriget. Wenn unter einigen Kindern die unter der nemlichen Aufsicht erzogen werden, eines sich findet welches seine Pflichten ganz außer Acht läßet, und von seinen Aufsehern nicht zu derselben Beobachtung angehalten wird, dann kan es nicht fehlen, daß unter den andern Kindern sich bald einige finden, die auf ähnliche Weise ihre Zeit verderben werden. Wenn aber diese Kinder dergleichen Unfug bemerken an Kindern, die unter ganz anderer Aufsicht stehen, dann macht solches mehrentheils keinen Eindruck auf sie, indem sie wissen, daß ihnen solches nicht erlaubt sei, und sie nicht ungestraft dabei durchkommen würden; 53 nen physischen Zustand sehr oft zu spät, erst auf den rechten Weg wieder zurück gebracht wird. Dieß kan also nicht mit der algemeinen Menschen Liebe und noch weniger der Religion Christi bestehen. Hierin liegt der Grund warum ein jeder zur Religion Christi sich bekennender Mensch, der offenbar Aergerniß anstiftete und davon nicht ablassen wolte keine Gemeinschaft mehr an dieser Gesellschaft haben; sondern ein jedes Mitglied derselben, durch dessen förmliche Ausschliessung vor ihn gewarnet werden solte, damit es nicht auf ähnliche Weise seine Glückseeligkeit zu verschertzen Gefahr laufen mögte, gleichwie Paulus solches deutlich sagt (a) „Ich habe euch geschrieben in dem Briefe, daß „ ihr nichts solt zu schaffen haben mit den Hurern. Das meyne ich aber nicht von den Hurern in dieser Welt, (d. i. die nicht in der christlichen Gemeine sind) oder von den Geitzigen, oder von den Räubern, ober von den Abgöttischen: sonst müstet ihr die Welt räumen. Nun aber habe ich euch geschrieben, ihr solt nichts mit ihm zu schaffen haben: nemlich so jemand ist, der sich läßet einen Bruder (einen Christen) nennen, und ist ein Hurer, oder ein Geitziger, oder ein Abgöttischer, ober ein Lästerer, oder ein Trunkenbold, ober ein Räuber: mit demselben solt ihr auch nicht essen, Dieß Gebot zielte also ausdrücklich nur allein auf diejenigen offenbar lasterhaften, welche sich zur selbigen Gemeinde bekenneten, in ihre Brüderschaft aufgenommen waren, und dabei fortfahren wolten ihren vorigen lasterhaften Handlungen ergeben zu seyn — (*) 1. Br. a. d. Cor. 5. v. 9. 12. 11. 54 seyn. Und daß dieses Gebot diejenigen so außer der Kirche waren, selbst wenn sie schon lasterhaft waren durchaus nicht angjeng, sagt der Apostel mit ganz dürren Worten (n) " Denn, was gehen mich die draussen an, daß ich sie solte richten? Richtet ihr nicht nur die so in der Gemeine sind? Gott aber wird die draussen sind richten. Thut von euch selbst hinaus, wer da höse ist. Diese Bestimmung des Apostels stimmet auch volkommen mit der Vorschrift des Heilandes überein welche er folgendermaßen giebt (b) Sündiget aber dein Bruder an dir: so gehe hin, und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Höret er dich, so hase du deinen Bruder gewonnen. Höret er dich nicht: so nimm noch einen oder zween zu dir, auf daß alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Munde. Höret er dich nicht, so sage es der Gemeine: höret er die Gemeine nicht, so halt ihn als einen Heiden und Zöllner., — Christus redet hier ebenfals von einem Bruder, und gar nicht von Auswärtigen. Nur solten sie obiger Regel Pauli gemäß einen solchen irrenden Bruder, nachdem auch selbst die Gemeine alle Mittel vergeblich angewandt habe um ihn von fernerem Aergerniß geben abzuhalten, von ihrer Gemeinschaft und Umgang eben so ausschliessen, als die Juden in der Zeit die Heiden und Zöllner aus ihren Zuſammenkünften ausschlossen. Hier, a) Br. a. d. Cor. 5. v. 12. 13. b) Evang. Matth. 18. v. 15. 16. 17. 55 Hieraus erhellet also daß zwar die Gemeine Macht habe einen ihrer Gemeinschaft unwürdig zu erklären und aus ihrer Mitte auszustossen, sobald Aufrechthaltung der Ordnung und überhaupt Vermeidung des Aergernißes solches erfodere, und daher von dieser Seite die Kirchenzucht volkommen rechtmäßig und gegründet seye. An der andern Seite wird aber auch hieraus ganz klar. A. Daß diese Kirchenzucht, niemalen als Strafe angesehen werden dürfe, sondern jederzeit nur eine Warnung für den gesündigt habenden sowol als die andern Mitglieder abgeben solle. B. Daß diese Kirchenzucht niemalen anders Platz finden könne, als wenn ein Bruder, ein nemlicher Religionsverwandter, nach vorher gegangener mehrmaliger Erinnerung, dennoch von seinen öffentlichen Lastern und dadurch gegebenen Aergernißen nicht abstehen will, sondern stets damit fortfähret, ohnerachtet er sich noch immerhin zu der Gemeine öffentlich bekennet. C. Es komt also niemalen der Kirche, diesem geistlichen Gericht zu, einen der außer der Kirche ist zu richten, selbst nicht einmal wenn er lasterhaft ist. Paulus befiehlt dieses noch anderswo wenn er sagt (a) Wer bist du, daß du einen fremden Knecht richtest? nichts ist auch der Ordnung und dem Zusammenhang in dieser Welt gemäßer als dieses. Denn, die Gesetze und die mit *) Brief an die Römer 14 v. 4 mit derselben übertretung verknüpfte Strafen sollen zu nichts anders dienen als zur Verhühung großeren Nachtbeils. Nun muß das geistliche Gericht über Handlungen, in so weit solche für die Glieder der Geselschaft schädliche moralische Folgen haben können urtheilen; und über keine, welche für die Gesellschaft schädliche physische Folgen haben. Erstere mus das geistliche Gericht besser kennen als das weltliche, dahingegen kennet das weltliche letztere besser als das geistliche, mithin mus bei jedem das ihm natürliche Forum behen. Wenn einer außer der Kirche noch lasterh. fr ist, so gehet solches die Kirche gar nicht an; denn, da dieser lasterhafte im geistlichen nicht die neuliche Erkenntniß noch Pflichten hat, so kan auch kein schwacher in der Gemeine dadurch verführet werden, weil er weiß daß dieser Mensch nicht mit ihm vor dem moralischen geistlichen Gericht in gleicher Verpflichtung stehet. Es kan daher bei ihm, so lange er seinen Glauben nicht verläugnen wil, keine Lust dem Lasterhaften nachzuaomen die Ueberhand gewinnen. Nur das weltliche Gericht mus untersuchen in wie weit dergleichen offenbare Laster schaden können und zu dessen Verhütung, mehr oder weniger bestrafet werden müssen. Hieraus folget ferner, daß das geistliche Gericht niemalen leibliche Strafen anerkennen könne: dieß stehet allein dem weltlichen Gerichte zu, und ist ohnedem der vom Heiland und den Apostelen ertheilter Instrucktion ganz zuwieder. Denn hier heißt es, wenn alle Mittel zur Besserung des offenbar lasterhaften vergebens versuchet worden. den, dann solle man ihn seinem Schicksal überlassen und ihn nicht mehr zur Gemeine, sondern dieser Gemeinschaft unwürdig rechnen. Es wird aber Niemand muß diesen Befehl für zu hart, und der Güte Gottes unanstledig halten. Er ist nicht allein der Güte, sondern der Meisheit Gottes die für das beste eines jeden Menschen so väterlich überal sorget, volkommen angemessen. In dem 7 Absch. und der dabei befindlichen Note zeigte ich daß der Mensch nur durch Lehre oder Erfahrung klug und weise werden könne. Erstere beruhet auf vorhergegangene Thatsachen und Erfahrung. Wenn nun der Mensch auf ersterem sanftern Wege sich nicht will zum Guten, zu seiner Vervolkominnung lenken lassen, dann ist kein ander Mittel von seinen moralischen Zustand zu bessern übrig, als ihn seiner eigenen Erfahrung zu übergeben, durch welche er, nachdem sein Herr weniger oder mehr verhärtet war auch früher oder später zur Erkenntniß seines eigentlichen Glückes kommen, und alsdenn gleich jedem vernünftigen Geschöpf das beste wärlen wird. Eben deswegen muste ihm der Weg, nach dieser erlangten Erkenntniß, zur Gemeine wieder zurückkehren zu können, gar nicht erschwehret werden. Dieß würde der Flugheit um so mehr entgegen syn, da es unzweifelbar ist, daß ein Mensch der durch eigene Erfahrungen klug und weise geworden ist, weit fester und nutzbarer für die Gesellschaft wird, als einer der sich auf die Erfahrungen eines anderen gründet. Um deswillen ist es auch nöthig daß jeder Mensch, wenn er gründlich gebessert werden sol, auch selbst durch eigene Erfahrung weise werden soll. Dieß ists was Paulus zur Absicht hatte als er die Korinther bestrafte, daß sie Hurer unter sich duldeten, und deshalb folgendes Urreil als Apostel über selbige sprach [1 Gorinth. 5. d. 4. 4. Ich zwar, als der ich mit dem Leibe nicht da bin, doch mit dem Geist gegenwärtig, habe schon als gegenwärtig beschlossen über den, der solches also gethan hat: in dem Namen uns. Hr. Jesu Christi, in eurer Versammlung mit meinem Geist und 58 aber auch befohlen, daß man ihm, so bald er seine mehrmalen vorsetzlicher Weise öffentlich begangene Fehler aufrichtig zu bereuen scheinen werde, so fort vergeben und ihn in die christliche Gemeinschaft wieder aufnehmen solle. Diese Deutung gehet blos das geistliche Gericht an, und aus diesen gegebenen Vorschriften Christi und der Apostel erhellet klar daß sich das geistliche Gericht gar nicht mit leiblicher Bestrafung abgeben solle. Lezteres würde auch dem ganzen Endzweck der Religion Christi zuwieder seyn, dieser ist nemlich die möglichste Vervolkommnung aller Glieder. Nun ists aber natürlich, daß jeder Mensch fürnemlich der sinnliche, als welches der lasterhafte in zu grossem Grade ist, jede körperliche Abndung so ihm öffentlich wegen seiner Handlung angethan wird, für eine Art von Druck, ja Verfolgung ansiehet. Er wünschte sich in einem Staat wo diese Handlungen erlaubt wären. Nun erstickt aber jeber Begrif von Druck und Verfolgung alle Empſinmit der Kraft unsers Hrn. Jesu Christi; Ihn zu übergeben dem Satan, zum Verderben des Fleisches, auf daß der Geist seelig werde am Tage des Hrn. Jesu,, (was es aber für eine traurige Beschaffenheit haben werde mit denen die in ihren Lastern beharren und sterben, wissen wir eigentlich nicht. Wie sich aber die Kirche hiebei verhalten solle, sagt die Schrift ganz klar, nemlich man solle sie nicht richten. Dieß würde Gott thun. Die Erfahrung lehret aber, daß nichts den moralischen Zustand der Menschen mehr erschüttert, als wenn einer unter ihnen plötzlich unrer der Ausübung seiner Laster stirbt. Die Warnung so ein solcher durch seinen Tod giebt, wird für andere von dem grösten Nutzen seyn, und selbige abhalten mit der genauesten Untersuchung ihrer digentlichen Lage so spät bis an ihr Ende zu warten.) 59 pfindung von Liebe und Hochachtung. Je mehr diese aber gegen die Religion Christi ersticket werden desto mehr wird ein solcher Mensch von seiner Besserung entfernet. Es muste deswegen der Lasterhafte vorher wissen, daß, er möge noch so lasterhaft gewesen seyn, er doch bei öffentlich bezeigter Reue und Verlassung seiner Laster, sofort in die Gemeinschaft der Kirche als ein lieber Bruder wider aufgenommen werden solte. Ja, er würde sich alsdenn noch mehr freuen können, indem er bei aufrichtiger Reue, Vergebung aller vorher begangener Sünden durch Christum ganz gewiß erhalten werde. Es würde selbst alsdenn zufolge Christi Ausspruch, über ihn im Himmel mehr Freude seyn als über neun und nennzig Gerechte. Diese Erkenntniß muß bei dem Lasterhaften, Nachdenken über sich selbst, Liebe und Hochachtung für Gott, und Haß gegen seine vorherige Handlungen erregen, so bald er einige schlechte Folgen seiner Handlungen empfindet. Hätte aber das geistliche Gericht, die Gemeine, oder Kirche ihm leibliche, demüthigende Strafen anthun sollen, so würde er von der Rückkehr zu selbiger abgehalten, oder aber auf die Gedanken gerathen seyn, er könne seine begangene Sünden abbüssen; wo er doch durch die Annahme Christi allein Vergebung erhalten kan. Mit einem Wort, er soll klug werden durch seine eigene Erfahrung; dieß war ihm bei seinem Hang zur Sinnligkeit nothwendig, er muste fühlen daß er auf einem verkehr en Wege war, da er der Lehre es nicht glauben wolte. Wie sehr stud nicht alle Vorschriften der christlichen Religion auf den Endzweck allein, die innere Besserung des Menschen gerichtet! Wie Himmelweit ist aber diese Ein 60 Einrichtung gänzlich derjenigen der weltlichen Gerichte entgegen gesetzet, welche nemlich die bösen Handlungen so böse Folgen für den physischen Zustand der andern Glieder haben können beurtheilen, und bestrafen sollen! Wie dann auch D. Die allgemeine Menschenliebe gegen solche von der Gemeinschaft der Kirche ausgestossene Menscher, immerhin ausgeübet werden solte. Eben wenig als Christus erlaubte, die Heiden und Zöllner zu hassen, sie zu verfolgen, eben wenig solte man gegen diese moralisch unglückliche Haß und Verfolgung blicken lassen, sondern selbige zufolge der feinsten Menschenkenntniß durch Liebe und Gutthun zur Einkehr und Belehrung zubringen suchen. Es fallen also die Beurtheilungen der Kirche über das moralische Schicksaal auswärtiger Religionsverwandten, selbige mögen lasterhaft seyn oder nicht, indem Gott selbige richten wird; sondern auch jede in der Kirchenzucht übernommene leibliche Strafe als dem Befehle und der Religion Christi widrig, ganz weg. Die Kirche sol keine andere als sanfte überredende Mittel brauchen, eben wie Ihr Stifter Christus selbst thate. Sie sollen nur allein den im bösen beharrenden so sich unter ihnen finden würde, aus Ihrer Gemeinschaft aus ich lassen, damit keine andere durch dessen zweckwidrigen Wandel in ihrem Lauf zur möglichsten Vollkommenheit aufgehalten werden mögten. Wie himmelweit ist dieses von Inkoleranz entfernt? §. 8. Eine überaus wichtige Frage, welche auf die Toleranz einen sehr grossen Einfluß hat, 61 ist aber folgende: In wie weit kan und muß nun eine von der Kirche zu gebende Vorschrift in Betref des äußeren Gottesdienstes, ich meyne nemlich die sinnliche Darstellung der Religion, für die Bekenner dieser Kirche, oder auch für Auswärtige bindend seyn? Die deutlichste Beantwortung dieser Frage und Bestimmung derselben ist durchaus nothwendig, wenn nicht ein offenbahrer Wiederspruch zwischen der von Christo und seinen Aposteln den Menschen überlassener Freiheit (§. 3. 4. und 5.) und der Nothwendigkeit einer solchen Vorschrift (§. 7) sich hervorthun sol. — Ein Gesetz, welches jedes Mitglied einer fast unzehlbaren Geselschaft in allen besondern Lagen und Vorfällen gleichmässig binden sol, muß in jeder Absicht volkommen, d. i. dem besten der ganzer Geselschaft so wol, als eines jeden Mitgliedes insbesonder in allen Umständen ganz angemessen seyn. Ein jeder siehet aber leicht ein, daß kein Mensch noch eine Versammlung von Menschen im Stande sey ein Gesetz oder Vorschrift zu geben, die in keinen Fällen Ausnahme leiden sol ten. Nur allein die Grundgesetze der Religion, Liebe Gottes und des Nächsten können hiehin gerechnet werden. Diese Grundwahrheiten musten nothwendig so beschaffen seyn, daß der Mensch in keinem Fal und unter keinem Vorwand selbige solte abändern können noch dürfen. Da es nun Gott der menschlichen Natur am angemessensten fand, daß sie in Befolgung und Ausübung obiger Gesetze am sichersten die höchste Stufe der Volkommenheit welcher sie fähig ist erreichen würde, so muste der darüber zu gebende Unterricht und sinnliche Darstellung der Gründen, wenn diese Gesetze algemein mein als gut solten erkannt und befolget werden können, auch unter verschiedener Form und Einkleidung nach den besondern Umständen der verschiedeuen Völker und selbst nach den verschiedenen Zeitläuften ganz anders eingezichtet werden, wenn man den Verstand dadurch aufklären, das Herzrätren und den Willen bessern wolte. Die allerwenigsten Menschen sind nemlich, theils wegen Mangel an natürlicher Fähigkeit, theils Mangel an hin reichendem Unterricht und Uebung, in Stand eine simplificirte und rein frünlichen so sehr abstrahirte Wissenschaft in ihrem Umfange zu begreifen. Noch weniger gehet dieses in der Lehre von unsern Pflichten gegen Gott an. Die allerwenigsten Menschen besitzen hinreichende Kenntnisse von Gott: der natürlichen sowol, als der von ihm den Menschen geoffenbarten Religion, und sind so wenig geübet hohere Begriffe haben, durch Abstraktion vom gröbern sinnlichen zu erlangen, daß man sich von ihnen versprechen dürfte, durch dergleichen simplificirte und vom gröbern sinnlichen gereinigte Sätze, in ihrem Verstande hinreichende Gründe zur Bestimmung des Willens zum guten, zu seiner wahren Vervollkommung zu erwecken. Und da ferner jeder Mensch zur Erfüllung seiner Pflichten zuweilen angetrieben werden muß (§. 7. u. 2.) so erhellet daß nicht allein ein Mensch vor dem andern, sondern ein Volk vor dem andern, nach der besondern Cultur, Lebensweise, Verbindung mit anderen Völkern und verschiedenen mehr oder minder algemein angenommenen Vorurtheilen in Ansehung seiner Empfänglichkeit verschiedener Kenntnisse fürnemlich aber der Religion, himmelweit von andern sehr oft unterschieden seyn müsse; und da. . 63 daher, so zu sagen, ganz anderer Lehrmethode, wenigstens ganz anderer Einkleidung der ihm vorzutragenden Sätze bedürfe; eben so wie im natürlichen, die nemlichen Krankheiten unter verschiedenen Himmelstrichen öfters ganz besondere Kurart erheischen. Man siehet also, daß obschon die Religion Christi für alle Menschen und Völcker, sie möchten sich noch so entgegengesezte Nationalcharacktern haben, seyn solte, dennoch derselben äußere Einkleidung und sinnliche Bewegungsgründe, welche nöthig waren, um die Menschen auf diese Lehre aufmerksam, sie ihnen angenehm, ja annehmungswürdig zu machen, auch nach den besondern Verfassungen der Völker und daher rührender verschiedener Receptivität auch verschieden ſeyn müßen. . Solte also der erwartete Nutzen dieser algemein einzuführenden Religion, nemlich die möglichste Vervolkommnung durch Erkenntniß und Annehmen dieser Religion algemein erhalten werden so muste entweder Gott hierüber für jedes Volk, ja für jedes Zeitalter eine besondere Vorschrift geben; oder den Menschen solches nach der ihnen von ihm ertheilter Klugheit einzurichten überlassen. Daß er lezteres in der Religion Christi gethan, habe ich oben (§. 3.) erwiesen. Und da nun diese Freiheit den Menschen gelassen wurde, um nemlich den äußeren Gottesdienst in so fern er Mittel zur Erreichung des eigentlichen Endzweels der Religion nemlich Vervolkomung der moralischen Kräfte seyn kann, nach ihren Einsichten und den Umständen ilüglich einzurichten, so muste selbst schon dadurch eine solche Einrichtung tung und Anordnung das Gepräge der Menschheit; nemlich Veränderung und Unvolkommenheit haben und behalten, damit der Mensch nicht dahin verfallen möchte, etwas sinnliches zu vergöttern, und seine Seele mit vergänglichen Sachen zu schmücken. So bald der Christ diese Wahrheit nicht empfindet, läuft er Gefahr von dem rechten Pfade der Religion abzuirren, sich nach und nach immer mehr an das sinnliche, an die Vorschriften der Kirche zu hangen, und Gott nicht mehr dergestalt vor Augen zu haben als es nöthig ist um die Seele zu veredlen, sie Gott ähnlicher zu machen; Paulus sagt daher (a) “ denn wo ihr nach dem Fleisch lebet, so werdet ihr sterben müssen: wo ihr aber durch den Geist, des Fleisches Geschäf„te tödtet, so werdet ihr leben, Es sind also ganz offenbar die geistlichen Mittel, und nicht die sinnlichen, welche die Seele bessern, ihre Würksamkeit erböhen. Ausserdem kan ja der Mensch, von niemand anders Vergebung seiner Fehlritte, und ewige Glückseeligkeit, als von Gott erwarten: demselben gebühret daher allein die Ehre dafür. Nachdem ich nun dieses vorausgeschicket babe, glaube ich ohne gegründeten Wiederspruch befahren zu dürfen, sagen zu können, daß zwar 1. Die in jeder Kirche zu gebende Vorschrift wie der äußere Gottesdienst eingerichtet und gehalten werden solle, für sämmtliche Bekenner dieser Kirche nur in so weit bindend ist, als ihr eigener, und (2) Br. an die Römer 8. v. 12 65 und ihrer Brüder moralischer Zustand dadurch verbessert werden kan. Weil aber der ungeübte und nicht gnug unterrichtete. Christ dieses für sich wegen seiner eingeschränkten Einsichten nicht beurtheilen kan, so ist es auch für die aufgeklärtere Chriſten, Pflicht gegen ſolche von der Kirche vorgeschriebene äussere Mittel, von denen sie zwar für sich keinen Nutzen erhalten zu können überzeuget sind, sie aber doch auch sehen, daß solche schwächeren und einfältigen Christen noch Nutzen auszuliefern im Stand seyen, sich auch äusserlich dergestalt zu betragen, daß nicht der schwache einfältige Christ dadurch könne versuchet werden, dieses für ihn noch mögliche Aufklärungsmittel zu unterlassen und diese Gelegenheit sich zu bessern zu versäumen; oder wol gar gegen seine Ueberzeugung eine Handlung zu begehen, oder zu unterlassen, die er Gott schuldig zu seyn glaubte. Folgende Vorschriften der H. Schrift müssen hier den Probierstein ausliefern. (a) “Alles was ihr thut, so thut alles zu Gottes Ehren., Nun kan aber kein Mensch noch irgend ein Geschöpf Gotte Ehr anthun, (*) d. i. seinen Zustand herrlicher machen; mithin kan dieses nichts anders bedeuten, als alle Handlungen dem Willen Gottes gemäß einrichten. Dieser befiehlt, Gott im Geist und in der Warheit anzubeten, und den Näch(a) 1. Br.a.d.Corinth. 10. v. 31. * Ich bin überzeugt, daß der größte Theil der übertriebenen Ceremonien, und verschiedenen von Gott gar nicht vorgeschriebenen ähnlichen Gottesdienstlichen Handlungen, aus einer solchen falschen Vorstellung von dem, was wir Gott schuldig sind, und dafür solten leisten können, entspringet. 66 Nächsten zu lieben; als sich selbst. Hierauf beziehet sich ferner der Ausspruch des Apostels (a) Was nicht aus Glauben geschiehet, das ist Sünde. Nemlich, was nicht mit völligster Erkenntniß und Ueberzeugung geschiehet, daß solches dem Willen Gottes gemäß ist, das ist unerlaubt. Es kommt also hier einzig und allein auf die auf möglichste Erkenntniß gegründete Absichten an. Zweytcus. Eine von der Kirche gegebene Vorschrift kan, wegen ihres Alters da sie nun ihrem Endzweck, wegen ganz veränderter Umständen nicht mehr entspricht, alles bindende verlieren. Ich habe oben gezeigt, daß nach der besondern Denkungsart und Vorurtheilen unter einem oder anderrn Volk, in einer oder anderen Periode, wenn die Religion den Verstand aufklären und den Willen zum Guten lenken sol, die Einkleidung und sinnliche Darstellung verschieden eingerichtet werden müsse. Daß aber jede Einkleidung der Religion und sinnliche Darstellung derselben nichts anders wie Mittel sind um das wesentliche, das unabänderliche in der Religion zu nutzen, und daß dieß auf keine andere Weise geschehen könne als durch moralische Aufklärung, braucht sicher keines Beweises mehr. Aus diesem und dem vorhergesagten wird es also klar, daß diese Vorschriften zuweilen abgeändert werden müssen. Hieraus folget daher der Schluß, daß die Kirche nie eine beständig bindende Vorschrift geben könne. Die Concilien, Confeßionen und Synoden können also gar nicht fodern, [a] Br. a. d. Römer 14. v. 23. dern, daß man ihre desfals gefaßte Conclusa als untrüglich, allgemein und beständig für alle und jede bindend halten solle. Wenn die von den begeisterten Aposteln der ersten Kirche gegebene Vorschriften dieses Gepräge der Menschheit an sich haben, * wie viel mehr muß man solches in der Zukunft wo nach und nach alles finsterer wurde, wo sich immer mehr und mehr weltliche Aussichten, die den Aposteln doch so ganz fremd waren, in die Versammlungen der Geistlichen E 2 hineinMan muß aber hiedurch nicht verstehen wollen, daß dergleichen von den begeisierten Aposteln gegebene Vorschriften fehlerhaft in sich gewesen wären. Dies waren sie ganz und gar nicht, sondern sie waren den damaligen zeiten ganz angemessen. Die Apostel musten zu der Zeit die Christen als junge Kinder behandlen, indem sie noch voller Vorurtheile über die verschiedene Satzungen theils des Judenthums, theils Heidenthums waren. Die Vorschrift die der Heiland selbst, dem reichen Jüngling gab, alle sein Gut zu verkaufen und solches den Armen zu geben, wird wol jemand eben so wenig auf jetzige Zeiten ausdehnen wollen, als die zu der Apostel Zeiten eingeführte Gemeinschaft der Güter unter den Christen. Diese Vorschriften der Apostel sind also nur, theils in Ansehung dessen daß sie nicht für alle Glieder bindend seyn konnten noch durften, theils auch in Ansehung der durch die Zeit veränderter Umständen und daher rührender Ungültigkeit, gleich allem was sinnlich ist, unvollkommen. Dies konnte ja auch nicht anders seyn, denn sie waren und blieben Menschen, wie Petrus solches auch gegen den heidnischen Hauptmann Cornelius bezeugt: wo er ihm sagt: [Actor. 10. v. 26.] Stehe auf, ich bin auch ein Mensch. Er begehrte für sich keinen andern Glauben, noch Eyre als jedem Menschen zukäme. Er solte nur an Jesum Chriſtum glauben [Siehe d: 42. vers.] — Und wer ſiehet nicht die Aengstlichkeit mit welcher Paulus überal die Christen erinnert, in der Beobachtung des äusseren Gottesdienstes doch nichts wesentliches zu suchen? Ja er befiehlt so gar den Corinthern [1. Corint. 3. v. 21.] Darum rühme sich niem.4 68 hineinschlichen erwarten? Daß es aber mit den Vorschriften der Apostel über das äussere der Religion würklich solche Bewandniß habe, ist aus dem oben (§. 4. 5.) gesagten und aus dem Verhalten der Apostelen selbst, unwidersprechlich. Ich will nur noch eines aber ganz bindendes Beispiel hievon anführen. Paulus fand nöthig den Corinthern einige Vorschriften über die Geberden beim Beten zu geben — ich wil selbige hieher setzen. (a) "Ein jeglicher Mann, der da betet oder weissaget, und hat etwas auf dem Haupt „ der schaͤndet sein Haupt. Ein Weib aber, das da betet oder weissaget mit unbedecktem Haupt, die schändet ihr Haupt, denn es ist eben so viel, als wäre sie beschoren. Will sie sich nicht bedecken, so schneide man ihr auch das Haar ab. Nun es aber übel stehet, daß ein Weib verschnittene Haare habe, oder beschoren seye: so lasset sie das Haupt bedecken. Der Mann aber sol das Haupt nicht bedecken, sintemal er ist Gottes Bild und Ehre: Das Weib aber ist des Mannes Chre. — Richtet bei euch selbst, obs wol stehet, daß ein Weib unbedeckt vor Gott betet! Oder lehret euch auch nicht die Natur, daß einem Mann eine Unehre ist, so er lange Haare zeuget und dem Weibe mand eines Menschen. Er schließt sich selbst gar nicht von diesem Verbot aus, obschon er wuste daß er mehr gearbeitet hatte, dann alle andere Apostel. Denn er sagt ausdrücklich in gleich folgendem 22ten Vers; Es sey Paulus oder Apollo, es sei Arphas, oder die Welt 2c. Eben diese Gesinnungen wiederholet er noch einmal im folgenden 4ten Hauptstück im §. bis 8ten Vers. (a) 1. Br. a. d. Corinth. 11. v. 4.5.6.7.—13. „ Weibe eine Ehre, so sie lange Haare zeuget? „ das Haar ist ihr zur Decke gegeben.,, Diese Vorschriften die sich auf die damalige herrschende Mode und algemeine Denkungsart ganz offenbar ganz allein beziehen, gehen uns doch wol gar nicht mehr an. Ist dies nun der Fal bei Vorschriften, welche durch apostolische Synodalschlüße gegeben sind; aus welchem Recht mögen dann doch jetzt wol die Concilia, Confeßionen und Synoden, sich den Vorzug unfehlbare Vorschriften geben zu können, zueignen wollen? Ausserdem hat man noch bis auf jetzige Zeiten einige Gebräuche und Gewohnheiten aus den damaligen Zeiten beibehalten, andere aber hinterlassen; mithin eine auf menschliche Gründen und Einsicht beruhende erlaubte Abänderung öffentlich anerkannt. Drittens. Im Fall nun von der Kirche dergleichen Vorschriften gegeben würden, welche ganz und gar entweder gleich von Anfang, oder erst in der Folge dem evangelischen Wege welchen Gott den Menschen zur geistlichen Vervolkommnung vorgeschrieben hat, zuwider wären, dann siehet ein jeder leicht ein, daß dergleichen Vorschriften nicht allein für niemand bindend seyn können, sondern durchaus nicht befolget werden dürfen. Im letzteren Fal müssen aber die aufIch kenne Gegenden wo noch die Frauenzimmer, wenn sie zur Communion gehen, ihre Haare in langen Flechten hinten am Kopf herunter hangen haben. Gewiß sind viele unter denselben, welche unwürdig zum Abendmal nach ihren Gedanken gehen würden, wenn sie ihre Haare nicht so hangen lieffen. So hängt sich der Mensch ans sinnliche! 70 aufgeklärten, welche diesen Unfug einsehen, sich sehr klüglich und vorsichtig betragen. Denn, wenn der einfältige Christ auf eine solche Vorschrift viel gehalten hat, und nachher einsiehet, daß er irre war geführet worden, dann wird er sehr oft in seiner ganzen Religion verwirrt, und bindet sich in der Zukunft an gar nichts mehr. Mit einem Wort, er wird alsdann ruchloß. Oder, wenn dieser einfältige Christ durch ein Vorurtheil des Ansehens geblendet, fortfähret den nemlichen Werth in solcher Vorschrift zu setzen, und er selbst von seinem Geistlichen aus Einfalt, oder schlimmerem Grund in seiner Meinung bestärket wird, dann kan Empörung gegen den Reformatoren, mithin Entzweiung, Zank und noch schlimmere Folgen daraus entstehen. Wenn also dergleichen viel grössere Uebel und Aergerniße aus der Bemühung eine solche evangelischwidrige Vorschrift abzuschaffen entstehen solten, dann muß sehr behutsam und langsam damit verfahren werden, um solchem grösseren Unheil vorzukommen. Im ganzen aber ist nichts natürlicher, als daß nach und nach der Mensch in seinen äusseren Religions Uebungen vom rechten Wege abkommt und sich selbst Wege zur Glückseeligkeit zu gelangen erfinne. Der sinnliche und dadurch öfters sündigende Mensch, sucht sich, so bald er seine begangene Sünde gewahr wird und derselben schlimme Folgen fürchtet, oder zum Theil schon fühlet, auf alle ihm nur möglich anscheinende Arten zu helfen. Da nun seine Ueberzeugung von der Warheit der deutlichsten Vorschriften Christi, zur Seelenruhe zu gelangen, schwach und 71 und sehr dunkel ist, und er überdem die sinnliche Ergoͤtzungen für das angenehmste gehalten, mithin die höheren geiſtige Empfindungen faſt gar nicht kennet, so verfält er nothwendig alsdenn als ein sinnlicher Mensch, auch auf sinnliche Mittel. Bei dieser Empfindung seiner Vergehungen, möchte er gerne leibliche Martern ausstehen ja sich brennen lassen, wenn er nur Vergebung der Sünden und Zusicherung eines künftigen glücklichen Lebens erhalten könnte. Wenn nun dieser sinnliche, von dem wahren Wege auf welchem man Gotte näher komt, so sehr entfremdete Mensch, diesen Mangel an Erkenntniß, und gänzliche Unmöglichkeit auf diesem Wege zu seinem Endzweck zu gelangen, nicht bei Zeiten einsiehet, dann fält er von einem sinnlichen Mittel auf das andere; er macht sich eine Satzung nach der andern. Diese mögen für ihn noch so beschwehrlich, noch so unangenehm seyn, so scheinen ihm selbige doch viel thunlicher, als die simpele und so leicht einleuchtende Methode des Heilandes, nemlich ihn als seinen Herren zu erkennen, und nach seinem Beispiel, durch Gehorsam an Gott, den Hang zur übertriebenen Sinnlichkeit überwinden, und dergestalt an der Aenderung seines Herzens zu arbeiten. Je grösseren Werth nun der Mensch ins sinnliche gesetzet hat, desto beschwerlicher wird es ihm von dieser Warheit sich zu überzeugen. Er entlehnt immer seine Begriffe vom sinnlichen, und vergleicht damit seinen moralischen Zustand und die Mittel welche er glaubt zu dessen Verbesserung anwenden zu können. Er kan die Warheit . 72 heit des Ausspruches; (a) Mein Joch ist sanft und meine Läst ist leicht, nicht überzeugend empfinden und glauben, daß Gott selbst gegen den mühseeligen und mit Sünden beladenen Menschen sage, wie es eigentlich nach der Grundsprache lautet: das Gespann, welches ich mit helfe ziehen; die Last, welche ich mit helfe tragen, ist ganz leicht. Ein jeder siehet daher ein, daß alle solche Vorschriften, welche gleich von Anfang oder durch nachherige Verunstaltung in der Folge der Zeit, den Menschen von diesem simpelen Wege Christi abbringen, und ihn auf eignes Verdienst, auf ein Recht von Gott die Seeligkeit fodern zu können, führen; indem sie den Menschen in seiner Vervolkommnung aufhalten, und aus sinnliche hangen machen, für niemand bindend sind, sondern als schädliche, verworfen werden müssen. Viertens. Alle Vorschriften einer Kirche, welche die Bekenner dieser Kirche mit einer auswärtigen, im bürgerlichen Zusammenleben entzweienkönnen, sind endlich der Regel Christi ganz zuwider. In jeder Abtheilung der christlichen Religionen sol Liebe des Nächsten ein unabänderliches und durch keine Art von Vorschrift einzuschränkendes Hauptgebot seyn. Kein Mensch sol durch dieſe allein wolthätige Religion geärgert werden. Ausserdem ist dergleichen Verfahren jeder Klugheit und Menschenkenntniß ganz gerade entgegengesetzet: denn nicht durch Vorwürfe von Un[⛪ Spang. Matth. 11, v. 30. Unvolkommenheit oder gar Scheltworte, sondern durch liebreiche überzeugende, auf das physische und moralische Beste offenbar abzweckende Gründe, sol man jeden vernünftigen Menschen, wenn man ihn nemlich moralisch bessern wil zur Ueberzeugung der Warheit bringen. Wie zweckwidrig der Lehre Christi, dem Endzweck der wohlthätigsten, überal Licht ausbreiten sollenden Religion sind nicht daher, alle die polemischen Predigten; alle die anstößigen Ausdrücke der Symbolen fast in allen Kirchen; alle die Zwangmittel womit man auswärtige Religionsverwandte an die Beobachtung einiger äusserer Gottesdienstlicher Vorschriften binden wil? Wie sehr setzen sich hiedurch die Christen auch nur als Menschen betrachtet, unter die Würde der vernünftigen Geschöpfe herunter, und lästern durch ihre lieblose, ärgerliche Worte und Handlungen den Gott welchen sie zu verehren glauben. Sol also die glückliche Periode herannahen, die auch in der Bibel vorhergesagt wird, daß alle Völker sich über die Religion dergestalt vereinigen werden, daß sie nur als eine Heerde sollen angesehen werden können, so müssen zufoderst diese Hinderniße aus dem Wege geräumet werden, und muß jede Versammlung, welche Recht hat eine Vorschrift über Gottesdienstliche Handlungen zu geben, jederzeit vor Augen haben, daß alle solche Gottesdienstliche Handlungen nicht anders als sinnliche Mittel zur moralischen Vervolkommnung zu gelangen betrachtet, und nicht anders angenommen werden können, und befolget werden dürfen, als in so fern selbige zur Erreichung obigen Endzweckes mit der Offenbarung und Vernunft ganz übereinstimmend sind sind. * Denn es hat so wenig die Kirche, wie jeder anderer Mensch andere Quellen, aus welchen er Warheit schöpfen kan, als Vernunft und OffenIch kan nicht unterlassen bei dieser Gelegenheit einen grossen Mißbrauch und eine der allergrösten Hinderniße der glücklichen Vereinigung der christlichen Religionen hier anzuführen. Es ist nemlich in jeder Abtheilung der christlichen Religion ein bis hiezu unabänderliches Gesetz, daß die Geistlichen, entweder beim Antritt ihres Amts, oder auch noch mehrmalen nachher, auf ihre Kirchenschlüße, Symbolen, Katechismen rc. schwehren, und von selbigen in keinem Stück nie abgehen zu wollen auf das heiligste vor dem Gott der Warheit, der den Menschen das forschen nach Warheit, alles zu untersuchen als eine der ersten Pflichten auferleget hat, versprechen müssen: wo doch der bestimmte Innhalt eines grossen Theils solcher Symbolen nicht auf eine unzweifelbare Auslegung der Offenbahrung, noch auf Gründe die jeder unpartheitscher Mensch gleich einsehen kan, sondern auf Kirchenschlüße beruhen; wo nemlich eine gewisse Anzal von Geistlichen und zwar von guten und bösen, gelerten und ungelerten, durch Mehrheit der Stimmen einen Satz auf ewig als so wahr festgesetzet hat, daß niemand mehr daran sol zweifeln dürfen. Und bedenkt man hiebei, daß ein Theil dieser Symbolen zu der Zeit entworfen worden, wo das Publicum in Religionssachen fast immer in konvulsivischen Fuckungen lag, so siehet man leicht, daß die Parthien, welche mit dem Schwerdt in der Faust ihre Sätze hatten vertheidigen müssen, leicht dahin kommen konnten lieblose Ausdrücke gegen ihre vormalige Gegner in ihr Glaubensbekenntniß einfliessen zu lassen; wohingegen dann die andere Parthie nichts minder thate, um doch zu zeigen, daß sie in nichts nachgeben wolte. Man fodert dergleichen feierliches Versprechen so gar von jedem Gemeinsglied wenn es in die Gemeine aufgenommen wird; ja man läßt noch an manchen Orten selbiges sich vor der Gemeinen verpflichten nie mit einem anberen als einem Gliede seiner Religion sich verehlichen zu wollen. Wie traurig hievon die Folgen für die Toleranz 75 Offenbarung. — Die traurige Erfahrung lehret es ja auch bei verschiedenen geistlichen Versammlungen von allen möglichen Abtheilungen der christlichen ranz seyn müssen ist klar. Es entstehet aber hieraus, nicht zu gedenken, daß dieses Verfahren den Vorschriften der Religion und der menschlichen Vernunft gerade entgegen gesetzet ist, nothwendig der allerärgste Gewissenszwang. Es erhellet nemlich aus dem [1. §.] daß in der theoretischen Theologie viele Sätze enthalten sind die nicht zur Evidenz erwiesen werden können, worüber daher die Menschen nach ihren besondern Einsichten verschieden denken müssen. Es ist ferner klar, daß die äussere Einkleidung der Religion nichts anders als Mittel ist, sich in dem wesentlichen derselben zu vervolkommnen, und daher nach den verschiedenen Völkern und Zeiten nothwendig Abänderung bedürfe. Wenn nun ein Geistlicher oder anderes Mitglied der Kirche in der theoretischen Theologie einen vorhin angenommenen Satz aus ihm anscheinenden hinreichenden Gründen anders beurtheilen zu müssen glaubet, oder in einer äusseren Gottesdienstlicher Handlung das nichtige oder wol gar zweckwidrige bemerket, dann darf doch dasselbe wenn es nicht Herz gnug hat, den theologischen Haß mit Geduld zu ertragen, sich hievon nichts äusserlich blicken lassen: ja, der Lehrer muß fortfahren gegen seine Ueberzeugung die ihm anvertraute Gemeinsglieder in ihrem Irrthum zu bestärken und denselben, Kindern wieder einzuslössen. Wie muß nicht jedem rechtschaffenen Menschen hiebei schaudern, wenn er sich dergleichen, in einer solchen allein wolthätigen Religion auch nur als möglich denkt! und wie häufig existirt dieser Gewissenszwang nicht unter vielen Geistlichen aller Religionen, und wird fortfahren zu seyn, bis man von dem Satz zurückgekommen, daß die Religion in etwas äusserem bestehe. Der Nachtheil so hieraus entspringt ist würklich grösser als man glaubt denn 1. Die algemeine Menschenliebe wird dadurch erflicket, indem jedem schwachen einfältigen Menschen der Gedanken aufsteigen muß, er wäre ein besserer Mensch, weil er zu dieser oder jener Religion gehöre, auf die sein Geistlicher so wol lichen Religion, zu welchem Grad der Eutzweiung und allerlei Unheils ihre Schlüße Gelegenheit gegeben haben, so bald Blindheit oder Leidenschaft wol als er geschworen habe, mithin die seinige wahr, und die andere falsch seyn müsse. 2. Es kan nicht fehlen, daß hiedurch ein grosser Theil der Geistlichen angesetzet werde, in dieser theoretischen Lehre oder äusseren Religionsform die sie beschwohren haben einen reellen Werth zu setzen. Sie entfernen sich nach und nach vom wesentlichen der Religion, von der pracktischen Vervolkommnung und Glauben an Gott, wie solches ihre Predigten und Art des Amtseifers mehrentheils an Tag legen; und auf solche Weise predigen sie, zuweilen unwissend Intoleranz, und säen Haß und Uneinigkeit. 3. Ueberzeugen sie sich nun nachher von der Unrichtigkeit einer oder anderen Meinung die sie beschwohren hatten, so dürfen sie solches nicht, wenn sie nicht gleich als völkommene Keher angesehen und ihres Amtes entsetzet seyn wollen, blicken lassen. Entweder müssen sie alsdenn und die ihrigen darben, oder gegen ihr Gewissen unrichtige Sätze lehren; und werden auf solche Weise die allerschlechtesten Menschen, an statt daß sie Priester der Warheit ſeyn ſolten. 4. Sie dürfen ihre Scrupeln oder Ueberzeugung in dem Fal um so weniger blicken lassen, weil sie vorher wissen, daß diejenigen so ihre Person und Meinung beurtheilen werden wenigstens gewiß gegen letztere mit Vorurtheilen eingenommen seyn werden. Zudem leidet es die Politick und Ansehen einer solchen Geselschaft nicht, so dieses beurtheilen, unter ihren Sätzen einen als unrichtig erkannten zu verwerfen: oder, man befürchtet, wenn man dergleichen blicken liesse, daß dadurch das ganze Gebäude in Gefahr kommen möchte. Wie traurig ist dieses für die Menschheit! Möchten doch alle diese auf solche schlechte Gründe stehende Gebäude, auf welche die moralische Verkommnung der Menschen beruhen sol, auf einmal zusammen stürzen; und sich hinführo alles allein auf den einigen denschaft sich der grösseren Anzal der Mitglieder bemächtigten. Ich wiederhole deswegen noch einmal: alle diejenigen, die dergleichen Schlüße und Vorschriften verfertigen, sind und bleiben, wenn schon mit den lautersten Absichten, dennoch Menschen; Ihre Schlüße müssen daher auch das Gepräge der Menschheit behalten. (*) Diese unwidersprechliche Warheit muß jeder Kirchenversammlung Toleranz und Nachsicht gegen die anderen einflössen. Es bleibt an der einen Seite immer ihre gen Grund, welcher von Gott geleget ist, nemlich auf Christum sich gründen! Wie geschwind würde man sich dann über die Religionsgeheimniße, die unsere Kräfte einzusehen noch weniger vermögend sind als die gesammte Kräfte der physischen Welt mit dem Verstand zu umfassen, vergleichen! und wie einig würde man alsdenn über den Endzweck der nöthig zu gebenden Vorschriften in Rücksicht auf die äussere Mittel seyn! Man würde sich in dem Fal an die verschiedene Vorschriften derselben in verschiedenen Ländern eben so wenig stossen, als man es jetzt an der verschiedenen politischen Einrichtung der Länder thut. Man würde überal, wie im politischen, die Vorschriften prüfen und aus jeder das beste wählen, nemlich das was am mehresten zur moralischen Vervolkommnung beitragen könnte. Man würde so dann mit dem Apostel über alle Christen Friede ausrufen, indem sie nun alle nach der Regel Christi, nicht mehr als Knechte von verschiedenen Satzungen und Gebräuchen, sondern als freie einhergehen würden. Jacobus drückt dieses recht schön aus in seinem Brief im 3ten Hauptst. dem 17. Vers, "Die Weisheit aber, die von oben herab kommet, ist vors erste rein, darnach auch friedliebend, bescheiden, gelehrig, (bessern Unterricht gern annehmend; also nichts weniger als Ein ihrem Sinn unfehlbar) vol Barmherzigkeit und guter Früchte, machet keinen Unterschied der Personen, und ist frei von aller Heuchelei. 78 ihre Pflicht alles zu prüfen, und das gute zu behalten; aber auch an der andern Seite muß jeder Christ, er mag Geistlicher oder Laye seyn, die Warheit folgender Bekenntniß fühlen, wil er anders Christi Sinn haben: Wir dienen alle einem Herren; wir werden alle von einem Herren gerichtet werden: Dieser ist allmächtig und als solcher hätte er alle Menschen können den nemlichen Weg wandeln lassen, aber dies war seiner Weisheit nicht angemessen. Er ist auch gerecht, mithin wird er jeden bestrafen und belohnen nachdem er mit Anwendung des ihm verliehenen Talentes getreu oder nachläßig gewesen ist. Diese verschiedenen Talente kenne ich nicht und kan also selbige nicht beurtheilen. Er verbeut auch ausdrücklich überal, dies nicht zu thun. Es ist mir derohalben gnug, daß er mir Gelegenheit gegeben hat meine Pflichten kennen zu lernen. Ich sol nemlich Gott lieben als meinen Schöpfer und ewigen Gutthäter; und gegen meine Nebenmenschen mich so verhalten, wie ich als ein vernünftiges Geschöpf mit Recht wünschen kan, daß sie sich gegen mich verhielten. Diese Pflichten wil ich mir suchen aus den Vorschriften meines göttlichen Lehrers und Vorgängers, immer klärer, einleuchtender zu machen, und durch Gotteskraft in der That überal auszuüben mich bemühen, und dann im Glauben an Christum ruhig sterben. Dieses ist die einzige, aber auch die wahre dem Worte Gottes ganz und allein angemessene Grundlage, auf welcher eine Vereinigung aller christlichen Religionen gebanet werden kan. Wer die Rechtschaffenheit und Warheit dieses der Religion unſeres Erlöſers ganz angemeſſenen Bekenntnißes ein 79 empfindet, und wer kan selbigem seinen Beifal versagen? der wird auch gleich mit mir einstimmig seyn, daß dies der Sinn der Worte ist, Ein Herr, Ein Glaube, eine Taufe. (a) Ich, glaube es sehr überflüßig dieses näher beweisen zu wollen, da alles wesentliche der christlichen Religion hierin steckt; mithin werden bei diesen eigentlich rechtgläubigen Gesinnungen, weder Abänderungen von Vorschriften, noch andere Gebräuche, und noch weniger verschiedene Meinungen über theoretische Sätze der speculativen Theologie, mehr anstößig seyn; sondern wahre Bruderliebe wird algemein und um so viel beständiger werden, da selbige sich auf den Glauben an Christum, den einigen Herren, gründen wird. Wie weit würde man alsdann vom Verfolgungsgeist über Religion, diesem Schandsleck der Menschheit entfernet seyn? Wo die Menschen glauben für Religion, für Gott zu fechten und ihr Leben zum Verdienst dahinzugeben, und sie fechten und sterben doch für nichts anders als für Satzungen und verschiedene Auslegungen von Menschen! Welcher Wilde würde dieses wol von vernünftigen Menschen glauben, wenn man ihm die Religion Christi bekannt machte, ohne ihm von dem pracktischen Betragen der Christen untereinander zu reden? Es bleibt mir noch übrig zu bestimmen, ob und in wie weit eine, einer Kirche gegebene Vorschrift für auswärtige Religionsverwandten bindend seyn könne. Diese entscheidet sich aber von selbst, indem ich schon §. 7. gezeigt habe, daß die Kirche mit den auswärtigen, wenn (1) Br. a. d. Epheser 4. v.5. 30 wenn sie selbst noch so lasterhaft sind; platterdings nichts zu schaffen habe, und sie selbst nicht beurtheilen dürfe. Es ist aber eingeführt und ordnungsmäßig, daß in äusseren Gebräuchen die für die Gewissen nicht kränkend seyn können, die auswärtigen verpflichtet sind, den Gebräuchen der im Lande herrschender Religion sich zu fügen. Aber es ist aus dem vorigen klar, daß selbige von solcher Natur ſeyn müſſen daſt kein Gewiſſen weder von der einer noch der anderen Seite gekränket, mithin ein gerechtes Aergerniß gegeben werden könne. Die Unterthanen sind daher verbunden, in kraft der Unterwürfigkeit, welche sie ihrem Landesherren schuldig sind, sich nach den äusseren gottesdienstlichen Vorschriften, deren Ausübung nicht gegen ihr Gewissen streitet zu richten: Dahingegen ist es die größe Pflicht jeder christlichen Obrigkeit, nichts von ihren Unterthanen zu sodern, welches gegen ihr Genossen streiten könnte. Schon Politick verbeut dieses, dann ausser daß dergleichen Gebot über die Gewissen herrschen zu wollen nach dem Ausspruch des rönischen Kaisers Maximilian des 2ten, die gröste Tirannei ist, so läuft der Landesherr Gefahr, durch gezwungene Ausführung dergleichen Gebots den moralischen Karackter vieler Unterthanen zu verderben: werden sie nemlich dahin gebracht in demjenigen untreu zu werden, was sie Gotte schuldig zu seyn glaubten, dann wird doch wol der Landesherr sich nichts besseres von ihnen versprechen können. §. 9. Wenn §. 9. Wenn wir der Geschichte der geoffenbarten Religion ohne Vorurtheil nachspüren, dann finden wir, daß letzterer überal überzeugende Gründe beygefüget worden: und zwar sind diese Gründe von der Art, daß ihre Natur, die Methode mit welcher sie vorgetragen wurden und selbst ihre ganze Einkleidung nach dem Bedürfniß und der Empfänglichkeit derer eingerichtet waren, für welche Gott sie eigentlich gegeben hatte. Und als nachher der Sohn Gottes das von allen Menschen leicht faßliche Religionssystem und die für die ganze gesammte Menschheit allerbeste Moral ertheilte, seben wir doch, daß obgedachter göttlicher Lehrer nicht allein viele Gründe gebrauchte, die nur allein bey den damaligen Juden nöthig waren; sondern wir bemerken überdem, daß er ein und die nemliche Lehre öfters unter ganz anderen Einkleidungen und Sinnbildern dargestellet hat. Er kannte nemlich die Receptivität seiner damaligen Zuhörer so wol als derer, welche nachher das von ihm verkündigte und gelehrte Religionssystem lesen würden, und richtete es deswegen dergestalt ein, daß jeder darinnen eine, seiner Receptivität angemessene Einkleidung der Religion antreffen; mithin für niemand zu befürchten seyn würde, daß man in dieser Quelle des Lebens letzteres vergeblich suchen möchte. Und sol der Mensch gründlich gebessert werden, und einen festen, vernünftigen Gottesdienst beobachten, dann muß er nothwendig die Gründe davon alsobald einsehen können. Kan er dieses nicht, dann ist sein Gottesdienst nur pur mechanisch, und hilft ihm zur moralischen Vervolkommnung nung gar nichts. Höchstens behindert er ihn an Ausübung einiger groben Laster. §. 10. Nachdem nun Christus die Welt verlassen hatte, wurde seine Lehre von den Aposteln und nach diesen, von anderen Lehrern durch die ganze Welt verkündiget. Man ſabe aber bald die Nothwendigkeit des hier oben gesagten, (§. 7. und 9.) um nemlich die Menschen durch einen, nach ihren Umständen besonders modificirten Unterricht, als auch äusserliche Ceremonien, zur Annahme so wol als pünktlicher Beobachtung der christlichen Religion zu überreden, deutlich ein. Es waren auch hier und da vortreflich Männer, welche mit größter Klugheit und bestem Erfolg ihre Bemühungen zur Ausbreitung der Religion Christi hiernach einrichteten. Allein wir finden schon in den Briefen der Apostel, daß bald nach Christi Himmelfahrt und zwar schon zu der Zeit, wo viele Christen unmittelbare Geistesgaben erhalten hatten, einige anfiengen die beste Religion des himmlischen Lehrers durch besondere Meynungen und Zusätze zu verunstalten. Und nachdem Gott es nicht mehr noͤthig fand zur Befestigung so wol als Ausbreitung seiner Religion seinen Geist unmittelbar zu ertheilen, so konnte es wol nicht fehlen, daß die Einkleidung dieser Lehre, und hauptsächlich die äussere Form des Gottesdienstes nach den besondern Begriffen und Eindrücken der vorgesetzten Lehrer, wenn schon aus den besten Absichten, verschiedentlich zwar abgeändert, aber auch sehr verunstaltet wurden. So bald nun einmal bey den entstehenden algemeinen Verfolgungen der Christen, selbige nicht mehr mehr ordentlich zusammenkommen konnten, war es natürlich, daß der Unterricht seltner, mithin die Aufklärung minder werden muſtte. Dies gieng, wie wir aus der Geschichte ganz unleugbar wissen, zuletzt so weit, daß selbst diejenigen, so das Volk lehren solten, nicht einmal die Ursprache des Religions Unterrichts kannten, und noch weniger fähig waren diejenige Einkleidung des Religions Unterrichts, welche im Anfang nöthig gewesen war, um denselben dem Volke, welchem er zuerst gegeben wurde, begreiflich und annehmlich zu machen, einzusehen und die hievon abgesonderten Sätze dem Volk nach ihrer Receptivität vorzutragen. Dies gieng bey den so lange anhaltenden Verfolgungen so weit, daß nur noch in einigen wenigen Klöstern, einige wiewol höchstunvolkommene Kenntniße der eigentlichen Religion beybehalten wurden. Man las die lateinische Psalmen, Evangelien und Episteln und weiter nichts. Hatte man doch noch hier und da einen Kommentar, so wurde selbiger zwar in den Klöstern vorgelesen, allein so bald in demselben etwas in der Ursprache vorkam, so blieb solches zurück, es hieß: græca sunt, non leguntur. Fleury sagt deshalb, daß bei ihnen nur der Nahmen und das äussere Ceremoniel eines Christen übrig geblieben wäre. Nur Glück genug, daß auf diese Weise die Manuscripten für die Nachwelt den Händen der alles verwüstenden Barbaren entrißen wurden. Wie könnte man aber noch wol erwarten, daß bey dieſem Mangel an Grundkenntniß der Religion selbst, bey aller der Einfalt, und dem übergebliebenen Rest eines nur blossen sinnlichen Gottesdienstes, dem Paulus 8 2 so sehr seinen ganzen Werth, als der Religion Jesu zweckwidrig abgesprochen hatte, ja bei der durch anhaltende Verfolgung gewissermaßen fast ganz unterdrückter Menschheit, * der eigentliche wahre Um dem Leser zu zeigen, daß ich die Ausdrücke hier nicht übertrieben habe, wil ich demselben nur einige wenige Geschichten als Beweise, aus dem ersten Theil des noch in diesem Jahr in Paris herausgekommenen wichtigen Werks, l'Esprit des Croisades ou histoire politique & militaire des guerres entreprises par les Chretiens pour le recouvrement de la terre sainte, pendant les XI. XII. & XIII. siecles, anführen: Der griechische Kaiser Baülius ließ einen hinrichten der ihm auf der Jagd das Leben rettete, weil er gegen den Kaiser das Schwerd hatte zucken müssen. Von der Unwissenheit und von dem Haß der Mönche gegen die alten klaßischen Autoren wird S. 359. des zweiten Theils aus den Consuetadinibus Monast. Cluniac., die zu Ende des eilsten Jahrhunderts gesammlet worden eine auffallende Geschichte mitgetheilet. Ein Mönch, der sich einen alten klaßischen Schriftsteller aus der Klosterbibliotheck ausbitten wolte, durfte seine Bitte nicht nur durch das Zeichen desjenigen Gestus ausdrücken, womit man überhaupt ein Buch foderte, sondern er muste das Ohr mit der Hand berühren, sicut canis cum pede pruriens solet, quia non immerito infidelis cum tali animanti comparatur. — Als der berühmte Kreutzungsprediger Petrus Eremita, vor den Synoden zu Piacenza und Clermont überal herumreiste, um die Gemüther zu der päbstlichen Proposition vorzubereiten, trieb man die Verehlung so weit, daß man dem Esel, auf welchem er ritt, die Haare als heilige Reliquien ausraufte. — Catharina von Medicis that, um sich des Himmels Seegen für ein gewisses Projeckt zu verschaffen, das feierliche Gelübde einen Pilgrim nach Jerusalem zu schicken, der auf seiner Walfarth bey jeden drey Schritten, die er vorwärts gethan, wieder einen zurücktreten solte. Ein Landmann aus der Pikardie übernahm die Ausführung des Gelübdes: die Königin schenkte ihm zur Dankbarkeit bey seiner Rückkunst den Adel. Hiebei kan ich nicht anders als mit wahrer Weh. wahre Gottesdienst, nemlich Gott im Geist und in der Warheit anzubeten, auch nur noch kenntlich geblieben seyn solte. Da die Geistlichen in der Einfalt und Unterdrückung lebten, setzten sie, inWehmuth mich erinnern, daß ich auch noch eine Gegend Teutschlandes kenne, in welcher der gröste Theil der Einwohner glaubt, daß die fürchterlichsten Unglücker über sie kommen würden, wenn sie nicht jährlich eine Proceßion, über einen gewissen hohen und langen Berg machen, und wo sie bei jeden drei Schritten so sie vorwärts gemachet haben, wieder einen zurücktreten; bei welcher Gelegenheit viele so dann mannichmal den ganzen Berg wieder rückwärts herab rollen. — Welchen Begrif man sich endlich in den älteren Zeiten von Religion und sämmtlichen Wissenschaften gemachet und solche zur Schande der Menschheit gemißbrauchet habe, erhellet aus der Anecdote, welche Bayle in seinem Dictionn. Hist. & crit. in dem Artickel Brissot erzählet. Brissot war nemlich ein Arzt und behauptete gegen einen sicheren Denys, daß man im Seitenstechen an der entgegengesetzten Seite zur Ader lassen müße. Letzterer hatte die mehresten Anhänger. Obzwar nun die Universität zu Salamanka richterlich ausgesprochen hatte, daß die Brissotsche Meinung vom Aderlassen beim Seitenstechen, der hippokratischen und galenschen Lehre gleichförmig seye; so appellirte die Deuysche Parthie doch im Jahr 1529. an den Kayser Karl den 5ten, und mahlte die Brissotsche Meinung vom Aderlassen in ihrer Vorstellung als gottloß und für die Menschen tödtlich nicht allein ab, sondern sagten, selbige verursachte in der Arzeneigelartheit ähnlichen Schaden, als die Lehre Luthers in der Gottesgelartheit; wie sie dann auch die Anhänger dieser Meinung in ihrer Bittschrift an den Kaiser medicinische Lutherauer nannten. Und wenn nicht der Herzog von Savoyen Karl der dritte um eben diese Zeit am Seitenstechen gestorben wäre, obzwar er nach der Dennschen und nicht nach der Brissotschen Lehre zur Aber gelassen ware, hätte man nicht anders vermuthen können, oder der Kaiser hätte sich bewegen lassen die Briffotsche Lehre zu verdammen. Jetzt wurde dieser Proceß aber als unausgemacht bei Seite geleget. Quiescat in pace 86 indem sie in dem Wahn stunden, sie könnten und müßten Gott recht viele Ehre anthun, der Religion eine Menge Menschensatzungen, gesetzlicher Handlungen hinzu; diese fanden sie um so nöthiger, weil die Lagen den eigentlichen Werth der Religion nicht mehr durch die Kräfte ihres Verstandes einzusehen, und wegen der Verfolgung selbige noch weniger zu erlernen vermögend waren. So entstand dann nach und nach ein ceremonieler, ein gesetzlicher Gottesdienst, welchen Christus doch ausdrücklich abgeschaffet, und den Menschen so himmelklar gezeiget hatte, daß hiedurch die moralische Vervolkommnung des Menschen nicht erlanget werden könne. Ausser diesem verfielen die Menschen nach und nach zu anderen erschrecklichen Irrthümern, wie die Lehre der so genannten Puristen unter andern zeiget, welche den Gott verunehrenden Satz behaupteten; der Mensch müße Gott lieben, wenn er schon von Gott verdammet würde. §. 11. Jedoch, wo fält der Mensch in seinen Schlüßen nicht hin, wenn er einmal auf falsche Vordersätze bauet. Hätte man, und dies solte doch jeder Lehrer thun, die simplificirte und vom sinnlichen so viel wie möglich abstrahirte Grundwarheiten der Religion Christi zur Grundlage geleget, und aus selbiger als dem Axioma, die anderen Sätze als Corollarien nach den Gesetzen der Logick gezogen, dann hätte man alle Irrthümer verhütet; und so bald man solche mit nöthiger Menschenkenntniß nach der Receptivität der Menschen für welche man sie bestimmte eingekleidet hätte, würde der Verstand der Menschen 87 schen aufgekläret und derselben Wille zum Guten gelenket, mithin der ganze Mensch gebessert worden seyn. Liebe gegen Gott; und Liebe, Duldung des Nächstens würde sodann seine Hauptempfindung, als das Hauptkennzeichen der Religion Christi gewesen und geblieben seyn; wohingegen nach und nach vielmehr Unterdrückung, Zwang, ja offenbare Verfolgung der Mitchristen, wenn selbige nicht die nemlichen von den Geistlichen verordnete Ceremonien mitmachen wolten, sich einschlichen und in mörderische Ketzerkriege und unvernünftige Kreutzzüge zuletzt ausbrachen. Der Mensch hängt nemlich vermöge seiner Natur nicht allein ans Sinnliche, sondern er liebt alle diejenigen, die hierin ähnliche Neigungen äussern, und sondert sich im Gegentheil von denen ab, die dergleichen Neigungen mißbilligen. Je gröſseres Gewicht nun der Mensch in eine oder andere dieser Neigungen setzet, je stärker wird seine Zu=oder Abneigung gegen den Menschen, der mit ihm in dieser Meynung entweder harmoniret oder disharmouiret. Wir bemerken diesen Unterschied ganz deutlich im gemeinen Leben. Die Zu= oder Abneigung eines Menschen gegen den andern, die sich nur auf eine gewiße blosse Neigung zu irgend erwas sinnlichem gründet, ist lange nicht so stark, als wenn selbige schon auf den Unterschied der Sitten, oder welches einerley ist, der Lebensart beruhet. Noch viel stärker aber zeiget sie sich so bald wie selbige zwischen zween Menschen entstehen, welcher Hauptkenntniße der Religion und folglich vornehmster Gottesdienst in äusserlichen Ceremonien bestehen. Ein jeder, auch der aufgeklärteste, der toleranteste untersuche sich, wie 88 er in seiner Jugend fremde Religionsverwandten angesehen und von ihnen gedacht habe. Er wird sich gewiß schänfen. Sahe er in einem fremden Lande, unter lauter fremden Religionsverwandten einen der seine eigne Religion hatte, so war selbiger ihm lieber, als alle andere, wenn schon dessen Moralität keinen Heller werkh war. Wie stimmt dieses mit dem Ausspruch des Heylandes, an den Früchten sollt ihr den Baum erkennen; also nicht an der äusseren Gestalt. §.12. Es ist aber eine, nicht allein äusserst wichtige, sondern sehr beschwerliche Sache, diese Einkleidung, und Auswahl wie auch besondere Vorstellung der Bewegungsgründe der Religion nach jedem Zeitalter gehörig einzurichten, damit nicht der Mensch an der einen Seite durch überflüßige Ceremonien abergläubisch werde und die eigentliche wahre Art Gott im Geist und in der Warheit zu dienen aus dem Gesicht verliehre, oder er an der andern Seite in Unglauben und Leichtsinn gerathe. In Unglauben fält er nemlich leicht, wenn er einmal die Nichtigkeit ja öfters Ungereimtheit einiger angenommenen Ceremonien bemerkt; und da er das wahre vom falschen nicht abzusondern im Stande war, eines mit dem andern darüber wegwirft. Leichtsinnig wird er aber, wenn er den Gottesdienst nach seiner verderbten Einbildung und Sinnlichkeit einrichtet. §. 13. Eine der Receptivität der Menschen angemessene Einkleidung der höheren Religionslehren ist also für die allermehresten Menschen durchaus nothwendig, wenn diese Lehren bey ihnen 89 nen Wurzeln fassen und ihr Herz bessern sollen, So bald aber diese Einkleidung nicht, wie oben gemeldet, auf das völligste den Regeln der Logick gemäß, und nach der genauesten algemeiner so wol als besonderer Menschenkenntniß eingerichtet worden, dann kann man sich keinen Nutzen davon, sondern mehrentheils Schaden versprechen. Derjenige Religionsunterricht und Form des Gottesdienstes bringet daher den Menschen am sichersten zur Erfüllung des Endzwecks seines Daseyns, der ihn zwar ansetzet, ja gewissermassen anhält Gott kennen zu lernen, ihn als seinen Schöpfer und höchsten Wohlthäter zu verehren, nicht durch Ceremonien, sondern im Geist und in der Warheit; das heißt, mit völligster Ueberzeugung von der, Warheit und Güte seiner Wege, und möglichster Befreyung aller irrdischer, Gott verkleinernden Begriffe. Je mehr dieser Eudzweck nun ohne äusserliche Gebräuche und Ceremonien erhalten werden kann, desto volkommener ist die Religion, das ist, desto sicherer führet sie den Menschen zu Gott, und bewahret ihn sich auf etwas Sinnliches zu verlassen; und wie aus dem gesagten erhellet, je weniger stößet sich der Auswärtige an solcher Religion. Er wird pielMan muß aber deswegen nicht dasjenige vom Gottesdienst ausschliessen wollen, was die Sianen ermuntern kan. Man muß vielmehr selbige so viel ermuntern als möglich, damit der Mensch, nach dem damit verbundenem Unterricht so viel begieriger werde. Eine blos trockene Lehrmethode fruchtet bei den wenigsten Menschen etwas. Aber alles dasjenige was zur Aufmunterung diegen 90 vielmehr selbige nach und nach, so bald er seine Vorurtheile in etwa wird besiegen können, als etwas volkommneres schätzen und Lust daran erhalten. Und überdem wer einmal wahre Gottesliebe spüret, der wünschet, daß alle Menschen eben so glücklich seyn mögten. Alle Nebenabsichten fallen weg. Kein Neid, noch Collision kann sich seiner Seele mehr bemächtigen. Er liebet alle Menschen und zeigt ihnen solches in der That. Ja bey dem Bewußtseyn des Friedens mit Gott, bleibt dem Menschen so zu sagen fast gar kein Wunsch mehr, als der der Communicabilität, um nemlich andere sein Glück empfinden zu machen, und selbige dazu wo möglich zu verhelfen. §. 14. Doch Dank sey es der Lehrmethode des Heylandes, daß wir uns nicht sehr um eine solche Einkleidung ängstigen dürfen; selbige ist in einem so allgemeinen Sinn der Receptivität aller Menschen dergestalt angemessen, daß niemand die darinn gegebene Vorschriften, wie der Mensch sich gegen Gott, sich selbst und seinen Nebenmenschen dienen sol muß dergestalt eingerichtet werden, daß der einfältige blos sinnliche Mensch nicht dahin verfallen könne, in diesen äusseren, seine Sinnen beleben sollenden Mitteln, einen Theil der Sache selbst zu suchen. Und so bald wie dieses beobachtet wird, kan man allerlei Musick bei dem Gottesdienst, geschnitzte Bilder und Gemälder von erbauenden Geschichten in den Kirchen haben. Ich glaube daher, daß man in verschiedenen protestantischen Kirchen hierin zu weit gegangen, und diese äusseren die Sinnen beleben sollenden Mittel mit viel zu grosser Strenge verworfen habe. Der Miß brauch hebt ja nicht den Gebrauch. 91 menschen betragen sol, mit Bedacht lesen kann, ohne dabey bey sich sagen zu müssen, derjenige ist glücklich, der sein Leben hiernach einrichtet; er findet nemlich Ruhe für seine Seele; die um so schätzbarer ist, da sie nicht auf verschiedene Anslegungen der Schrift, noch auf Menschensatzungen oder andere Ceremonien beruhet. Der Innbegrif welchen Paulus von dieser Religion in seinem Brief an Titum giebt (a) ist so bündig, daß ich nicht umhin kan, denselben ganz hier einzuschalten. Er sagt nemlich: „ Denn wir waren ja vormals auch unverstän„ dig, ungläubig und giengen in der Irre, und „ waren Knechte der (natürlichen) Begierden und allerlei Wollüste, und lebeten in Boßheit „ und Neid und Feindschaft, und hasseten einander. Nachdem aber die Gütigkeit und Menschenliebe Gottes unsers Heilandes, hervorgeleuchtet, so hat er uns, nicht wegen der gerechten Werke, die wir gethan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit, vom Verderben errettet durch das Bad der Wiedergeburt und durch die Erneuerung des heiligen Geistes, welchen er reichlich über uns ausgegossen hat durch Jesum Christum, unsern Heiland: daß wir durch desselben Gnade gerecht gemachet und Erben des ewigen Lebens in der Hofnung würden. Und dieses ist ein ungezweifelt wahres Wort. Auf dieses nun was ich gesagt habe, wil ich daß du eifrigſt dringeſt, damit die (a) Im 3ten Cap. in 3—11. Vers. Ich bin hier der heumannischen Uebersetzung gefolget 93 „die, so an Gott gläubig worden, darauf be„ dacht sind, daß sie sich mit guten Werken „ hervorthun. Dieses sind die Dinge, die den Menschen gut und nützlich sind. Der thörichten Fragen aber und der Geschlechtregister, und des Disputirens, und der Streitigkeiten über das Gesetz, entschlage dich: denn sie sind unnütz und eitel. Einer der sich von der Gemeine absondert, und eine eigene Secte machet, meide und laß ihn fahren, wenn du ihn ein und das anderemal ermahnet hast: und wisse, daß ein solcher Mensch ganz verkehrt ist, und vorsetzlich sündiget, und also von seinem eigenen Gewissen verdammet wird,,. Keine körperliche sinnliche Bemühung und dadurch hervorgebrachte gute Werke können uns also für sich einen inneren Werth und noch weniger einen Werth bei Gott verschaffen. Nur allein die Umschaffung des inneren Menschen, (der Seele) die Erhöhung der Geisteskräfte ist reel. Hievon sind sodann die guten Werke, nothwendige Folgen, aus des Menschen Natur selbst gleichsam fliessend. Denn der Glaube (nemlich die Erkenntniß der Lehre Christi und feste Ueberzeugung von derselben Warheit) ist ohne Werke (nemlich ohne harmonische Nichtung des sinnlichen Menschen d. i. seiner sinnlichen Organen mit obiger Erkenntniß und Ueberzeugung) todt. Er ist ein Unding: mit einem Wort, jede blosse theoretische Kenntniß von der Religion ist dem Menschen zu nichts nütze, wenn er seine Handlungen nicht darnach einrichtet. Eben ſo wie beim thieriſchen Leben, Bewegung, Pulsschlag, Athemholen dessen nothwendige Zeichen und Folgen sind; so sind es die guten Werke heim 1 93 beim geistlichen Leben. So wenig aber auch Bewegung, Pulsschlag ꝛc. das thierische Leben selbst; oder der Schein eines Lichtes, das Licht selbst ist, eben so wenig sind die guten Werke, das geistige Leben. Sie sind nur blosse Resultate: oder wie Paulus sagt, sie sind die Frucht desselben. (a) Nach Maasgabe nun daß das geistige Leben, der Glaube lebhafter, mithin die Erkenntniß deutlicher und die Ueberzeugung gewisser wird, desto stärker und ausgebreiteter werden auch desselben Zeichen seyn, d. i. desto mehr gute Werke wird ein solcher Mensch thun. Er wird selbige aber alsdann thun, ohne zu wissen, daß er selbige gethan habe, ohne sich nemlich daran zu erinneren, und darauf stolz zu seyn, oder sich darauf zu verlassen. Er braucht daher, wenn er so weit gekommen ist keinen fernern Trieb dazu, sondern er thut selbige aus innerem Trieb als einer Folge seiner inneren Geistesbeschaffenheit, nicht in Hofnung der Belohnung oder Vermeidung der Strafe, sondern in dem Gefühl daß dies billig und gerecht, mithin für ihn und andere nützlich ist. Dies ist der Sinn der Religion Christi über gute Werke. Hiebei entwickelt sich der Grund des gerechten Ausspruches Christi über alle die guten Werke die man öffentlich aus dem Vorsatze thäte, daß selbige von den Leuten möchten gesehen werden, wo er so wol über das öffentliche Almosen geben, als öffentliche Beten sagt. (b) Sie haben (a) Brief a. d. Galater 5. v. 22. (b) Evang. Matth. 6, v. 2. und 5. 04 ben ihren Lohn dahin. In der alweisesten Einrichtung Gottes in der Welt und mit den Menschen ist es nemlich ein Grundgesetz, daß auf physische Handlungen der Menschen auch gleichförmige physische Folgen für sie kommen; und daß auf moralische Begierden, auch gleichmäßigt moralische Folgen sich äusseren. Jede physische Handlung also die der Mensch begehet, um einen physischen Nutzen daraus zu ziehen, um nemlich dadurch seinen physischen Einfluß auf diese Welt und ihre Bewohner zu vermehren, kan nicht anders als diesen Endzweck mehr oder weniger, nachdem es der Mensch klüglich einrichtet; oder die Vorsehung es durch unvorsehene Zufälle behindert oder befodert, hervorbringen. Diese physische Folge ist nun der Lohn des Menschen für solche Bemühung. Dies ist jedem Begrif von Gerechtigkeit gemäß. Der Mensch kan nichts mehr erwarten, und sich also gar nicht schmeicheln, daß aus einer solchen physischen Handlung, irgend ein Vortheil für, seinen moralischen Zustand fliessen solte. Denn im moralischen ist kein Zusammenhang zwischen Handlung und Folge. Denn erstere ist was körperliches und kan also kein geiſtiges Ding zum Reſultat haben: ſondern hier ist der genaueste Zusammenhang und Beziehung zwischen Begehren und Folge. Ersteres ist nemlich die Würksamkeit der Seele, so wie es die Handlungen die des Körpers sind. Sol nun hier der Begrif von Gerechtigkeit bleiben, so muß mit der besonderen Richtung der Begierde des Menſchen auch das Reſultat davon harmoniren. Dies ist's worauf sich der Heiland gründet. Die Seele nemlich, welche bei einem vermeintlich gutem Werke, Werke, bei den Almosen, dem Beten 2c. wünſchet daß andere Leute dieſes ſehen und ſie dann so viel mehr schätzen möchten, veredelt sich dadurch gar im geringsten nicht. Sie kommt ihrem Schöpfer dadurch nicht näher, sie schwingt sich nicht empor, sondern sie bleibt am sinnlichen kleben und bleibt dieselbige welche sie vorher war: ja, an statt daß dadurch mehr Liebe, Vertrauen auf Gott, und algemeine Menschenliebe, mithin höhere göttliche Begierden in derselben erreget werden solten, kann es nicht anders seyn, als daß dadurch die sinnlichen Begierden vielmehr zunehmen. Es wird mehr Hang am irrdischen, ja Stolz, Ueberhebung über andere daraus fliessen. Der Lohn dafür kan sich also nicht jenseits des Grabes erstrecken, denn da höret alles sinnliche dieser Welt auf, und hat keinen Nutzen mehr. Der Endzweck der Religion wird also gänzlich durch dergleichen fälschlich vermeinte gute Werke verfehlet. Denn Gott kan und wil nur allein die Absichten der Menschen, warum sie nemlich so und nicht anders handeln, und nicht den Erfolg ihrer Handlungen belohnen. Letzteres wäre ungerecht, da selbiger nicht vom Menschen abhängt. (S. §. 23.) Die Reinigung, oder wie der Theologe sagt, die Heiligung der Absichten der Handlungen des Menschen ist daher der eigentliche Vorwurf der pracktischen christlichen Religion. Eine jede Handlung eines Menschen sol nemlich dem Willen Gottes, d. i. der dem Menschen durch Christum geoffenbarten Religion gemäß, auf's beste aller Nebeumenschen ohne eine einzige Ausnahme, gerichtet 96 tet seyn: dabei sol aber der Mensch, den Erfolg seiner auch auf die beste Absichten gegründeter Bemühungen nie sich selbst, sondern jederzeit der Einrichtung der weisesten Vorsehung zuschreiben. und daher bei entdecktem guten Erfolg nicht sich selbst, sondern Gott allein die Ehre geben. Die vom Apostel so sehr angedrungene Reinigung von der Befleckung des Fleisches und des Geistes ist folglich nichts anders, als die Reinigung der Absichten der Menschen in ihren Handlungen. Hier entdeckt sich also für jeden Christen der wahre Probierstein für den Werth oder Unwerth eines jeden Theils seiner äusseren Religion. Alles was ihn nemlich nicht ansetzet, aus reinem Triebe, Gotte seinem Schöpfer und einzigem Gutthäter zu Ehren, algemeinnützig zu seyn, ist kein gottesdienstliches, mithin kein Gottgefälliges, daher auch kein dem Menschen nützliches Bemühen; sondern für denselben Zeitverlust; folglich hinderlich ja sündlich. Wie leicht entwickelt sich hiebei die Lehre von den guten Werken, die doch so viel Streit verursachet hat! Wie traurig ist es, daß man sich über solche deutliche und doch so gar wichtige ja allerwichtigste Sachen, so sehr herumfechtet, und meistens in die Luft streicher! §. 15. Da nun die Auslegungen und Anwendungen derjenigen Stellen in der heil. Schrift, worüber von den verschiedenen Parthien gestritten wird, (§.1.) natürlicher Weise von jeder Parthie nach ihren verschiedenen Einsichten und Vorurtheilen eingerichtet werden, folglich hierüber ohne nähere Offenbarung der Mensch nie zur Gewißheit gelangen kan, sondern jederzeit nur bei dem ihm ihm anscheinendem höchsten Grade der Warscheinlichkeit für diese oder jene Meinung stehen bleiben muß; und es ebenfals aus dem vorhergehendem erhellet, (§. 2. 3. 4. 5.) daß die äussere Einrichtung des Gottesdienstes eben wie alle sinnliche Sachen, nothwendig der Veränderung unterworfen ist, so liegt der Grund ganz klar am Tage, daß die Religion Christi, solte ihr heilsamster Endzweck erreichet werden, und sie allen Völkern der Erden faßlich und annehmungswürdig scheinen, nichts äusseres schwankendes, nichts sinnliches als etwas damit nothwendig verbundenes an sich haben durfte, wenn sie den Geist des Menschen vom irrdischen losmachen, ihn aufwärts treiben, oder nach dem Ausdruck des Apostels (a) durch den Geist des Fleisches Geschäfte tödten; und zugleich den verschiedenen Völkern nicht eben so schwankend anscheinen solte, als jetzt jedem vernünftigen Menschen, der mit ihr verwickelte verschiedene äussere Gottesdienst, scheinet. Sol daher die christliche Religion in ihrem wahren Glanze erscheinen, und die in ihr entstandene verschiedene Abtheilungen auf eine dauerhafte Weise miteinander vereiniget werden, so müssen diese zwei Sätze fesigestellet werden: 1. Die Religion Christi läßt sich auf Liebe und Glauben an Gott; und zwar als einen solchen, so wie er sich durch Christum geoffenbaret hat: und Liebe des Nächsten zurückbringen. 2. JeG (*) Br. a. d. Römer 8. v. 12. 2. Jeder äussere Gottesdienst ist nichts wesentliches, sondern kan nicht anders als Mittel zur Erkenntniß und Ausführung obiger Hauptregeln angesehen werden: nicht weniger muß man selbige nach den verschiedenen Völkern und Perioden abändern können. Ich habe gesucht diese zwei Sätze in diesem Abschnitt zu beweisen. Daß aber auch selbst verschiedene Meinungen und Gebräuche; 14, selbst verschiedene Religionen auf die bürgerliche Zusammenlebung gar keinen Einfluß haben müssen, wil ich in folgendem Abschnitt zeigen. Ich muß aber doch, ehe ich diesen Abschnitt endige zur Benutzung des darin gesagten, noch folgende Schlußrede hinsetzen: Entweder ist die äussere Einkleidung einer gewissen christlichen Religion reel und hat für sich das Ausschliessungsrecht auf's Himmelreich: und die anderen sind sodann nicht allein unnütz, sondern ziehen für ihre Beobachter die unfehlbare Folge, die Unmöglichkeit des Besitzes himmlischer Güter unmittelbar nach sich: oder die Einkleidungen der verschiedenen christlichen Religionen und Meinungen in denselben, in so fern nemlich keine derselben, einem der oben bemeldten Grundsätzen der Religion zuwider ist, haben in sich keinen anderen Werth, als daß eine vor der anderen bessere und schicklichere Mittel an Hand giebt um den Endzweck der Religion mehr oder minder zu erreichen. Ein drittes ist nicht möglich. Denn ob auch ausser der christlichen Religion, der Eingang ins Himmelreich moͤglich seye, gehet mich hier nicht anWenn man nun so wol das in diesem Abschnitt vor 99 vorhingesagte, als auch die Folgen so aus jedem dieser beiden obigen Sätzen nothwendig entstehen müssen, ohne Vorurtheil damit vergleichet, dann wird man sich ohne Fehl für letzteren Satz entscheiden. Die Folgen so nemlich aus ersterem Satze fliessen, sind diese: Erstlich: Wenn nur allein eine gewisse Einkleidung der chriſtlichen Religion die Möglichkeit des Besitzes himmlischer Güter ertheilen kan, dann sind sämmtliche Anhänger dieser Einkleidung in ihrem Gewissen ohne einige Ausnahme verpflichtet, da wo sie durch Güte nichts gewinnen können, durch Strenge ja die allerstrengsten Mittel die Menschen zu zwingen sich ihren Gebräuchen zu fügen. Ich sage noch einmal, es kan hier sodann keine einzige Ausnahme statt finden; denn ein jeder Bekenner ist es in dem Fal Gotte schuldig, alle seine physische und moralische Kräfte anzuwenden, so viele Seelen zu retten als nur möglich ist; wenn solches schon den völligen Ruin des physischen Zustandes ja gar der physischen Existenz solcher Menschen nach sich ziehen solte. Wenn der Bekenner dieser Religion die Elteren nicht überreden noch zwingen kan zu seiner Religion überzugehen, dann muß er doch ihre Kinder wegstehlen und selbige an einen sicheren Ort hinbringen, sie in seiner Religion aufziehen lassen und auf solche Weise ihnen die Möglichkeit verschaffen ins Himmelreich zu kommen. So bald diese Ueberzeugung den Menschen eingenommen hat, muß der Sohn wider seine den nemlichen Glauben nicht habende Elteren sich anflehnen, und sie mit Hintansetzung G 2 100. ja Aufopferung ihres physischen Glückes, wenn es nur möglich ist, zu seiner Religion überzugehen zwingen. Ja ein solcher Rechtglaubiger muß diejenigen Menschen ausser seiner Religion die übrigens ganz tugendhaft und fromm gelebet haben, und wäre es auch mit dem Messer in der Gurgel zwingen, noch vor ihrem Tode sich zu seiner vermeintlichen allein rechtglaubigen Kirche zu bekennen; damit sie doch nicht umsonst fromm gelebet und auf Gott in Christo ihr Vertrauen vergeblich gesetzet haben möchten. Diese Empfindungen, wie hart selbige auch lauten, müssen die Empfindungen eines jeden rechtschaffenen Menschen seyn, der sich von einer solchen Warheit nemlich dem Ausschliessungsrecht so seine Kirche dem Menschen auf den Himmel giebt, überzeugek hat, wenn er anders seiner Ueberzeugung getreu seyn wil; und das sol doch jeder Mensch seyn. Das Grundgesetz der christlichen Religion, die Liebe des Nächsten gebeut es ihm ohnedes, denn ein jeder ist nach diesem verpflichtet, jeden Schaden also um so mehr den ewigen Verlust der Glückseeligkeit seines Nebenmenschen auf alle Weise zu behindern, wenn schon derselbe seine irrdische Glückseeligkeit, die ein unendlich minderes Gut ist, darüber verlieren solte. Daß dergleichen enthusiasmische Zeloten würklich existiret und diesen Satz nach ihren Kräften auszuführen, mit einem Wort, ihre Religion mit Feuer und Schwerdt auszubreiten sich bemühet haben, lehret die Geschichte mit unzähligen schaudernden Beispielen. Eine zweite Folge ist, daß man bei oben bemeldten erstem Satz nothwendig einem oder mehreren Menschen die Unfehlbarkeit zuschreiben 101 schreiben, mithin diese Menschen sodann in gewisser Rücksicht vergöttern muß. Alle gottesdienstliche Vorschriften aber, so dem Menschen gegeben worden, ohne daß selbige unmittelbar von Gott demselben bekannt gemachet wurden, sind Menschen Anschläge. Da aber kein Mensch, so lange er ein aus körperlichen begränzten Organen und einer Seele zusammengesetztes Wesen bleibt, von eingeschränkten, unrichtigen Begriffen, Illusionen und Vorurtheilen gänzlich frey sein kan; indem er die Gründe der Dinge auch mit einem Neutonischen Geist nicht bis in ihren ersten Ursprung zu erforschen vermögend ist; so erhellet, daß er sich nie von Fehlern ganz freisprechen könne, sondern ein Theil der Gottheit selbst seyn müsse, wenn er nicht mit dem Apostel Jacobus selbst auszurufen sich gezwungen finden wil, (a) Wir fehlen alle mannigfaltig. Kein Mensch ist also hievon ausgenommen. Ist aber dieses, dann kan kein Mensch noch eine Versammlung von Menschen, ohne die Warheit Gottes zu beleidigen, sich vor unfehlbar halten und als solche sich ausgeben: mithin begehen diejenigen, welche eine menschliche Versammlung für unfehlbar halten, die Sünde daß sie in ihrem Herzen einem Geschöpfe göttliche Ehre anthun. Nun sind aber in jeder christlichen Abtheilung diejenigen Schlüße, welche Kirchenſchlüße genannt werden, nichts anders als Reſaltate der Berathſchlagnagen der zu dieser Abtheilung sich bekennender Geistlichen. Letztere sind aber Menschen eben so wol a) Jacobi Brief Cap. 3. v. 2. 102 wol wie der Apostel Petrus es war: (a) Die eben so wenig Ruhm und Glauben für sich verdienen als der Apostel Paulus von sich selbst bezeugte es nicht zu verdienen: (b) Deren Schlüße also eben so wol für die Folge mangelhaft seyn können, als es die Schlüße des allerersten Conciliums waren, so zu Jerusalem gehalten wurde: (§. 4.) und deren Vorschriften, eben so stark Abänderung bedürfen als es die Vorschriften eines Paulus selbst in gewissen Fällen erfodern. (c) (§. 8,) Dies würde gelten, wenn selbst alle Glieder der gesetzgebenden Kirche die nemlichen Einsichten und Gesinnungen hätten, als die vom Herren selbst gelehrte Aposteln und übrigen Glieder hatten. Wie weit man sich aber irren würde; wenn man auf gutem Glauben dies so annehmen würde, mag ich nicht untersuchen, da die Geschichte das Gegentheil leider hinreichend zeiget. Ich darf aber hierüber nicht weitläuftiger seyn, um nicht zu viel von demjenigen zu wiederholen, was ich im 8ten Absatz schon dieſerhalb geſagt habe. Eine dritte Folge so aus diesem Satz für dessen Anhänger nothwendig entspringen muß, ist Sicherheit, Stolz, Ueberhebung über andere, Verachtung, Verfolgung, als welches ich im 28. und 29ten §. weitläuftig zeigen werde. Nur bemerke ich hier, daß hieraus nothwendig Unwissenheit (a) Apost. Gesch. 10. v. 26. (b) 1. Br. a. d. Corinth. 3. v. 21. (c) 1. Pr. a. d. Corinth. 11. v. 4. u. s. 103 senheit in den Religionswarheiten entspringen muß. Denn, man muß hier der Kirche blindlings glauben. Der Trieb, selbst die Warheit zu erforschen wird also nicht allein erstickt, sondern wird für was sündliches, unerlaubtes gehalten. Diese obbemeldten Folgen fliessen nun ganz nothwendig aus dem ersten Satz. Ganz anders sind aber diejenigen beschaffen, welche aus dem zweiten herfliessen. So bald nemlich ein Mensch von der Warh i dieses zweiten Satzes überzeuget ist, und das äussere der Religion nur als Mittel ansiehet um zur Erhaltung des eigentlich wesentlichen Nutzens zu gelangen, dann siehet er auch zu gleicher Zeit, daß das Fortschreiten in dem wesentlichen Nutzen der Religion auf mehrere Erkenntniß beruhe. An statt also die Menschen anzuhalten einige vorgeschriebene Bewegungen, Feste oder Gebräuche mechanisch nachzumachen, suchet er bei seinem Nebenmenschen mehr Aufklärung zu erzeugen, ihm mehrere überzeugende Gründe beizubringen um das sinnliche, ja sich selbst zu verläugnen, und sein Herz im Geist und in der Warheit zu seinen Schöpfer empor zu schwingen. Und da Klugheit und Menschenkenntniß ihn lehret, daß der Mensch desto mehr Zutrauen zum anderen bekomme, je mehr er seinen physischen Nutzen auf eine gerechte Weise zu befodern sich bei jeder Gelegenheit befleißiget, so läßt er keine derselben ungenutzt vorbeiſtreichen. Dieſe Bemühungen machen ihn zum Befoderer des zeitlichen Glückes so wol als zum Seelenfreund seines Nebenmenschen und geben ihm unzälbare Gelegenheiten an seiner moralischen Aufklärung und Vervolkommnung zu arbeiten; 104 beiten; mit einem Wort ihn zu einen besseren Menschen für diese und jene Welt nach und nach umzuschaffen. Und da dieser apostolisch gesinnte Christ, nie seinem orthodoxem Bekannten, der sich zu einer anderen Abtheilung der Religion bekennet, solches als etwas mangelhaftes vorwerfen, sondern vielmehr ihn selbst in den Stand zu setzen sich bemühen wird den Werth oder Unwerth der frembden so wol, als eigner Kirchengesetze zu beurtheilen, so wird der apostolisch gesinnte Christ auch nie dabei Gefahr laufen die Eigenliebe des Orthodoxen zu verletzen, noch Mißtrauen gegen sich zu erregen; oder wol gar auch nur den kränkenden Verdacht sich zuzuziehen als wenn er ihn schon deswegen des Himmels unwürdig in seinem Herzen erklären müsse, weil er nicht den nemlichen von seiner Kirche gegebenen Vorschriften folge. Der orthodoxe Christ kan hierüber nicht einmal mehr mit Vorurtheilen gegen den andern eingenommen seyn, da er weiß, daß derselbe nichts äusserliches für etwas wesentliches im Gottesdienst hält; sondern nach dessen Meinung alles auf Sinnesänderung und Reinigung der Absichten beruhet. Diese auf gründliche Erkenntniß beruhende Freiheit von allem äusserem gezwungenen, wird aber auch selbst diesem von dem unrechten Joch der Kirche sich freigemachten Christen, nie bei seinem Nebenmenschen, der hierin Ich verstehe hier der Gemächlichkeit und Kürze halber durch einen orthodoxen Christen, einen solchen, der auf Kirchengesetze und Auslegungen steif hält und darinnen einen verdienstlichen Werth setzet; im Gegensatz mit dem apostolischen freien Christen. 105 rin noch schwach ist und einigen Werth darin noch setzet, hinderlich seyn letzteren zu gewinnen. Denn da der freie Christ weiß, daß die Beobachtung des äusseren in sich nichts wesentliches ist, so wird er diese Scrupeln seines Nebenmenschen ohne des letzteren ausdrücklichen Willen nicht allein nie berühren; sondern er wird selbst dem Rathe und Exempel des Apostels gemäß (§. 4. S. 32. u. f.) sich in allen denen äusseren Gebräuchen, in so fern es sein Gewissen zulässet, (§. 8. N. 1. 3.) seinem zweifelnden Mitchristen gleichstellen; um sich nur ja nicht ausser Stand zu setzen, an der moralischen Vervolkommnung desselben hinführo mit Nutzen arbeiten, und ihm bei aller Gelegenheit zeigen zu können daß er ihn aufrichtig liebe, und zwar als ein apostolischer freier Christ; der mit dem Apostel den Endzweck warum ihm diese Freiheit ertheilet ist, sich nemlich um so mehr in der Liebe üben zu können, aufs lebhafteste fühlet; gleichwie solches der Apostel Paulus bezeuget (a) "Ihr aber lieben Brüder seyd zur Freiheit berufen. Allein sehet zu, daß ihr durch die Freiheit dem Fleisch nicht Raum gehet: sondern durch die Liebe diene einer dem andern. Denn alle Gesetze werden in einem Wort erfüllet, in dem: Liebe deinen Nächsten als dich selbst., Ein durch diese Erkenntniß aufgeklärter, sich frei fühlender und nur allein durch das liebreiche Gesetz Christi gebundener Mensch, wird nun da er weiß daß es in der Religion an der einen Seite (4) Br. a. d. Galater 5. 13.14 106 Seite auf Glauben an Gott ankommt; und die Remheit des Glaubens auf deutliche Erkenntniß beruhet, sich stets angelegen seyn lassen, seine Kenntniße in allen denjenigen Punkten, wovon er die Gründe einzusehen vermögend ist zu erweitern: und die von Gott geoffenbarte Religionsgeheimniße zu glauben, ohne darin zu grüblen. Er wird daher den öffentlichen Gottesdienst nicht meiden, sondern wo es nur möglich ist durch denselben seine Kenntniße zu erweitern, seine Seele zu erbauen, zu Gott seinen Schöpfer sich empor zu schwingen und auch durch sein Beispiel andere dorthin zu locken, sich bemühen: und auf die Weise die überzeugendste öffentliche Beweise von seinem Glauben an Gott ablegen. Und da es an der andern Seite in seinen Pflichten gegen seinen Nebenmenschen auf Lauterkeit der Absichten, warum er so und nicht anders gegen ihn handelt, blos und allein ankommt; so wird er sich gewiß, wenn er es anders aufrichtig mit sich selbst meinet, bestreben, den physischen und moralischen Zustand aller seiner Nebenmenschen, so viel an ihm ist zu verbessern. Sicherheit, Stolz, Ueberhebung, Haß, Verfolgung werden ihm frembde Empfindungen seyn. Er wird ihren Keim durch seine Erkenntniß und die Erinnerung an seinen Vorgänger, indem er seine Seele im Gebet zu seinen Gott empor schwinget, in ihrer ersten Geburt ersticken. — So seelig sind die Folgen, für den Menschen in sich selbst, und für das ganze Zusammenleben, die aus diesem System entspringen. Wie ſehr iſt doch die Religion Chriſti dem ganzen Glück des Menschen angemessen! Man muß eben so verstockt wie ein Jude, und eben se 107 so blind wie ein Heide seyn, wenn man in selbiger ein Aergerniß antreffen, oder wol gar Thorheiten darin zu entdecken glauben wolte. Aber ihre Verunstaltung ist groß. Dies ist nicht die Schuld der Religion, sondern der eingebildeten Menschen, die es klüger machen wollen als Got selbst. Seelig also derjenige, der einfältigen reines Herzens ist, der die Warheit lauter annimmt, und von allem falschen Pump und Flittergold abzusondern verstehet. Zweiter Abschnitt Von der Toleranz in Religion und ihren Gründen. §. 16. Durch Toleranz in Religion verstehe ich diejenige Denkungsart und Handlungsweise eines Menschen, durch welche er alle seine Nebenmenschen, welche die Ruhe und Sicherheit der bürgerlichen Geselschaft nicht siören, nicht allein neben sich duldet, sondern derselben Glück, so viel an ihm ist, von allen Seiten zu befördern sich bemühet; wenn schon selbige von der Art, wie das höchste Wesen verehret werden muß, ganz anders denken, als er. §. 17. Die Frage, ob man würkliche theoretische Gottesverlängner in einem Staat dulden solle, gehet mich also eigentlich gar nicht an. Es kommt bei der Entscheidung dieser Frage, wie bekannt darauf an, ob man von einem theoretischen Atheisten erwarten könne, daß er in jeder 108 der Gelegenheit, eben wie jeder anderer Mensch, der sich zu einer äussern geduldeten Religion bekennet, alle Pflichten, so jeder Einwohner des Staats zu volbringen hat, erfüllen werde. Dies gehet mich aber gar nicht hier an, sondern gehöret eigentlich in die Politick. §. 18. Wahre Toleranz schliesset aber nicht allein allen niedrigen Eigennutz platterdings aus; indem jeder Religionsverwandter verpflichtet ist, das physische Glück eines jeden auswärtigen Religionsverwandten zu besodern, ihn zu lieben als sich selbst; sondern es gehöret hiehin ein unermüdetes Bestreben den moralischen Zustand eines jeden Menschen, so viel am Menschen liegt zu bessern. Letzteres geschiehet theils dadurch, daß wir dem Nächsten mit einem guten Exempel vorgehen, und auf solche Weise schon stumme Lehrer abgeben; theils aber auch daß wir bey jeder schicklichen Gelegenheit uns bemühen, seine moralische Begriffe aufzuklären, ohne aber je dabey die Sätze, welche den Religionsunterschied betreffen, zu berühren. §. 19. Die wahre und jedem Christen anständige Toleranz ist, also nichts weniger als Gleichgültigkeit gegen den eigentlichen moralischen Werth eines jeden Menschen. Sie schliesset aber jeden Trieb Proſelyten zu machen, das iſt, fremde Religionsverwandten zu überreden zu der seinigen überzugehen, gänzlich aus; am allerwenigsten können Zwangmittel hiemit bestehen. Das intolerante Judenthum zog zwar die Menschen meiſt 109 meist durch Drohungen und Strafen, aber das Christenthum ziehet uns durch Ehre und Liebe. Nichts ist unsrer Natur angemessener, als dieses. Von religiösen Eltern werden den Kindern, so bald letztere etwas zu begreifen fähig werden, zu allererst die Begriffe der Religion, und zwar als solche welche die allerwichtigste für das Kind, für seine ganze Existenz seyn werden, beygebracht. Ganz natürlich ist es aber, daß der Mensch diese ersten am tiefsten eingewurzelten Begriffe, die er nun als seine eigene ansiehet und zwar als solche ohne welche er in der Zukunft nicht glücklich seyn kann, am ungernsten nicht allein abändert; sondern daß selbst bey den mehresten, eine gewisse Zärtlichkeit des Gewissens und Schwäche des Geistes und daraus rührender falscher Ehrgeitz, jeden auch ganz entfernten Anwurf gegen die eingesogene Religion, unangenehm, ja nicht selten ganz unerträglich macht. Hierin liegt der vornehmste Grund, warum alle Religionsdispute so unnütz, ja schädlich sind und nicht selten zu grossen Uebeln Anlaß geben. Will der Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft glücklich leben, und das Glück seines Nebenmenschen befödern helfen, einen Friedensstifter abgeben, dann muß er auch tolerant seyn; seinem Nebenmenschen, der andere Religionsbegriffe hat, als er, nie davon reden, und noch vielweniger selbige bestreiten. Es verstehet sich aber von selbst, daß hiedurch die freundschaftliche Unterredungen, welche zwei verschiedene Religionsverwandten, mit dem besten Vorsatz freywillig, über diese Materie halten wollen, nichts weniger als unerlaubt seyen. Nur 110 Nur muß kein Trieb Proselyten machen zu wollen, sich blicken lassen. §. 20. Demohngeachtet bin ich aber doch überzeugt, daß der vorhergehende Absatz manchem als sehr übereilt, ja unbarmherzig vorkommen wird. Man denkt nemlich, da das reelleste Glück des Menſchen darin beſiehet, der Warheit naͤher zu kommen, so ist es immer eine der ersten Pflichten gegen den Nebenmenschen, denselben der Warheit näher zu bringen und wenigstens unermüdet hieran zu arbeiten. Allein, wie scheinbar dieser Einwurf auch ist, eben so nichtsbedeutend ist er; denn 1.) Aus dem vorigen Absatz selbst erhellet, daß alle Menschen, denen eine Religion von ihrer Jugend an eingepräget worden, ein so starkes Vorurtheil gegen alle andere Religionen bekommen haben, daß sie es für eine Art Beleidigung ansehen, wenn ein andrer ihnen den mindesten Zweifel an der Richtigkeit ihrer Religion auch nur blicken lässet. Man braucht auch nicht viel die Macht dieses Vorurtheils zu kennen, um sich zu überzeugen, daß zuweilen unter tausenden kaum einer werde gefunden werden, der mit völliger Kaltblütigkeit eine eigentliche Kontrovers gegen seine Religion lesen oder anhören kau. Ich stelle aber einmal, daß unter tausend Zuhörern einer Kontrovers, einer übergeholet und angesetzet würde seine Religion zu verlassen; so wird doch der Schaden, so daraus nothwendig entspringen, muß, viel grösser seyn: denn durch die Vorstellung der Kontrovers selbst, und das dadurch 111 durch erregte Wanken oder gänzliche Abweichen des einen, ist nun bey den übrigen neun' hundert und neun und neünzig mehr Bitterkeit, Härte, ja nicht selten Nachsucht, mithin ganz offenbare Lieblosigkeit hervorgebracht: es ist folglich für die menschliche Gesellschaft dadurch ein ganz entſetzlicher Schade, und doch vielleicht auch für keinen einzelnen einmal Nutzen gestiftet worden. Denn, es ist ganz sonnenklär, daß nicht die eigentliche dogmatische, sondern die practische Theologie es ist, welche die Menschen hier glöcklich macht, und zu einem bessern künftigen Leben vorbereitet. Erstere sol nur den Weg zeigen, wie man in der Vervolkommnung seiner selbst es immer weiter bringen könne. Freilich ein ganz wichtiger Umstand an sich, indem allerdings diejenige Dogmatick, welche diesen Weg am volkommensten zeigt, auch das sicherste Mittel seyn muß die höchste Stuffe der Glückseeligkeit zu erlangen, welcher man fähig ist. Es ist aber ja ein von der vernünftig denkenden Welt fast algemein angenommener Satz, daß Menschen von allen Religionen, auch selbst Kanmbalen und andere in den Himmel kommen werden, wenn sie nur dem hier erhaltenen Lichte getreu geblieben sind und selbigem gemäß Gott gedienet, wie nicht weniger ihr und ihres Nebenmenschen Glück zu befödern sich bemühet haben (1). Es kommt also einzig und allein darauf an, wenn ich einem Menschen in der dogmatischen Therlogie klärere Begriffe beyzubringen mich genöthi(*) Beweise hierüber kan man im 23ten Ephen lesen, 114 nöthiget sehen solte; ob ich ihn dadurch würklich zu einen bessern praktischen moralischen Menschen mache, oder auch nur Hofnung habe, daß er es werde durch meinen Unterricht werden. Aus dem gleich vorhergesagten erhellet aber, daß mehr das Gegentheil, und eher Haß als Liebe daher zu befürchten seye. Ausserdem aber wird auch noch aus folgenden Ursachen der gute Endzweck nicht leicht erhalten werden. Denn, noch ehe der, dem Anschein nach, oder auch für den Augenblick würklich überführte, ganz deutliche Kenntniße und völlige dauerhafte Ueberzeugung von dem wichtigsten Vorzuge der fremden Religion und nothwendigem Uebergang zur selbigen erhalten hat, wird das alte Vorurtheil öfters bey ihm aufwachen, er wird anfangen nachzudenken und nicht selten zu zweifeln, ja zu wanken. Viele werden alsdann in diesem traurigen Stand ihr ganzes Leben, oder einen grossen Theil desselben zubringen und eben dadurch ungeschickt werden den pracktischen Nutzen zu stiften, welchen sie ausser dem würden gestiftet haben. Andere werden zuletzt dieser Zweifelsucht überdrüßig werden, und durch ihre Kurzsichtigkeit, oder wol gar durch unvorsichtige Führer bald zu dem verzweifelten Entschluß kommen, den ganzen Topf umzukehren, und werden sich nun ein System nach ihrem Gutdünken und Einsichten, und vielleicht gar nach ihrer schon verderbten Sinnlichkeit machen. Wie oft dieses in unsern Tagen eintrift und wie traurig die Folgen davon für die Menschheit sind, ist leider gar zu bekannt (*) (*) Man durchgehe nur die Lebensgeschichten derjenigen welch 113 Ausserdem lehret aber die Erfahrung, daß mehrentheils physische Umstände, nemlich gemächlicherer Lebensunterhalt, oder sonsten Vermehrung der zeitlichen Güter, oder Erreichung gewisser Ehrenstellen, Befreyung von Haß und Verfolgung ꝛc. erfodert werden, den Menſchen zum völligen Entschluß zu bringen, eine andere Religion öffentlich anzunehmen, und der seinigen auf gleiche Weise zu entsagen. Was kan man sich aber von einem Menschen versprechen, der aus irrdischen Absichten Zweifel gegen seine von Jugend an eingesogene Religion, und wäre es auch die allerschlechteste unter allen, bey sich zu erregen sucht, und zuletzt dabin kommt selbige feyerlich abzuschwören. Ein Mensch, der ans niedrigem irrdischen Eigennutz, in der Verehrungsart, die er Gott, seinem von ihm nach seinem Licht erkannten höchsten Wohlthäter schuldig zu seyn glaubte, Untreue begehet; oder wol gar selbige öffentlich mißbilliget, ohne die allerfesteste und allerreinste Ueberzeugung von der Reinheit seiner Absichten gegen Gott und seine Seele welche sich nach ihrem Gutdünken und blos natürlichen Begriffen die Religion Christi formten, und man untersuche ob ihr Wandel ein aneinander hangendes Bestreben war; Gotte, durch ein unausgesetztes Bestreben das Beste ihres Nebenmenschen zu befördern, zu dienen. Nicht selten findet man alsdann die größte pracktische Fehler, Schwärmereyen, Ausschweifungen, und wol gar heimliche und offenbare Laster. Diejenige Religion muß doch immer den Vorzug behalten, welche unsrer Seele die reinste, die gegründeste Wonne einflößt, und aufs kräftigste sie vor Herabsetzung zu niedrigen, ausschweifenden sinnlichen Handlungen warnet. Das thut unstreis tig die Religion Chriſti. 114 zu haben, ist in jedem Augenblick fähig, viel schwärzere Untreue gegen seine irrdische Wohlthäter, Anverwandte, Freunde und Nevenmenschen zu begehen, so bald er nur Nußen dabey voraussiehet. Hierin liegt die Entwicklung, warum die mehresten Proselyten nachher doch immer schlechte, mehr oder weniger lieblose Menschen in der menschlichen Zusammenlebung sind und bleiben. Es ist daher 2tens klar, daß so bald man einen Menschen einmal über die Warheit der Sätze seiner dogmatischen Religion ans Wanken bringt, man denselben einer augenscheinlichen Gefahr aussetze, ein schlechterer, minder nutzbarer Mensch zu werden. Ja, es ist demselben kaum möglich diesem zu entgehen, wenn er nicht nachher wieder zur festen Ueberzeugung gelanget. 3.) Einer der wichtigsten Gründe ist wol mit dieser: Die allerwenigsten Menschen haben hinreichende Fähigkeit und Kenntniße von Gott und ihrer eigentlichen Religion, daß sie fähig seyn solten, den Werth einer andern Religion mit dem der ihrigen nur einigermassen im Zusammenhange vergleichen zu können. Sie haben in ihrer Jugend ihren Katechismus auswendig gelernt und ihren Lehrern und Geistlichen blindlings nachgebetet, weil sie sahen, daß ihre Eltern es eben so machten. Wil man nun nachher diesen Menschen, die zu diesem Endzweck erforderliche höhere theoretische Religionsbegriffe beybringen, so erfolgt leichtlich ja mehrentheils ein zwiefacher Schaden; nemlich 2) Der 115 a) Dergleichen Leute verwirren nachher mehrertheils eines mit dem andern; eben wie der ungeübte Bauer es machen würde, dem man mathematische Warheit u vorsagen wolte, damit er lernen mögte richtigere Konsequenzen zu ziehen. Bringt man nun dergleichen Menschen an solchen theoretischen Nachforschungen Lust bey, so werden sie mehrentheils Grühler, zuletzt Zweifler, oder wol gar Schwärmer. Sie sehen nun die Hülle, die Einkleidung der Religion für das wesentliche derselben an, und lassen den Kern fahren. Ihr Hauptwerk wird gewiß nicht seyn in der rei=en auf Glauben an Christum gegründeter Gottesfurcht und wahrer Menschenliebe sich zu üben. b) Durch das Bemüben jemanden Zweifel gegen seine Religion einzuflössen, setzet man sich mehrentheils ausser Stand an dem eigentlichen Glücke desselben Menschen in der Folge zu arbeiten. Jede redliche und kluge Bemühung, so man anwendet seinen Nebenmenschen moralisch besser zu machen, wird immerhin, so bald er wieder kaltblütig geworden ist, bey ihm Hochachtung und Dankbarkeit gegen den klüglich und schickliche Zeit und Gelegenheit nehmenden Lehrer; und Nachdenken über sich selbst früh oder spät hervorbringen: dergleichen Bemühung, wird also immer ein zu hoffender Keim einer reellen Besserung seyn; man wird vielleicht eine Seele retten. Das Gegentheil wird aber mehr utheils auf jede Bemühung erfolgen, die darauf abzielt einen fremden Religionsverwandten zu überreden zu einer andern Religion überzugehen. Hiedurch wird, wie H2 116 wie aus dem vorigen erhellet, seine Eigenliebe beleidiget, er wird empfindlich, mißtrauisch gemacht. Jede Bemühung also den Menschen meralisch zu bessern, erweckt Liebe und Besserung; hingegen letztere Verachtung und Haß §. 21. Die christliche Religion fodert auch nichts weniger als ein Bestreben Proselyten zu machen. Alle drey geduldete christliche Religionen stimmen in dem Hauptartickel und ersten Grundsatz der Hofnung der Menschen darin überein, daß nemlich der Mensch nach dem Tode fortfahren werde zu leben, und daß sein zukünftiges Glück auf den Glauben an den Sohn Gottes und dessen erworbenes Verdienst beruhen müsse; und ferner die mindere, oder grössere Stufe des zukünftigen Glückes von der mehrern oder mindern getreuen Anwendung der ihm von Gott in dieser Zeit verliehenen Gaben abhangen werde. Er sol Rechenschaft von seinem Pfunde geben, und alsdann wird immer eine der ersten Fragen seyn; wie er Liebe ausgeübt habe, das iſt, wie er das Glück ſeines Nebenmenſchen zu befödern, jederzeit beflissen gewesen. Da nun die sämtlichen tolerirte Religionen dieses lehren, mithin der Mensch, wenn er nur dem ihm ertheilten Lichte getreu seyn, und nach selbigem seine SinnEs verstehet sich von selbst daß ich hiedurch die Ausbreitung der Lehre Christi unter den Völkern, welche diese noch nicht kennen, gar nicht behindert wissen wil. Jeder Frembder wird diese wohlthätige Religion, wenn sie ihm nur nach dem Sinn des Stifters gehörig vorgetragen wird auf die Dauer reitzend finden. (S. §. 22.) 117 Sinnlichkeit in Schranken setzen wil, auch nach der Zeit glücklich seyn kan, so darf bey keinem Christen ein Gewissensdrang entstehen, einen Fremden zu seiner Religion überzuführen. Ja aus dem vorigen §. erhellet, daß er diesen Versuch nicht machen dürfe, indem er immerhin eher befürchten muß, Uebel dadurch zu stiften. Und erlaubt ist es dann doch nie Uebel zu thun, in der Erwartung, ob vielleicht Gutes daraus entstünde. Eine Maxime, welche gegen alle menschliche Klugheit, ja selbst gegen jeden Begrif von Gottes Güte, Weisheit und Almacht streitet, und zwar um so mehr, da der Mensch nie Herr über die Resultate seiner Handlungen ist. (§. 23.) § 22. Gnug daß Christi Lehre gerabe das Gegentheil lehret. Man kan kein Wörtchen, so dieser göttliche Lehrer gesagt hat, aufweisen, welches einen andern Endzweck verrathen hätte, als die in der Denkungsart von ihm unterschiedene Menschen, durch Liebe zu gewinnen; durch die blose Ueberzeugung, daß von seiner Lehre nicht allein ihr zukünftiges, sondern auch ihr reelles irrdisches Glück abhienge. Solte aber letzteres wahr seyn, und die Auswärtigen von dieser Warheit überzeuget werden, dann durfte gar keines, auch nicht einmal ein nur anscheinendes Zwangmittel zur Ausbreitung der Kirche gebrauchet werden. Ueberal solte Liebe, Sanftmuth hervorleuchten. Dies solte in der chetstlichen Religion eine solche Hauptsache seyn, daß ohne selbige alle andere noch ſo glänzende Gaben nicht anders, als ein tönend Erz und eine klingende Schelle solten angesehen werden können. Ja, dieſe 118 diese Sanftmuth und Verträglichkeit solte so weit geben, daß man seinen Feinden an statt Böses, vielmehr Gutes thun solte; an statt ihnen wieder zu flachen, sie vielmehr regnen; und überhaupt lieber etwas mehr von ihnen erdulden, als durch Widersetzlichkeit, sie zu noch grösserer Verfolgung reitzen. Dies ist der Sinn und Grund des Ausspruchs des Heylandes über diesen Punkt. Nicht allein gehörete dieses nothwendig zu der seinsten Politick, welche der göttliche Stifter dieser Lehre brauchte, um dem Menschen seine Religion angenehm zu machen; sondern dieser Befehl gründet sich überdem auf die allergeraueste Menschenkenntniß. Liebe ist die stärkste Leidenschaft, sie ist stärker als der Tod. Der grausamste Tyrann wird oft mitten in seiner schrecklichen und alles niederreissenden Wuth, durch eine ihm erwiesene Güte aufgehalten: es werden dadurch sanftere Empfindungen in ihm erreget; der Verstand gewinnt Zeit Gründe zu sammeln, die nach und nach seine Wuth besäuftigen, sein bartes Herz erweichen; genug, er fängt an das abscheuliche seiner Leidenschaft zu fühlen, und dies ist der erste Schritt zur Besserung. Wird aber dahingegen nicht jede Widersetzlichkeit, jede Bemühung demselben wiederum Schaden zuzufügen, nicht nothwendig seine Grausamkeit immer höher steigen machen? Wird nicht dadurch zu der Grausamkeit, zu der Lust zu schaden, sich noch Rachsucht hinzugesellen, und letztere alsdenn jede Empfindung von Menschlichkeit verdrängen; mithin jede Hofnung den Menschen zu gewinnen, und selbst mehrentheils einem noch weit grösse:m Schaden und Verdruß zu entgehen ganz vereitelt werden? Unter 119 Unterdessen schliesset die Lehre Christi, hier so wenig wie irgendwo anders; eine auf vernünftige Gründe ruhende Klugheit aus. Es ist nemlich nicht ihmer klug und gut gehandelt seinem Verfolger in allen Stücken nachgeben. Dies kan denselben zu einer gewissen Art von Verwegenheit und Stolz bringen, die seine Verfolgung viel gefährlicher machen würde. Es ist bey dem Menschen ein unveränderliches Naturgesetz, daß die physischen und moralischen Kräfte, in einem sichern Gleichgewicht gegen einander gebalten werden müssen. Eine Kraft erhält die andre in Ordnung und contrebalanciret sie, daß sie nicht die dem Ganzen angemessene Ordnung überschreiten solle. Dies gilt im physischen und moralischen. Wenn dem Herren der Widerstand vermindert und seine nürkende Kraft, durch einen ihm angebrachten Reitz vermehret wird, dann gehen eine ganze Menge anderer körperlicher Verrichtungen in grosser Unordnung von statten; ja unter gewissen Umständen kan dadurch das Herz ein Zerreissen der ihm nahe liegenden Blutgefässen verursachen. Der Widerstand nemlich, welchen das Herz im natürlichen Zustand hat, wodurch seine Kraft gegenbalanciret wird, sind die kleineren Gefäße; wird die Empfindlichkeit der letzteren vermindert, so schlägt das Herz viel stärker, ohne daß es deswegen brauchte gereitzet zu werden. Das nemliche beobachtet man im Moralischen; Liebe hält der Härte, der Furcht 2c. das Gegengewicht. Wir sehen ferner selbst, daß eben wie im körperlichen eine erregte Bewegung eine vorherige auf einmal gänzlich unterdrückt, auch das nemliche im Moralischen geschehe. Bekannt 120 ist es, daß ein heftiges Nießen, öfters auf einmal ein hartnäckiges Schluchsen endiget; und wie öfters siehet man nicht z. E. bey einer durch einen Sterbefal erregter beftiger Traurigkeit, bey der durch den Verlust äusserst betrübten Person, durch eine ganz ungereimte und lächerliche Condolenz, wenn selbige nur den Verstorbenen nicht beleidigte, auf einmal ein Lachen und Spott erregjn, der für den Augenblick jede Empfindung der Traurigkeit gleichsam verdränget? Dies Gegengewicht der physischen und moralischen Kräfte im Menschen, war aber noch nicht hinreichend den Menschen in seinen Schranken zu halten, ihm die dem Ganzen angemessene Richtung zu geben. Hiezu wurde noch erfodert, daß im Zusammenleben ein Mensch dem andern zum Gegengewicht dienen, das ist, ihn in den gehörigen Schranken halten solte. Ich mußte dieses vorausschicken um hierin gründlich genug seyn zu können, weil sonst manchem die Ausnahme, welche ich oben beym Nachgeben an seine Feinde gemacht habe, anstößig seyn könnte. Wenn daher der Mensch seinen Feinden nachgeben sol, dann muß solches jederzeit auf die Art geschehen, daß der Gegner merken könne, daß solches aus Liebe zum Frieden, zur Verhütung grössern Schadens, mithin zum Vortheil für alle beyde, und nicht aus Furcht geschiehet. Nun siehet man leicht, daß im ersten Fal, der Härte, der Grausamkeit des Verfolgers ein Gegengewicht geſetzet, mithin ſelbige in Schranken gehalten werde; wohingegen aber selbige bey dem gering sten Zeichen von Furcht, wo nicht in grössere Wuth 121 Wuth, doch wenigstens in Verachtung und Unterrückung ausarten werde. Dergleichen Furcht ist eine wahre Schwäche, und immerhin schädlich, ja selbst nicht selten gefährlich. Durch solche verleitet, kan selbst ein schwacher, vorhin furchtsamer Mensch gegen einen noch schwächern als er ist, zur wahren Grausamkeit verleitet werden. Denn so bald ein schwacher einen Loch schwächern, furchtsamern verfolget, wächset die Lust zur Verfolgung gleichsam mit jedem Schritt; indem 1.) seine Neigung zu verfolgen, zu unterdrücken durch nichts mehr gegenbalanciret wird. 2. Es steigen nach und nach sodann andere Leidenschaften mit dadurch in ihm auf. Er fängt nun an stolz darauf zu werden, daß er einen andern auch unterjochen, daß er auch einmal einen könne zum Kriechen zwingen. 3.) Wird alsdenn dem schwächern dieses zu hart und unausstehlich, so daß er die Geduld darüber und mit derselben die Klugheit verberet, und sich auf keine andre Art als durch Schimpfen zu rächen weiß, so wird dadurch die Eigenliebe des Verfolgers noch mehr gereitzet; er wird sodann angesetzet ihn seine einmal erhaltene Obermacht noch mehr empfinden zu lassen, ihn noch mehr zu demüthigen. Ja, wenn 4.) der verfolgte und nun ganz unterliegende ihm vorhin manchmal im Wege gewesen, so kan der Gedanken entstehen ihn ganz aus dem Wege zu schaffen; und so kan bey gewissen Umständen durch aus Schwäche rührendes Nachgeben wahrer vorsetzlicher Todschlag entstehen. Man siehet so gar, daß auf diese Art ein schwacher Mensch fast grausamer werden könne, als ein eigentlicher harter. Diesem allem kommt 122 kommt nun der Mensch bevor, wenn er eine Verfelgung mit Liebe, aber dagegen mit unerschrocknem Muth, mit Gelassenheit, mit freundschaftlichen Erinnerungen und Nachgeben, mit einem Wort, mit Großmuth beantwortet. Alsdann weicht der Verfolger zurück und wird beschämt; als wovon man die Warbeit mir unzähligen Geschichten ganz leicht erweisen kan. Toleranz und die von Gott deshalb gegebene Gesetze gestatten also keine Schwäche, sondern ein mit kluger Energie und zur rechten Zeit erwiedertes, und auf das beste des Verfolgers so wol, als des Verfolgten zielendes Nachgeben. Der Apostel Paulus sagt (a) “Laß dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem., §. 23. Die christliche Religion verbeut endlich so gar, daß man niemalen über den moralischen Zustand eines Menschen urtheilen solle. Es heißt ausdrücklich: (b) Richtet nicht, daß ihr nicht gerichtet werdet; verdammet nicht, daß ihr nicht verdammet werdet: Jacobus wiederholet dieses wenn er sagt: (c) "Es ist nur ein I einziger Gesetzgeber der seelig machen und ver„dammen kan. Wer bist du denn, daß du ei“nen andern richtest?„ Die Toleranz sol also so weit gehen, daß man nie ausdrücklich in keinem Fall, von seinem Nebenmenschen solle sagen dörfen, daß er verdammet seye, oder werde verdammet werden. Ohner(a) Br. a. d. Rimer 12. v. 21. (b) Evang. Lukas 6. v. 37. (c) Br. Jacobi 4. v. 12. 123 Ohnerachtet der angeführten deutlichsten Vorschriften, giebt es doch noch leider unter einigen nicht gnug unterrichteten Christen fast von allen Abtheilungen, solche, welche ihrer äusserer Religionsform den Vorzug beilegen, daß sie ein Privilegium exclusivum auf das Himmelreich gebe; und verdammen daher ganz unbarmherzig oder auch wol wenn sie ein gutes Herz haben mit wahrem Mitleiden alle auswendige Religionsverwandte, wo doch Paulus selbst nicht einmal diejenigen offenbar lasterhafte ausser seiner Kirche richten und noch weniger zu ewigen Martern verdammt men wolte, (a) von denen Christus sagt, sie könnten nicht ins Himmelsreich kommen; nemlich so lange sie solche Handlungen zu begehen fortfahren würden. Er sagt ausdrücklich (b) Ein jeglicher aber prüfe sein selbst Werk: und alsdenn wird er an ihm selber Rhum haben, und nicht an einem andern. Denn ein jeglicher wird seine Last tragen. Und wie kan dann doch ein Mensch vom anderen urtheilen, ob er seine Unvolkommenheiten einzusehen, sie zu fühlen angefangen, und selbige auszubessern sich feste vor Gott vorgenommen habe? Dies kan keiner von seinem Bruder wissen, mithin darf man ihn nicht verdammen, selbst wenn schon die Kirche ihn wegen seiner Halsstarrigkeit und Beharren im offenbaren Lasterleben aus ihrer Gemeinschaft hat ausschliessen müssen. Man weiß ja nicht, ob dieser verirrte nicht unmittelbar nachher schon angefangen habe zur Einkehr zu kommen, und f.h (2) 1. Br. a. d. Corinth. 5. v. 12. (b) Br. a. d. Galgt. 6. v. 4. 5. 124 sich nächstens in den Schoos der Kirche wieder als ein würdiger Christ begeben werde. Und darf man einen solchen lasterhaften Bruder nicht zur Hölle verdammen, wie viel weniger darf man solches thun von denen die ausser der Kirche sind, und nicht das äussere mitmachen wollen, oder die nicht einmal weder das wesentliche der Religion Christi noch auch die von der Gemeine vorgeschriebenen äussere Mittel kennen. Wie stimmt dergleichen Urtheil mit dem Grundgesetz der Religion, wo es heisset, man solle kein Aergerniß geben? Sagt nicht der Apostel Petrus ganz ausdrücklich, nachdem er die vortreflichen Eigenschaften des beidnischen Hauptmanns Cornelius so ganz wider sein Vermuthen und gehabte Vorurtheile gegen die Heiden, entdeckte; (a) "Nun er“febre ich mit der Warheit, daß Gott die Person nicht ansiehet, sondern in allerlei Volk, wer ihn fürchtet und recht thut, der ist ihm “ angenehm., Nun konnte aber Cornelius Gott nicht anders fürchten, nemlich ihn als seinen Schöpfer und Herren annehmen, als nach dem Maaß der geringen Erkenntniß welches er als Heide haben konnte; und die Moral Christi war ihm eben so unbekannt, mithin waren seine Begriffe vom Recht ebenfals höchst eingeschränkt in Rucksicht der Pflichten welche die Christen hierin haben: und doch war er Gott angenehm. Petrus hat also gewiß in der Folge keinen Heiden als einen Feind Gottes, der dessen ewige Strafe ja ewiges Feuer zu befürchten hätte, betrachtet, sondern selbige so bald sie ihrem Lichte getreu (a) Apost. Geschichte 10. v. 34.35. 125 treu waren und hiernach Gott fürchteten und Recht thaten, als Gotte angenehme Menschen betrachtet. Paulus läßt endlich gar keinen Zweifel mehr hieran, wenn er sagt: (a) Welche ohne Gesetz gesündiget haben, die werden auch ohne Gesetz verlohren werden; „ und welche am Gesetz gesündiget haben; die werden durchs Gesetz verurtheilet werden, sinu temal vor Gott, nicht die das Gesetz hören, gerecht sind: sondern die das Gesetz thun, werden gerecht seyn. Denn so die Heiden, die 4 das Gesetz nicht haben, und doch von Natur „ thun des Gesetzes Werk: dieselbigen, dieweil sie „ das Gesetz nicht haben, sind sie ihnen selbst u ein Gesetz; damit daß sie beweisen, des Geseheswerk sei beschrieben in ihrem Herzen, sin„ temal ihr Gewissen sie bezeuget; dazu auch die Gedanken, die sich unter einander verklagen „ oder entschuldigen. Auf den Tag, da Gott „ das Verborgene der Menschen durch Jesum „ Christ richten wird, laut meines Evangelimus., Es ist und bleibt ja ohnehin ein Grundsatz; daß der Mensch wer er auch seye, nichts habe, was er nicht von Gott seinem Schöpfer erhalten hat. Dies gebet die Heiden so wol an, als die Juden, und Christen. Ein jeder hat sein Talent empfangen, hiemit sol er wuchern, d. i sich und andere glücklich machen. Es ist ferner gewiß, daß man keinen Stand auch auf dieser Erde für unglücklich ansehen kaf. Denn die Vergnügungen, oder welches einerlei ist, das Glück eines jeden (*) Römer 2. v. 12. 13. 14. 15. 16. 126 jeden Standes, beruhet auf die Begriffe, so sich ein jeder vom Schönen macht. Nun liebt zwar ein jeder Stand das Schöne, aber jeder Stand lebt unter anderen Gegenständen; von diesen nimmt er die Begriffe von Schönheit her; nach diesen Begriffen ertheilt er nun; und also hält der Bauer das schon für ein Master und freuet sich dabei, was der Handwerker weit unter die Mittelmäßigkeit zu seyn glaubt. Der Künstler hält aber das für sehr gewöhnlich, ja schlecht, was der Handwecker für ausnehmend schön hielte. u. s. w. Da also die Freude immer aus dem Begriffe, den man von der Schönheit einer Sache hat, entspringt, so freuet sich ein jeder Mensch in seiner Art, und keine Abtheilung kan gegen ihren Schöpfer mütren, daß sie nicht die andre seye. Denn, keine ist unglücklich, obgleich die oberste Gattungen derselben, die untern oft als höchst unglücklich ansehen. Alle diese Unterthanen haben daher die nemlichen Pflichten der Chrfurcht, des Geborsams und der Liebe gegen ihren Herren auszuüben. Denn er ist des einen Herr, wie der Herr des anderen, aber eines jeden auch besonders, wie es die Umstände und Lage mit sich bringen. Ein Verbrechen gegen diese Pflichten strafet also der Herr an allen mit Recht und ohne Ansehen der Person. Nun finden wir aber, daß Gott in Bekanntmachung der Pflichten welche die Menschen gegen ihn so wol als unter sich selbst haben, sehr verschieden nach den besondern Völkern gehandelt hat. Einige nemlich werden zu ihren Pflichten, zum nützlichen, zu dem, woraus die Glückseeligkeit des Ganzen entstehet, unmittelbar ermahnet; 127 Andere sehen noch dazu die Gerechtigkeit der meisten Foderungen aus Gründen ein. Anderen fehlet dieses aber alles; sie kennen also wenigere Pflichten, denn es fehlt ihnen an Gelegenheit sie kennen zu lernen, und haben wenige Ermunterung sie auszuüben. Sie werden durch keine Versprechungen, Belohnungen noch angedrohete Strafen dazu angetrieben. Ob Gott deswegen letztere nicht wie die vorigen behandelt, weil er vorausgeſehen, daß die Velſtreckung seiner gesetzlichen Strafen in diesen Gegenden so ofte würde erfodert werden, daß durch die Strafe mehr Uebel entstehen, als der Schaden der unbekannten, oder vernachläßigten Gesetze betragen würde, kan kein sterblicher untersuchen, vielweniger bestimmen. Gnug daß alle drei Abtheilungen strafbar sind, wenn sie eine Gelegenheit zu der Erkenntniß ihrer Pflichten wissentlich versäumen, oder eine Ermunterung dazu wissentlich unterdrücken, und am meisten, wenn sie gegen das würklich erkannte handeln. Nun kennen aber die Heiden keine andere Pflichten, als welche sie durch Anleitung der Vernunft erkennen könner. Den Juden aber, und einigen benachbarten Völkern in den spätern Zeiten, sind ihre Pflichten bekannt gemacht und durch Strafen und Drehungen angedrungen worden. Den Christen ist dieses alles aber in dem grösten Maaß geschenket worden. Alle diese Abtheilungen können nun ein gewißes Glück erreichen. Christen das größte; Männer 123 ner des alten Testaments, vielleicht ein kleineres; Heyden das kleinste. Alle aber sind nichts destoweniger glücklich, aber in verschiedenen Arten des Vergügens; der eine in einer erhabenern, der andere in einer niedrigen. Jeder urtheilt nach denen Begriffen der Schönheit, die er sich eigen gemacht hat. So wie unter uns ein Kind das für schön hält, was seiner Puppe ähnlich ist, und der Bauer bey einem wohl angelegten Landhause mehr empfindet, als bey dem regelmäßig stem Pallaste, weil er da die Begriffe der Schönheit anwenden kan; hier nicht, indem der gebildete Fürst sich blos bey benen kostbarsten Gewalden, treflichen Pallästen, und anderen Musten der Kunst vergnügt.— Sie können also alle c. gewisses Glück erreichen: keiner darf sich beschweren, warum er nicht das erhabene des andern geniesse; denn Gott hat das Recht diese Einheilungen zu machen. Oder hat nicht ein 2. er Macht aus einem Klumpen dies zu einem verkreten, jenes zu einem nicht so verehrten Gef ß: zu machen? Und glauben nicht alle vernänftige Christen, daß in der Seeligkeit Staffeln seyn werden? Geng, daß wir allen Grund ja alle Gewiß eit haben, daß wir immer Gelegenheit beyen werden in der Vervolkommnung zu siegen, mithin immer glücklicher zu werden. Ma könnte ja hier also auch sagen, warum die weisger seligen von Gott nicht denen höchsten gleich gemacht worden. Das thut aber niemand, Warum wil man dann Gott nicht gleiches Recht bey denen Heyden einräumen? Die Guten werden mit ihrem Zustand zufrieden seyn und die Hofnung haben künftig zuzunehmen. Keiner wird sich 129 sich also beschweren, weil ein jeder mit seinem Glück zufrieden ist, und nur die Arten der Dinge schön findet, die er nach seinen Begriffen der Schönheit welche er erlangen konnte, beurtheilen und abmessen kan. Denn, unsre vernünftige Begierden, müssen eine unsrer ganzen Lage und Kräften völlig angemessene Richtung haben, und nur in so fern kan der Mensch durch die Erfüllung derselben glücklich seyn. Dieses muß ein jeder zugeben: denn sonst würden nur die größten Geistes glücklich und vergnügt, und in dem künftigen Leben keine Staffeln seyn können, weil sich alsdann einer immer das erhabenere Glück der höhern Gattung wünschen, und dadurch sein eignes vernichtigen würd: Ja, noch mehr: Niemand ausser Gott könnte sodann glücklich seyn. Eben so wie in diesem Fal auf unsrer Erde der Bauer sich das Glück des Edelmanns, der Edelmann das Glück des Fürsten, der Fürst das Glück des Königes mit Recht wünschen zu können, glauben würde; so würde in jener Welt sich der seelige Mensch vielleicht das Glück der Engel; der Engel wieder das Glück einer höhern Gattung wünschen, und so würden die misvergnügten Wünsche der Geschöpfe in einer steigenden Linie bis zum Thron des Allmächtigen aufsteigen, und er der einzige seyn, der wüßte was Glück seye. Die Heiden also, der zu einem niedrigern Glück, aber doch zu einem Glück bestimmte Theil der Schöpfung, sind so wol zur Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam gegen ihren Monarchen verpflichtet, als die anderen Abtheilungen der Menschen. Ihnen werden aber die Gesetze der Tugend, der Pflich 130 Pflichten gegen ihren Oberherrn und andere, nicht auf seine uumittelbare Veranstaltung bekannt gemacht und eingeschärft. Ihnen sagt sie nur eine leise, dem grösten Hausen unvernehmliche Stimme; diese sagt sie ihnen bey weitem nicht alle, sondern nur einige. Sie haben also wenigere Gelegenheit ihre Pflichten kennen zu lernen; weniger ermunternde Erinnerungen sie auszuüben. Sie kommen also seltener in Versuchung wissentlich gegen ihre Pflichten anzustoßen. Brauchen sie nun die sich ihnen anbietende Gelegenheit zu mehrerer Erkenntniß, und die Umstände so sie zur Befolgung derselben ermuntern, und die ihnen vorkommende Rührungen; handeln sie nach ihren Einsichten, oder wie es der Theologe sagen würde, brauchen sie die ihnen verliehenen Kräfte, so glaube ich, werden sie glücklich seyn, und die Art des Vergnügens, wozu sie fähig sind, geniessen; aber vielleicht doch nicht zu dem Glücke steigen, das wahre Christen sich versprechen dürfen. Deswegen aber sind sie nicht unglücklich; wir dürfen ihr niedrigeres Vergnügen, mit eben so wenigem Recht für ein Unglück und einen Stand des Mißvergnügens ansehen, als ein König die verschiedenen Stände der Unterthanen. Er, der höhere Begriffe von dem Schönen hat, würde sich freylich bey ihren Freuden nicht freuen können. Sie aber könnens, weil sie andere Begriffe haben. Vernachläßiget aber der Heyde die angeführten Gelegenheiten, widersetzet er sich denen Rührungen und Erinnerungen seines Herzens, handelt er gar wider sein Gewissen und Einsichten, 14 so ist er strafwürdig. In welchem Grade? Dies weis ich nicht, da die heil. Schrift schweigt. Warscheinlich ist es aber, daß die künftigen Strafen derer, ihre Vervolkommnung wissentlich vernachläßigt habenden Heiden, nicht so groß seyn werden, als die der andern Abtheilungen: letzteren werden selbige auch schon deswegen empfindlicher seyn, weil sie ihren Verlust mehr zu schätzen wissen. Gang, Gott wird diesen so wenig wie jenen grausam, sondern gerecht vorkommen. Er wird sie anhalten Rechenschaft zu geben von ihrem Pfunde. Die Heiden geben also Rechenschaft als Heiden, nicht als Christen. Wer bei dem Gesetze (der Offenbarung) gefündiget hat, wird darnach gerichtet und gestraft; wer ohne Gesetz (der Offenbarung) gesündigt hat, wird als ein solcher gerichtet. Dieses sagt die heil. Schrift. Gott also, der selbst in der Person des Mesias die Menschen lehrete, gegen alle Menschen eben gerecht zu seyn, sie alle zu lieben, wird gewiß an jenem Tage des algemeinen Weltgerichtes nicht allein gegen die Christen gerecht seyn, und nur allein diese nach dem Pfunde welches er ihnen ertheilt hatte, richten; sondern er wird ganz zuverläßig auch gegen die Heiden die nemliche Gerechtigkeit ausüben, und diejenigen, welche mit ihrem Pfunde gewuchert haben, belohnen; hingegen die anderen bestrafen. Der Gegensatz streitet gegen Gottes Gerechtigkeit, und ist also Lästerung dieses algütigsten Wesens. Wer dürfte also noch wol anstehen mit dem Apostel auszurufen (a) Herrlichkeit aber und Ehre und Friede über I 2 (*) Br. an die Römer 2. p. 10. 132 über alle, die Gutes thun, fürnemlich über die Juden, und auch über die Griechen d.i. die Heiden. Letztere können also Gutes khun, und auch ihnen ist in dem Fal, Herrlichkeit und Friede verheissen. Einige übel unterrichtete haben zwar den Satz, allen ausser der Kirche seyenden das Himmelreich absprechen zu müssen, als ein algemein angenommenes Kirchengesetz der Römischkatholischen Kirche mehrmalen andichten wollen. Allein der Herr Hofkriegsraths Sekrekair Andr. Zaupser, ein Mann von vortreflichen Taleuten hat hievon das Gegentheil in seiner Abhandlung über den falschen Religionseifer S. 20. ganz deutlich erwiesen. Seine Gründe sind um ſo wichtiger und gültiger, da dieſe Abhandlung von dem Kurfürstl. Bücher Censar Kollegium in München, als einem dieser Sache ganz gewiß geeignetem Tribunal, völlig gut geheissen ist, wie solches auf dem Titul selbst dieses in München im Jahr 1780 bei Strobl gedruckten Buches zu ersehen ist. Herr Zaupser sagt nemlich daselbst: Herr v. Haller da er die bekannte Epitre a urait nie wiederleget, wagt nach seiner Gewohnheit einen Ausfall auf die katholische Kirche, und „ leget ihr ohne Bedenken die Lehre zur Last, „ daß alle Unglaubige, die vom Lichte des Kriflenthums nichts wissen, zugerüstete Braten der „ Hölle sind. Allein, wo hat Herr v. Haller A dieses Dogma der katholischen Kirche gelesen? „In welchem Koncilium ist diese Glaubenölehre festgesetzet worden? Vernünftige Katholicken sehen doch immer mit einem eben so getrösteten Auge 133 „Auge als Herr v. Haller, auf die Worte des „ Völkerapostels in seinem Sendschreiben an die d Römer im 2 Kapitel (S. oben) worin er aus„ drücklich sagt, daß diejenigen, welchen das Gesetz nicht geoffenbaret worden, nach dem Urtheile ihres Gewissens und nach dem Gesetze der Natur werden gerichtet werden.,, H. Z. „ sagt ferner Seite 24 “ Ich weiß nicht, wie mirs so wohl ums Herz wird, wenn ich so viele Millionen meiner Mitmenschen, welche man mir immer in den Schulen als unwiderruflich verlohren vorsagte, als Miterben desjenigen, der "für alle Menschen sein Leben gegeben hat, und im Glanze der Erlösten erblicke. Wärs auch nur Täuschung! wie süß, wie Seelenerhebend, wie Glaubenstärkend wäre sie, diese Täuschungs„ Betrachte ich hingegen auf einer Seite die „ heiße Andacht, mit welcher der Indianer in seinen Pagoden brennet, die strenge Fasten, die schrecklichen Bußwerke, mit denen er seine Sünden abzubüssen und die beleidigte Gottheit zu versöhnen suchet — und denke auf der an„ dern Seite den schrecklichen Gedanken: Dieser arme gute Wilde wird ohne Rettung hinabstürzen in den Schwefelpfuhl, ein ewiges Opfer „der Hölle, und der Gegenstand eines unaufhörlichen unbeschreiblichen Elendes seyn, weil er sich zu einer Religion nicht bekennt hat, die er nicht kennen konnte, und die ihm nicht „ ist geoffenbaret worden — so halt ichs nicht aus — meine Seele erlieget — und ruft mit Wehmuth zu Gott: Vater der Menschen, ist das möglich. Gesetzt aber diese harte Meinung von der Verdammniß aller Unglaubigen; und 134 “ und selbst aller Ketzer hätte in ihrem ganzen 4 weitesten Umfang ihre Richtigkeit, hätten wir mehr Recht dadurch, diese Unglaubigen, diese Ketzer zu hassen? Steht es den Kindern, wel“ che die Erbschaft des Vaters bekommen, zu, „ diejenigen Kinder, die sie nicht bekommen, zu „ verfolgen? Maß man ihnen, weil sie jenseits “ des Grabs ewig unglücklich seyn werden, auch er hier in dieser Welt das Leben so bitter als 4 möglich machen? Der wahre Glaube ist eine „ Gabe Gottes: hätte es der göttlichen Vorsicht „gefallen ihn allen Menschen mitzutheilen, so würd' es ihr eben so leicht gewesen seyn, die„ses Licht, wie das Licht der Sonne, über die „ ganze Welt aufgeben zu lassen. Uns stehet „ nicht zu, die Ablichten zu untersuchen, welche „ sie hatte es nicht zu thun.“ Ueberhaupt sagt uns die Offenbarung ja ganz deutlich, daß in der zukünftigen Welt, der Zusammenhang zwischen gutem und hösem moralischem Bemüben auf dieser Welt, und guten und bösen Folgen in jener Welt bleiben und sich offenbar äussern werde: Dies kan jedem gnug seyn, und braucht keiner dabei für die Gerechtigkeit Gottes sich zu ängstigen. Es ist dies um so unschicklicher, da kein Mensch die Anlage zum Guten, noch die der Entwickelung der moralischen Vervolkommnung entgegen stehende innern Ursachen, seines Nebenmenschen wissen kan. Der vortrefliche=Herr Zaupfer drückt sich hierüber so treffend aus, daß ich nicht umhin kan, seine eigene Worte auch hierüber noch anzuführen (Noch ein paar Worte über den falschen Religionseifer den VI. Punkten eines Ungenannten entgegengesetzt S. 19.) 135 S. 19.) "Wer hat je die Eindrücke, welche die „Warheit bei einem Menſchen machen ſol, mit den Eindrücken, welche die Erziehung schon zuvor gemacht hat, das Verhältniß der Fähigkeiten, und Seelenkräfte mit der Stärke eines Beweises, die Macht der Leidenschaft, die sich „ohne daß es oft der Mensch gewahr wird, auch bei dem Redlichsten ins Gespiel mischet, besonders, die einem jeden Menschen so eigne Furcht vor Religionsveränderung so genau abgewogen, daß er zu dem Irrenden im Richterton sagen darf: Gehe hin in das ewige Feuer!Es ist dieses der menschlichen Natur auch ganz angemessen. Denn 1.) Im moralischen Gericht kommt es bey dem würkenden Menschen, nicht auf das Resultat, sondern auf den Endzweck, die Absicht seiner Handlung an. — Der Mensch ist nicht Herr über den Erfolg seiner Unternehmungen, sondern er muß sich von dieser Seite gänzlich dem Willen der Vorsehung unterwerfen; er muß dieses um so mehr thun, da er nicht weiß, noch wissen kan, ob dies oder jenes Resultat seiner Handlungen mit dem Plane der Vorsehung übereinstimme; und da er weiß, daß dieser Plan der allerweiseste ist, und desselben Einrichtung alle seine Geisteskräfte unendlich übersteiget, so beruhiget sich der Weise gar leicht, er mag den ihm vorgesetzten Endzweck erreichen, oder nicht. Es ist ihm genug einzusehen, daß sein Endzweck gut war, und er zu dessen Erhaltung alle diejenigen Mittel 136 Mittel gewählet, die seine Kräfte und Einsicht ihm darbeten. Die Ueberzeugung das gethan zu haben, was er zu thun schuldig war, und fester Glaube, daß Gott jedes redliche Bestreben das Glück seines Nebenmenschen zu befödern, nicht unbelohnt lassen wird, sind ihm hinreichend. Der, von der armen Wittwe, mit dem gutgesinnten Herzen, in den Gotteskasten eingelegte Scherf, und die dadurch so sehr gering vermehrte Summe des nun darin enthaltenen Geldes war in Gottes Augen viel beträchtlicher, und verdiente viel mehr Achtung bey ihm, als die grossen Summen, welche die Reichen einlegten. Gott bedarf ja keines Menschen, noch ihrer Güter, um seinen Plan auszuführen. Er kan schaffen was er wil; und wie oft bildet sich der Mensch nicht ein, Gott müsse dies oder jenes durch ihn ausführen. Welch eine Kurzsichtigkeit! Das Glück des Menschen selbst erfoderte ferner diese Einrichtung ganz nothwendig. Denn wenn der Mensch an der einen Seite wüßte, daß es bey ihm stehe, ob seine Anschläge gelingen und der gehofte Nutzen werde erreichet werden, dann würde er ja gar bald Gefahr laufen in einen unerträglichen Stolz zu verfallen, und dadurch sich unfähig machen, sein eigen Glück so wol, als das seines Nebenmenschen, nach selnen Kräften, zu befödern. Ja, er würde vielleicht bald, gleich jenen Riesen in der Fabel, den Himmel selbst bestürmen wollen. Und 131 Und wie leicht würde er träge dabey werden können und denken: ich habe schon so viel Gutes gestiftet; oder ich wil noch nach der, oder der Zeit so viel Gutes stiften; wobingegen er jetzt weiß, daß es nicht darauf ankommt, ob er würklich viel Gutes geßiftet, sondern ob er seine Kräfte um Gutes zu stiften bis hiehin getreu jederzeit angewandt habe, und selbige ferner so anzuwenden fest entschloßen sey. Und da die Erfahrung an der andern Seite zur Genüge lehret, daß, der nach allen Regeln der menschlichen Klugheit ausgedachter und lange überlegter Plan, wenn er schon die beste Absicht zum Grunde hatte, dennoch sehr oft mißlinget, und bey weitem den geboften Nutzen nicht ausliefert, so würde der Rechtschaffene, wenn er nicht gewiß wüßte, daß es nicht auf den Erfolg, sondern blos allein die Absicht bey Gott ankömmt, bald ganz muthlos, wo nicht völlig unthätig werden; wenigstens seine Kräfte nicht mehr nach Vermögen anwenden. Wäre endlich der Mensch Herr über den Erfolg seiner Unternehmungen, so würde er ja bald bey seiner kurzen Einsicht, in der Bemühung zur Erreichung des Endzweckes, um welchen er sich so ängstlich quälete, sein eigenes und anderer Unglück bauen. Denn wie oft erfähret man, daß eben dasjenige glücklich machte, welches verher das grösseste Unglück anzukünden schien; und hingegen wie oft entspringt nicht Unglück aus dem, wornach der Mensch kurz vorher für sich, oder andere so ängstlich sich sehnete! Wie oft sam 132 sammeln Eltern ihren Kindern Schätze; oder verschaffen ihnen Ehrenstellen, wodurch letztere unglücklich werden? Dahingegen, wie oft wird nicht das Unglück, ja der völlige Ruin der Eltern, der Keim eines viel grössern Glückes für die Kinder, als je derselben Eltern besassen, oder sich nur versprechen konnten? Es ist und bleibt also wahr, was Salomo sagt (a) "Er aber thut „ alles sein zu seiner Zeit, und lässet ihr Herz sich ängsten, wie es gehen sol in der Welt; „denn der Mensch kan doch nicht treffen das „Werk, das Gott thut, weder Anfang noch Ende.. Gott hat es daher sehr weislich geordnet, daß der Mensch sich täglich an die Warheit erinnern sol, daß die Erreichung des ihm vorgesetzten Endzweckes nicht von ihm, sondern von dem, vom alweisen Schöpfer festgesetzten Plan abhange; (*) damit er an der einen Seite, wenn er durch (a) Prediger Buch. im 3. Cap. v. 11. (*) In Ansehung der hösen Handlungen der Menschen findet das nemliche statt. Es hängt nicht vom Menschen; der Lust zu schaden hat, immer ab seine Lust zu volbringen. Hierin wird er oft zurückgehalten. Und auch hier kommt es im moralischen, geistlichen Gericht nicht so sehr auf das Resultat, sondern, die Absicht der Handlung, nemlich auf den Willen des Menschen an. Nur das Resultat der Handlungen bestimmt eine grössere physische Strafe. Nach der peinlichen Halsgerichtsordnung muj ein bloser Dieb 3. alte Goldgülden (ohngefehr drei Du. katen) werth gestohlen haben, wenn er sol gehänger werden. Ein jeder siehet aber, daß bey Gott, der aus weisen Absichten zum Besten des Menschen sagte; Laß dich 133 durch sein Bemühen etwas Gutes gestiftet, sein oder seiner Nebenmenschen Glück befödert hat, sich nicht überheben, sondern vielmehr seinem Schöpfer die Ehre geben, und immer seine Abhänglichkeit erkennen solle (*), und hingegen an dich nicht gefüsten ꝛc. auch derjenige schon als ein Dieb angesehen wird, der in seiner Seele die Handlung schon so gut als volbracht hat. Hierauf gründet sie der Ausspruch Gottes, daß der Vorsatz, ja so gar eine freygelassene Lust eine Sünde zu begeben, von ihn angesehen würde, als wenn er selbige würklich begangen hätte. Ja ein Mensch, der eine Sünde im Herzen, allein durch sein Brach en begebet, verschlimmert schon dadurch dergestalt seinen moralischen Zustand, und entkräftet die, jeder Versuchung ihm nöthige Gegenkraft, daß er nun bei der ersten merklichen physischen Versuchung unterliegen, und die Sünde selbst rheftich begeben, mithins auch seinen physikalischen Zustand den schädlichsten Folgen aussehen wird. Eben so wol wie Gott also den besten Versatz und Beßreben, nach seinem Vermögen Gutes zu thun, belohnen wil, muß er jeden Vorsatz Böses zu thun, seinem Nebenmenschen wissentlich Schaden zuzufügen, bestrafen. Auch hier ist überdem die Alweisb. it hätte in dem Plan seiner Regierung zu bewundern. Eigentlich zu reden, kan kein Mensch dem andern reilles Unglöck anrichten. Er kan ihm freylich physischen Schaden versetzen, und diesen ist er, wie billig, im weltlichen Gericht zu ersetzen schuldig; aber wir wissen, daß der Plan Gottes so weislich eingerichtet ist, daß alles was dem Rechtschaffenen begegnet, auch das Unrecht, die Unterdrückungen, die ihm von anderen angethan werden, zu seinem wahren Besten gereichen sollen, indem selbige ihn zu einen moralisch bessern Menschen machen, und er zu dieser höhern Stufe der Vervolkommnung nicht ohne dergleichen unangenehme Begebenheiten eben so wenig gelangen konnte, als der Kranke aenesen würde der z. E. beym kalten Brande nur wohlschweckende Arzney nehmen und keinem Wundarzt den Gebrauch der unangenehmen Instrumenten gestatten wolte. (*) Viele gutgesinnte Menschen stossen hier, wie ich oft bemerket habe, an verschiedene Klippen. Sie stellen sich nemlich 134 an der andern Seite, wenn sein Plan nicht gelungen, er deswegen nicht aufhören solle thätig zu seyn; sondern im Moralischen und im Physischen dem redlichen Hausvater es gleich machen, nemlich immerhin säen und pflanzen, wenn schon seine Bemühungen durch noch so viele wiedrige Benemlich die Abhänglichkeit des Menschen von Gott dergestalt vor, daß der Mensch für sich, ohne eine gleichsam unmittelbare Mitwürkung Gottes auf dieser Welt, platterdings nichts ausrichten könne: daß z. E. eine genommene Arzney nichts helfen werde, wenn Gott seinen unmittelbaren Seegen nicht dazu giebt u. s. w. Hiedurch wird aber die Würde der Geschöpfe Gottes und hauptsächlich die des Meuschen viel zu sehr herunter gesetzet; und ist dergleichen Gedanken mit dem Plane des alweisen Schöpfers, nach welchem überal die Mittelursachen auf einander würken und das bestimmte Resultat hervorbringen, ganz streitend. Die physischen Kräfte der Körper sind letzteren vom Schöpfer dergestalt eingepräget worden, daß ihre Würkung, wenn sie keine überwiegende Gegenkraft finden, gleichsam zur Nothwendigkeit wird. Denn, gleichwie jeder schwerer Körper, wenn er in die Höhe geworfen wird, herabfallen muß; und der mit Mäßigkeit genommene Wein den Schwachen erquicket, der in Uebermaß getrunkene hingegen berauschet, so würken nicht allein alle Arzneymittel, sondern sämmtliche physische Körper, nach den ihrer Essenz angemessenen Gesetzen, ohne daß der Mensch eine unmittelbare Mitwürkung Gottes zu erwarten braucht. Es bleibt aber immer für den würkenden Menschen Pflicht, sein Lebenlang in der genauern Kenntniß dieser physischen Körper, und der selben Kräften (hauptsächlich aber derjenigen, die in seinem von der Vorsehung ihm angewiesenen Würkungskreiß einigen Einfluß haben) sich täglich zu üben, dersel ken nützliche Anwendung zu erlernen trachten, mithin nicht allein das Uebel und Mittel dagegen, sondern beyder verhältnißmäßige Kräfte genau zu kennen, sich bestreben. Je weitere Schrite der Mensch hierin macht, desto würksamer und nützlicher kan er in seinem Fache seyn. Wenn 135 Begebenheiten, Frost, Hagel, Dürre rc. mannichmal gänzlich vereitelt wurden; ja, wenn schon sein sehr hoch gestiegenes Alter und kränkliche Umstände ihm keine Warscheinlichkeit des Genußes seiner Arbeit mehr versprechen. Es kommt hier aber nicht darauf an, ob er würklich viele, nach dem Wenn z. E. der Arzt einmal eine Krankheit genau nach den physischen Gesetzen eingesehen hat, und die gegen die Kräfte der Krankheit verhältnißmäßig würkende Mittel gleichfals gehörig kennet, dann kan ihm zwar in so weit die Kur nicht mißlingen. Er verspricht selbige, und nicht ohne Grund. Aber, als Mensch der die zukünftige Ereigniße nicht vorhersehen kan, hält er sich bevor, wenn nur keine andere, mit dieser Krankheit in gar keiner Verbindung stehende Zufälle hinzukommen. Er kan nemlich nicht wissen; ob nicht der Kranke sich bald nachher aus Eigensinn oder Muthwillen vernachläßigen werde; ob demselben andere widrige Zufälle, als heftige, Leidenschaften 2c. zustossen und sein Uebel verschlimmern, und wol gar bald nach der besten Hofnung der Herstellung ungenesbar machen werden. Hierin hängt also der Mensch von Gott ab, indem er alle dergleichen Zufälle nicht vorhersehen und noch weniger verhüten konnte. Ein jeder siehet aber leicht, daß bey einer auf die Art mißlungener Kur, dieser unglückliche Erfolg nicht den Mitteln zuzuschreiben ist, und es ganz sicher wahr seye, daß wenn die Wahl der Mittel gut getroffen war, und die Kräfte der Arzneimittel die der Krankheit überstiegen, alsdenn die Mittel die Genesung eben so sicher hervorbringen musten, als es gewiß ist, daß auf der Wageschale, ein Gewicht von 100. Pfund, die andre Wageschale die nur 90. und ein halb Pfund trägt, herunterziehen muß. Nur kan der Mensch nicht wissen, ob nicht durch eine der obbemeldten unvorherzusehenden Ereignißen die Kräfte der Krankheit in dem Maaße zunehmen werden, daß die Kräfte des Lebens, mithin das Leben selbst eher unterliegen wird, als man durch die Arzneymittel die, und zwar überwiegende gehörige Gegenkraft anwenden kau 136 dem Urtheil der Menschen glücklich gemacht habe (*) Der Herr des Weinberges kan ja dem in der Kultur des Weinberges, alle Sorgfalt und Mühe angewandt habendem Weisgärmer, gar nicht zurechnen, und seinen versprochenen Lohn desfals vermindern, wenn Hagel, Frost, Dürre, u. s. w. die Weinlese gänzlich, oder zum Theil vereitelt haben. Es kömmt nur darauf an, ob sein Bestreben die Kultur des Weinberges mit allen Kräften zu besodern, redlich und aufrichtig gewesen ist. Dies, fau man nun zwar beym Weingärtner wissen, wenn man untersucht, ob er alle diejenigen Mittel, die er als Gärtner wissen mußte, gehörig angewandt habe. Wer kan aber im Moralischen dieses von einem Menschen sagen. Gewiß käu dieses der Mensch nicht, sondern Gott allein ist es, der bey den Handlungen der Menschen Herz ergründet; mithin kan der Mensch nie mit einiger Gewißheit über die Triebfedern der Handlungen seines Nebenmenschen urtheilen. 2.) Nichts bringet in dem Menschen geschwinder Lieblosigkeit hervor und ersticket in ihm die ) Es heißt ausdrücklich, die ersten werden die letzten seyn; nemlich in jenem göttlichen geistlichem unpartheilschem Gericht, wo nur allein die Absichten der Menschen und nicht der Erfolg ihrer Handlungen beurtheilet werden wird, werden viele Menschen die man hier nur aus ihren Handlungen beurtheilet und für grosse Heiligen angesehen hat, dennoch vielen anderen die man hier nicht bemerkte, vorgezogen werden, und viel grössere Ehre und Lohn erhalten. Gott gehet allein auf inneren Werth der Seele und nicht auf äusseren körperlichen Schein. 137 die so nöthige Nachsicht gegen die Fehler des Nebeumenschen, als die Beurtheilung der Handlungen des Nächsten. Nach und nach wird dem Menschen dadurch die gute Seite seines Nächsten unmerklich; er wird fühllos, unempfindlich gegen die mehresten, wo nicht alle gute Handlungen desselben. Dahingegen wird er dadurch auch gegen die allergeringsten fast unvermeidliche Fehler und Schwachheiten desselben höchst empfindlich. Seine Liebe erkaltet in ihm, mithin legt er in sich den Grund zur Härte, zu einem bösen Herzen, und hieraus folgt Entzweyung mit dem Nächsten, mit welchem man sonst in Frieden lebte, ganz unvermeidlich. 3.) Endlich fliesset aus der Geneigtheit anderer Fehler und Schwachheiten zu beurtheilen: der wichtigste Schaden für den Menschen selbst; indem er dadurch die äusserst nothwendige Aufmerksamkeit auf sich selbst verlieret, in Sicherheit geräth und alsdenn unvermeidlich auf Irrwege kömmt; ja, wo er nicht bald davon zurückkehret, in Unglück stürzet. Dies heißt den Splitter in seines Nächsten Augen sehen, und des Balkens nicht gewahr werden, der im eigenen Auge sitzet. Dieser Hang zur Beurtheilung der Handlungen anderer Menschen, zeigt ohnehin einen grossen Leichtsinn und unvolkommene Beobachtung der eigenen Pflichten ganz unfehlbar an. Man kan dies fast jederzeit ganz untrüglich von dergleichen Leuten schliessen. Denn, wenn jemand sich bemühet alle Punkten des Zirkels, den er in dem ihm auf dieser Welt angewiesenen Würkungskreis ablaufen sol, genau, das ist, mit möglichster 133 ster Treue zu kennen, der merkt gleich, daß nicht allein seine ganze Aufmerksamkeit hierauf durchaus erfordert wird; und er durch jede Gelegenheit, die seine Aufmerksamkeit hievon abziehet, ganz entsetzlich aufgehalten wird; sondern so bald er den abgelaufenen Theil betrachtet und zwücke denkt, dann findet er eine erstaunliche Menge Punkten, die er, wo nicht ganz, doch zum Theil übergehüpfet; und da er nun diese Punkten ausser Acht gelassen hat, so hat er auch natürlicher Weise sich an derselben Betrachtung nicht üben und vervollkommnen können. Je mehr er aber dieses unausgesetzt zu vermeiden sucht, desto vollkommener wird er hier, mithin auch desto volkommener und glücklicher in jener Welt seyn; denn unser Glück bestehet ja nur in der Vervolkommnung. Und eben deswegen, ich wiederhole es noch einmal, kommt es beym Menschen nicht auf die Resultate an, ob er würklich viel von ihm gestiftetes Gutes entdecket, sondern ob er mit möglichster Treue alle seine physische und moralische Kräfte zu seiner und des Nächsten Vervolkommnung angewendet habe. Dies ist die Quintessenz der christlichen Religion, und eben diese lehret den Menschen den Weg, auf diese Art die größte Stufe der Vervolkommnung und Glückseeligkeit zu erlangen, deren er fähig ist. Dies heißt in der Bibel vor Gott wandeln, ihn nemlich sich stets so gegenwärtig halten, daß man immer von der Warheit durchdrungen ist: Er, der dein Schöpfer war und dein Vater seyn wil, wenn du dich ihm nur ganz übergiebst, und der dir das Leben allein gab, um glücklich zu seyn, und doch dafür nichts anders von dir begehret, als 139 als ihm dafür zu danken; und dir um zu diesem Glöck zu gelangen einen ganz hellen Weg gezeiget hat, siehet dich bey jeder Handlung. Eine jede schlechte lieblose Handlung macht dich also zu einen Undankbaren gegen Gott und zu einen Thoren gegen dich selbst. Kan jemand wol einen kräftigern Bewegungsgrund zur Tugend, zur Liebe und Toleranz ersinnen? Bey dieser gründlicher Untersuchung wird ihm Lust und Muth vergehen, sich mit fremden Sachen abzugeben: und seine eigne Fehler werden ihm Demuth und Nachsicht gegen die seines Nebenmenschen einflössen. Wie weise und gütig sind nicht die Wege Gottes mit den Menſchen? Auch der beſte fehlet und übersiebet zuweilen seine Pflichten. Aber eben die Einsicht davon ist ihm nöthig um demüthig zu seyn und Liebe gegen seinen Nebenmenschen auszuüben, ohne welche er selbst nicht glücklich seyn konnte. Damit aber der Mensch bey der Erkenntniß seiner unvorsetzlichen Fehler nicht durch Traurigkeit, Mißmuth oder wol gar Verzweiflung in seiner Würksamkeit aufgehalten würde, schenkte Gott ihm einen Erlöser durch den er sich gewisse Vergebung und Gnade versprechen konnte. Was kan wol dem Menschen, und dem menschlichen Zusammenleben, wenn Glück unter ihnen seyn sol, angemessener seyn? Warhaftig! könnte solche Religion auch nur eine bloße Illusion seyn, so bleibt sie doch immer der sicherste Weg um auf dieser Welt glücklich; das ist, in Friede mit Gott, sich selbst und seinem Nebenmenschen zu leben; als welches eine unausbleibliche Folge ist, so bald unsere Begierden die nöthige Richtung erhalten haben. Diese Richtung 140 tung bringt die Religion, wenn wir ihr folgen, in uns hervor. Ich glaube daher nunmehro gar nicht befürchten zu dürfen mich zu übereilen, wenn ich es als erwiesen annehme, daß es nicht allein in der Religion, sondern in der Natur des Menschen, in seiner wesentlichen Glückseeligkeit gegründet sey, daß kein Mensch, noch eine Versammlung von Menschen, einen andern verdammen dürfe, aus welcher Ursache es auch wolle, es seye dann, daß ein solcher die Ruhe und das Glück der bürgerlichen Geselschaft gestöret hat; als in welchem Fal die physischen Strafen hinzeichen. Nichts ist also billiger und vernünftiger, als der Ausspruch des Stifters der Religion: Richtet nicht, verdammet nicht. Dies leidet keine einzige Ausnahme. Der vortrefliche Herr Zaupser, sagt daher: (a) die Gedanken der Menschen richten ist ein Reservat der Gottheit. Der Antheil der Menschen ist — ihre Brüder wenn sie auch irren, zu lieben und zu entschuldigen. §. 24. Wenn wir endlich den Wegen nachspühren, auf welchen Gott selbst sich von je her den Menschen geoffenbaret, und denselben ihre Pflichten, das ist, den Weg glücklich zu werden gezeiget hat, so finden wir nirgends Spuren irgend eines Zwanges, welcher der menschlichen Natur Gewalt anthun, ihre Ueberzeugung in einem Augenblick, ohne hinreichende Gründe, umschaffen solte. Ueberal findet man in der Bibel, wo (⁴) Ueber den falschen Relig. Eifer S. 20. 141 wo sie den Menschen höhere Moral lehret, überzeugende Gründe, und zwarn Gründe von der Art, daß ihre Natur, die Methode mit welcher sie vorgetragen wurden, und selbst ihre ganze Einkleidung nach dem Bedürfnis und der Empfänglichkeit derer eingerichtet waren, welchen Gott sie am nächsten zugebacht hatte. Diesen Weg fand Gott den besten zu seyn; und kein andrer war der Menschheit, wenn sie gründlich gebessert werden solte, angemessen. Der Mensch wählet nemlich immer das Gute, wenn er sich nur durch seinen Verstand überzeugen kan, welches das beste ist. Hiezu gehören deutliche, ihm einleuchtende Begriffe vom Guten und Böſen. Wie wil er diese aber erlangen, wenn der Unterricht davon seinen Fähigkeiten, seiner Denkungsart nicht angemessen ist? (*) Wie wenig, bloße, heftige Eindrücke K (*) Mögten doch die Geistlichen insgesamt sich diese Warheit recht einleuchtend machen, und derselben, in dem von ihnen zu gebendem algemeinen so wol als besondern Unterricht, ganz getreu sein und bleiben! Wie viele Menschen würden nicht dadurch gebessert werden, bey denen sonst jede noch so gelehrte Predigt, oder anderer Unterricht nichts wie ein todter Buchstaben ist? Im Physischen findet ja das nemliche statt. Nicht allein sol ein vernünftiger Arzt folche Kranken, die zwar ohngesehr eine und die nemliche Krankheit haben, aber unter einem ganz iverschiedenen Himmelsstrich wohnen, ganz anders behandeln; sondern er sol an jedem Ort die besondere Lage, Beschaffenheit, Abwechslung der Luft 2c. wol aus zuforschen suchen, indem die Erfahrung lehret, daß hieraus sehr oft ganz besondere Zufälle entstehen, die sich alsdenn zu anderen Krankheiten hinzugesellen, und die Genesung der letzteren, wenn der Arzt selbige nicht kennet und eingesehen hat, wo nicht unmöglich, doch oft höchst 142 drücke auf den Menschen, wenn er gründlich gebessert werden sol, würken, lehret uns die Erfahrung zur Genüge. Das Volk Israel machte unten am Berge Sinai Götzen, und folgte in derselben Bildung, den Begriffen und Gebräuchen des Landes, welches sie verlassen hatten: sie thaten dieses, nachdem doch Gott sich ihnen unmittelbar vorher so sichtbar, als ein ganz andres Wesen gezeiget hatte: aber die heftigen Eindrücke, so sie bey dieser Erscheinung verspüret hatten, wie nicht weniger der heilige Schauer, so sie überfallen hatte, besserten sie nicht. — Die mehresten Juden blieben bey den, alle andere Wunderwerke übertreffenden Wundern Christi doch ungläubig, obschon sehr oft ihre Natur dadurch erschüttert wurde. Und wie mancher Kranker wird nicht auf seinem Krankenbett bis aufs innerste gerühret, und nimmt allen äussern Schein eines wahren Heiligen an, wird aber doch bald nach seiner Genesung ein eben so schlechter, ja zuweilen noch schlimmerer Mensch als er vorher war? Was wil man also erwarten von dem abgezwungenen Religionsbekenntniß desjenigen, welchem entweder der Henker allerley Marter; oder der gütige Enthusiast allerley falsche Belohnungen höchst beschwerlich machen. Ich wil zur Vergleichung mit dem moralischen in diesem Fal, nur allein die mehr oder minder algemein herrschende verschiedene Vorurtheile, so an einem Ort vor dem andern sind, anführen. Welch eine verschiedene Lehrmethode und Behutsamkeit erfodern selbige nicht von Seiten des Lehrers, wenn er sich das so unumgänglich nothwendige Zutrauen seiner Gemeinsglieder erwerben will? 141 gen versprochen hat? Nichts Gutes, wol aber viel Böses. (§. 20.) §. 25. Und da aus jedem Religionsdisput Unordnung, ja auch schlimmere Folgen zu erwarten sind, (§. 19. 20.) so stehet es nie einer Privatperson zu, mit Personen, die so gar eine intolerirte Religion haben, in einen Religiansdisput sich einzulassen; und noch vielweniger sie zur Verlengnung ihrer Religion anhalten zu wollen. Dies streitet ausserdem gegen alle Menschenkenntniß. Der Mensch siehet nemlich seine Religion als den sichersten Weg an, nach dieser Welt die größte Stuffe des Glückes, dessen er fähig ist zu erlangen. So bald er von diesem fest überzeuget ist, achtet er das irrdische, als das unendlich mindere Glück gar nicht mehr, wenn beyde in Collision kommen. Setzet man ihn nun in die Nothwendigkeit eines zu wählen, und das andre fahren zu lassen, so wählet er natürlich das ihm anscheinende größte Glück. Hieraus lassen sich die sonderbarsten MärtererGeschichten leicht erklären. §. 26. Nur allein die Obrigkeit darf mit Zuziehung der Geistlichen zur blossen nöthigen Aufklärung, untersuchen und bestimmen, ob ganz besondere, von einzelnen, oder mehreren Personen angenommene Lehrsätze, Schaden im gemeinen Wesen, sowol durch demselben schädlich befundene Unterdrückung der Warheit, oder wol gar Störung der Sicherheit und Ruhe des innern Mit welund äussern Staats, anrichten können. und Becher Behutsamkeit diese Untersuchung stimmung 144 stimmung geschehen, und welch ein Schaden aus einem unrechten auch nur anscheinendem Eifer nothwendig entspringen müsse, erhellet aus dem vorhergesagten; und wird in vielen Ländern durch die Erfahrung hinreichend bestätiget. Ueberhaupt maß in jeden Fällen, wo der Widerspruchsgeist rege gemacht werden kan, alle Behutsamkeit gebraucht werden. Denn ist derselbe würklich rege gemacht worden, dann ist die Hofnung zur Ueberzeugung mehrentheils hin. Dritter Abschnitt. Von der Intoleranz und ihren Quellen. §. 27. Ich verstehe durch die Intoleranz, diejenige Geſinnung und Handlungsweiſe eines Menschen, durch welche er alle diejenigen, so ausser seiner Kirche sind für Leute hält, von welchen er sich absondern zu müssen glaubt; und die nicht allein einer Achtung unwürdig sind, sondern wol gar seine Verfolgung verdienen, im Fall selbige ihrem Glauben nicht absagen, und sich zu seiner Kirche bekennen wollen. §. 28. Manche werden diese Beschreibung der Intoleranz zu hart finden. Allein die Geschichte bestätiget die Warheit davon, und nur allein politische Verfassungen setzen diesem Hang das Gegengewicht, daß er nicht leicht zum völligen Ausbruch kommen kan. . Ich 145 Ich habe überhaupt im ersten Abschnitt gezeiget, daß zwar die Religion sich auf wenige Sätze simplificieren liesse; daß es aber wegen der verschiedenen Receptivität der Menschen nöthig seye, daß diese Grundlehren in einer besondern Hülle und Einkleidung den Menschen dargestellet würden, wenn sie auf ihr Herz den nöthigen Eindruck machen solten, da der wenigsten Menschen Verstand die Fähigkeit hätte, die Gründe der Dinge zu untersuchen; und noch weniger Religionswarheiten von gröberen sinnlichen Begriffen zu abstrahiren. Ich zeigte ferner, daß man von jeher diese Hülle der Religion anders geformt habe, nachdem einmal ein oder anderer minder oder mehr aufgeklärter Kopf Mängel in der Einkleidung einer oder anderer Religionswarheit zu entdecken glaubte, oder würklich entdeckte. Indem er dieses nun abänderte fiel ihm nothwendiger Weise ein oder anderer bey, der nemlich seine Meinung für wahr hielte; und so entstanden mehrere Sekten, und werden auch noch in den Folge immer entstehen. (Von denen, welche die Grundwarheiten der Religion angreifen, so daß daraus für das Wohl der Gesellschaft selbst Gefahr entspringen kan, rede ich hier nicht.] Glaubte nun dieser oder jeder andre Reformator es nöthig zu seyn dem ganzen Religionssystem eine neue Form (*) zu geben, so muste natürlicher Weise ⁵) Dieses kan in zweien Fällen nöthig und nützlich seyn. 1.) Wenn die vor undenklichen Jahren angenommene, und dem damaligen Zeitalter zwar völlig angemessene Form, nun gar nicht mehr für das gegenwärtige Zeitalter sich schicket; mithin die Religion dergestalt, unter alten 146 Weise daraus, wenn er Anhänger genug fand, eine besondre Haupteintheilung der Religionsverwandten entstehen, die sich nun absonderten und durch ihre besondere Gebräuche in der Kirche platterdings von den andern unterschieden. So bald dieses geschahe, konnte nichts anders als Intoleranz entstehen. Die mehresten Menschen nehmen nemlich die Begriffe von der eigentlichen Art Gott zu dienen, von dem Bilde wie sie einem weltlichen Monarchen dienen, her. Da nun die Geistlichen in ihrem zu gebenden Unterricht die Menschen, und zwar mit Recht in gute und höse eintheilen, so siehet immer das einfältigere Glied einer jeden Religion sich deswegen für ein besseres an, weil es von der rechtgläubigen Kirche zu seyn glaubt, und setzt jeden von einem andern Glaubensbekenntniß nicht allein weit unter sich; sondern da es für sich als einen Rechtglaubigen auf Gottes Liebe und Schutz mehr Anspruch machen zu köünen, hingegen den auswärtigen Religionsverwandten dieser Liebe Gottes mehr unwürdig zu seyn, oder wol gar denselben als einen Anhänger des Teufels 7. — ten Gebräuchen versteckt ist, daß sie nun von vielen als eine altmodische Sache verworfen wird. 2.) Wenn zwar eine Menge von Gebräuchen und eingeführten Ceremonien, bei ihrer ersten Einsetzung ganz gut und löblich waren; aber nachher von den Gliedern der Kirche nach und nach entweder ganz verunstaltet wurden, oder gar für Theile des wesentlichen Gottesdienstes angesehen werden; und dadurch daß sie den Menschen von dem eigentlichen wahren Gottesdienst, nemlich Gott im Geist. und in der Warheit anzubeten, abwandten, für die Moralität mehr Schaden als Nutzen stifteten. Lehterer Fall fand sich bei den Pharisäern, und wurde vom Heyland ernstlich gerüget. 142 Teufels betrachten zu müssen glaubt, so ist es ganz natürlich, daß es solchen als einen Anhänger des Feindes seines Herrn betrachtet, und wo nicht offenbar gegen ihn zu freiten, dennoch gänzlich ihn meiden zu müssen glaubt; eben wie der blinde Pöbel von zweyen verschiedenen in Streit begriffenen Regenten, wenn sie von ohngefehr zusammen kommen, sich miteinander zancken und schlagen zu müssen glaubt, wenn jeder von ihnen als ein getreuer Unterthan seines Herrn angesehen werden soll. Aus diesem und dem in den vorigen Abschnitten gesagten siehet man nun, daß dergleichen Denkungsart und Handlungsweise nur allein von dergleichen Menschen erwartet werden könne, welche an den äusserlichen Kirchengebräuchen und Ceremonien mehr hangen, als an dem wesentlichen Gottesdienst und der Liebe des Nächsten. Daraus folgt auch ganz natürlich der richtige Schluß, daß diejenige Religion die größte Anzahl intoleranter Mitglieder aufzuzeigen habe, wobei der größte Werth in den äusseren Gebräuchen gesetzet wird. Da es aber platterdings nothwendig ist, daß die Grundwarheiten der Religion immer durch eine gewisse Einkleidung dem Menschen nicht allein begreiflich, sondern auch annehmlich gemachet werden (§. 7.) und nicht zu leugnen ist, daß es unter jeden Religionsverwandten solche giebt, welche sich mehr oder weniger, ja selbst blos allein an das Aeusserliche hangen, so siehet man leicht, daß es unter allen, intole ante Mitglieder geben müsse. Die Erfahrung bestätiget dieses auch zur Genüge. Nur wird freilich die Anzahl letzterer in einer Religionsabtheilung für der andern häufiger seyn, nach 148 nachdem die äussere Form des Gottesdienstes und die damit verbundene und angenommene Lehrsätze, die Erzeugung einer oder der andern, im folgenden Absatz anzuführenden Hauptquellen der Intoleranz begünstigen. . §. 29. Die eigentlichen Hauptquellen der Intoleranz sind dreifach. 1.) Unwissenheit, und Mangel an Unterricht des wesentlichen Gottesdienstes, und der christlichen Moral. 2.) Stolz 3.) Eigennutz: in diesem letztern Fall ist die Intoleranz aber nur anscheinend, indem die Religion nur blos zum Deckmantel dient. §. 30. Aus Unwissenheit entstehet die Intoleranz gar leicht auf die im § 28. beschriebene Weise. Es glaubt alsdenn jeder für seinen besondern König fechten zu müssen, obzwar sie im Grunde alle für einen fechten. Der Heiland selbst sagte seinen Jüngern, die sich doch ohne den mindesten irrdischen Eigennutz, blos allein der Ausbreitung des Evangeliums, und Unterricht der Menschen widmeten, zuvor: daß man sie auf alle Art verfolgen, ja sie tödten würde. Er setzt ausdrücklich hinzu, man würde glauben, Gott einen Dienst dadurch zu erweisen; mithin würde es zwar als eine der höheren Pflichten angesehen werden, aber doch aus Unwissenheit geschehen. Sie würden, wie der Apostel sagt, um Gott eifern, Der aber mit Unverstand. 149 Der Grund dieser Unwissenheit kan nun entweder im Menschen selbst, oder in dem von den Geistlichen ihnen ertheiltem Unterricht liegen; und bei letzteren liegt die Quelle davon entweder in ihrem zu sehr begränztem und durch Vorurtheile benebeltem Verstande; oder in der mangelhaften Einkleidung ihrer Religion selbst, die, wenn schon einige derselben solche einsehen, selbige doch wegen Furcht für zeitlichem Mangel nicht rügen dürfen. Ich habe schon (§. 28.) gesehen, daß so bald der Mensch anfänget in die äussere Einkleidung der Religion grössern Werth zu setzen, als in den eigentlichen Kern derselben, er nothwendig nach und nach alle diejenigen, welche nicht in ihrem Gottesdienst die nemlichen Ceremonien beobachten, für von Gott entfremdete heillose Menschen ansehen, mithin die Liebe zu selbigen verlieren müsse. Und eben dies ist die reichste Quelle der Intoleranz bei dem Layen sowol als dem Geistlichen selbst: obwol bei letzteren der Stolz und Eigennutz eine nicht minder ergiebige Quelle ausliefern, wovon hernach. Nun ist aber sehr natürlich, daß so bald der Lehrer, der Gemeine dergleichen kurzsichtige und dem wahren Endzweck der Religion und Erschaffung gerade entgegengesetzte Grundsätze heget, diese alsdann nothwendiger Weise unter seinen Zubörern nach und nach algemein werden müssen. Die Erfahrung liefert davon in einzelnen Gegenden viele traurige Beispiele, und die um so trauriger sind, weil nachher so viele Zeit und nicht selten das Aussterben aller derer, so diese Lehre eingeſogen 150 sogen hatten, erfodert wird, um einer solchen Gemeine wieder algemeine friedsame Gesinnungen einzuflössen. Denn der Mensch hängt sich an das Aenssere, und klebt daran; hieraus entstehen Vorurtheile, die er oft in seinem ganzen Leben nicht mehr ablegen kan. Ist aber nun die Einkleidung der Religion selbst so beschaffen, daß sie zu diesem schädlichen und irrigen Schluß den Menschen leicht führet, so ist das Uebel um so schlimmer in seinen Folgen, da es algemeiner ist; und um so schwerer zu heben, weil der Mensch auf desto grössere und oft ihm als unfehlbar anscheinende Autoritäten sich gründet. Alsdenn entstehet die vorhin bemeldte ganz offenbare Verfolgung, wovon Christus sagt; man wird meinen: man thäte Gott einen Dienst daran. (a) Und worüber Paulus sich ausdrückt (b). Sie eifern um Gott, aber mit Unverstand. Dieses muß daher aus jeder Religions Einkleidung (*) um so leichter und so mehr folgen, je mehr erstlich: selbige den Menschen glauben macht, nur allein in seiner Religion könne man seelig werden, und müßten daher alle ausser derselben nach diesem Leben unglücklich und von Gottes (a) Evang. Johann, 16. v. 2. (b) Br. g. d. Römer 10. v. 2. . (*) Niemand muß sich hier über diesen Ausdruck ärgern; ich habe oben gezeigt F. 6. 7. was ich darunter verstehe, nemlich die eigentliche Form, in welcher die Grundsätze der Religion und christlichen Moral den Menschen vorgelegt und annehmlich gemacht werden sollen. 151 Gottes Gemeinschaft entfernt leben; das ist, nach dem gemeinen Ausdruck, in die Hölle geworfen werden. Zweitens, Je mehr der Mensch durch die ihm gegebene Vorschriften verleitet wird einen reellen Werth in die äusserliche gottesdienstliche Handlungen zu setzen; und zu glauben, daß Gott durch selbige würklich geehret, und durch derselben Unterlassung würklich beleidiget werden könne. Drittens: oder wenn wol gar gelehret wird, daß der Mensch durch seine blos natürlichen Kräfte, auf diese oder jene Weise die Seeligkeit verdienen; das ist, selbige durch etwas Gotte abverdienen, oder noch wol gar für andere etwas mit verdienen könne. Dieser Gedanken führet unmittelbar nicht allein zu irrigen Gedanken von Gott, sondern zur offenbaren Intoleranz. Denn wie kan Gott dem Menschen, der doch nichts weder im Physischen noch Moralischen hat, als was ihm Gott gegeben, etwas schuldig seyn, oder werden? Paulus wirft dieses den Korinthern, die in ihrem vermeintlichen Verdienst, einen gewissen Werth zu setzen anfiengen vor: und zeigt ihnen ihren Ungrund in folgenden Worten: (n) “Denn wer hat dich vorgezogen? Was hast du aber, das du nicht empfangen hast? So du es aber empfangen hast: was rühmest du dich denn, als der es nicht empfangen hätte?, Wie schrecklich sind die Folgen dieses Gedankens, wenn er einmal beim Menschen aufgestiegen: Je mehrere und grössere Güter der Mensch besitzet, desto leichter und geschwinder wird der in jedem Herzen liegender Hang zum Stolz entwickelt (a) 1. Br. a. d. Cor. 4. v. 7 152 ckelt. Da nun aber ein Verdienst, oder welches gleich viel ist, ein Capital, so man bey Gott ausstehen hätte, ein Gut wäre, dem platterdings auch die ganze vergängliche Welt nicht gleichgesetzet werden könnte, so siehet ein jeder, wie leicht Stolz hieraus entspringen müsse; und daß um so viel mehr, wenn man noch überdem für andere auch so etwas verdienen könne. Wie muß sich dieser Stolz nicht immer mehr und mehr entwickeln, nach und nach Ueberhebung über andere, Geringschätzung, Verachtung, Haß und zuletzt Verfolgung nach sich ziehen? Denn so bald jemand einmal in einem sündlichen Hang den ersten Punkt überschritten hat, dann ist der zweite schon nahe; und nach dem folgt der dritte u. s. w. indem der Mensch nun nach und nach die zarte Empfindung, (Delicateſſe) dieſen erſten innern Wächter verlieret. Wie schädlich sind nun nicht die Folgen davon, und wie streitend mit dem Glück des Menschen und der Lehre Christi? Denn so lange wir auf einer physischen Welt leben, kan die physische Beziehung, die ein Mensch auf den andern hat, durch keine moralische Umstände, so lange nemlich dadurch das Wohl des Ganzen so wol als eines einzelnen Mitgliedes nicht zerrüttet wird, aufgehoben werden. Dies ist es, was der größte Philosoph unter den Aposteln, Paulus im zweiten Brief an die Thessalonicher im 3ten Cap. dem 15ten Vers sagt, und selbige, da verschiedene unter ihnen die reine Lehre verlassen hatten, ausdrücklich ermahnet, sie solten doch immer die abweichenden als Brüder ansehen. Nun 133 Nun weiß ein jeder, welche Gesinnungen im Physischen und Moralischen, jeder Bruder gegen den andern haben sol. Doch man braucht gewiß keinen grössern Beweis und Autorität gegen die toleranz als wie die Parabel vom barmherzigen Samariter ausliefert. Dieser goß nemlich Oel und Wein in die Wunden eines Juden; er nahm ihn auf sein Thier, ließ ihn genesen und suchte das physische Elend desselben zu heben, so viel seine Kräfte nur vermögten. Obzwar nun die Samariter und Juden, wegen ihrer verschiedenen Religionsgebräuche nicht allein in der allergrößten Feindschaft lebten, sondern platterdings keine Gemeinschaft mit einander zufolge den Befehlen der Geistlichkeit haben durften, versuchte dennoch der Samariter nicht einen Proselyten aus ihm zu machen, sondern er fieng gleich an ihn, den Juden, den Feind seiner Religion, den Verfolger seiner Religionsverwandten als seinen Bruder zu behandeln. Dessen physisches Elend zu mindern, ja völlig zu heben, war die dringendste, erste Pflicht so er fühlte; und als er darin das seinige gethan hatte, war er ruhig und setzte seine Reise weiter fort. Der unter dem Bilde des Samariters lehrende Jesus, sagt nun ausdrücklich: (a) so gehe hin und thue desgleichen. Es ist also platterdings keine einzige Ausflucht für einen intoleranten übrig, und noch weniger unter den Anhängern der Lehre Christi. §. 31. Der Stolz kan entweder die Intoleranz, so aus Unwissenheit entsprungen, vermehren, (a) Evangel. Lucas 10 v. 37. 154 ren, wie ich schon im vorigen Absatz gezeiget habe; oder er kan auch eine Urquelle derselben beym Layen, aber doch noch eher beym Geistlichen seyn. Es kan schon jeder Mensch in jeder Religion, wenn er einen merklichen Hang zum Stolz hat, und dabei bei der Schaale, der Hülle der Religion mehrentheils stehen geblieben ist, gegen seinen eigenen Religionsverwandten intolerant werden, wenn er sich selbst heiliger und des Himmelreiches würdiger glaubt, als sein Nächster. Ist er hiezu gegen seinen Religionsverwandten aber fähig, wie viel mehr wird seine Jutoleranz dann gegen Auswärtige steigen? So entstehet auch leicht eine Art Intoleranz bei Leuten, welche eine gewisse Grösse erhalten haben; die es dann für eine Beleidigung ihrer Größe ansehen, wenn andere Menschen nicht das nemliche glauben, oder die nemliche äusserliche Ceremonien mitmachen, als sie. Der bis zur Narrheit stolze König Nebucaduezar ließ, hiedurch getrieben, den barbarischen Befehl ausgehen, daß wer in seinen Landen nicht für das auf seinen Befehl verfertigte Bild niederfallen und selbiges anbeten würde, in einen glühenden Ofen geworfen werden solte. — Am allermehresten zeigt sich aber diese Quelle der Intoleranz bey den Geistlichen. Es ist nemlich nicht zu leugnen, daß unter jedem Volk und jedem Stande gute und böse angetroffen werden: mithin ist kein Wunder, daß unter den Geistlichen auch mehrmalen solche angetroffen werden, deren Herz ohngeachtet ihrer täglichen Religionsbeschäftigungen, doch so kalt für das wesentliche der Religion bleibt, nemlich Gott 155 Gott als den algemeinen gütigen Vater, und alle Mitmenschen als Brüder zu erkennen und dem zufolge gegen sie zu handeln, daß sie vielmehr von ihren sinnlichen Leidenschaften sich regieren lassen. Diejenigen Geistlichen, welche vom Stolz sich treiben lassen, werden nun natürlicher Weise am ehesten und am färksten ihren Hang zur Intoleranz ausbrechen lassen, welche Erstlich, diejenige Religion lehren, welcher Einkleidung schon unmittelbar mehr zur Intoleranz führet, (§. 30. 31.) oder 2tens je grösser diese Einkleidung ihrer Religion sie bey ihren Gemeinsgliedern macht, und ihnen ein desto größres Gewicht bey letzteren giebt; oder wol gar das Glück der Gemeinsglieder, ihre zeitliche Zufriedenheit, ja selbst die Bestimmung der Bemühungen, welche sie anwenden müssen um in den Himmel zu kommen, ihnen überlässet. Nichts ist im Stand beym Geistlichen eher Stolz und Inteleranz hervorzubringen, als diese Idee. Und hat der stolze Geistliche endlich auch durch Schwäche derjenigen, so am Regierungsruder sitzen, Einfluß in die Betreibung der politischen Geschäfte erhalten, dann siehet man gar leicht wes Geistes Kind er seye. Kan er es nun so weit hiedurch bringen, daß er solchen in den Grundwarheiten der Religion ganz unwissenden Regierern des Staats ſo viel Intoleranz einflösset, daß selbige letzterm Triebe, das Wohl des Staats und der einzelnen Perſonen aufopfern zu müssen sich verpflichtet halten, dann entstehen die Inquisitionsgerichte und prächtigsten Auto da 156 se, bey welchen jedem wahren Christen und Menschenfreund das Blut in den Adern erstarret; wobei hingegen der stolze Geistliche sich ganze Königreiche zu Füssen leget, und sich freuet. Es wäre sehr überflüßig die Warheit dieser Sätze aus Geschichten beweisen zu wollen. Ich wende mich derohalben von diesem kitzlichen Artickel zur letzten Quelle, dem Eigennutz. §. 32. Der Eigennutz bringt Intoleranz hervor; entweder aus einer groben Begierde anderer Güter an sich zu bringen; oder wenn man sich die Herrschaft über andere Menschen erwerben will. Im ersten Fall ist es Intoleranz aus Geitz; im andern Intoleranz aus Politick; wobey zwar immer auf derselben Einkommen die dem Plane angemessene Rücksicht genommen wird. Der Silberschmidt Demetrius erregte zu Ephesus einen Tumult gegen den wohlthätigen Lehrer den Paulus, und wolte ihn zum Tode verurtheilt wissen, weil er die Leute vom Dienst der vermeintlich grossen Diana von Ephesus abwendig machte. Seine Triebfedern waren aber, wie bekannt ist, blos allein sein Eigennutz. Wenn daher viele Künstler von Verfertigung dergleichen Sachen, so zum äussern Gottesdienst gehören, leben müssen, dann ist es ganz natürlich, daß selbige gegen andere Religionsverwandte, fürnemlich wenn letztere einen simplificirtern und nicht so viel in äusseren Handlungen bestehenden Gottesdienst haben, intolerant seyn, und selbige, als ihre Nahrungsverderber wegzuschaffen sich bemühen müssen. Eben 157 Eben so kan auch bey den Geistlichen ein gröberer Eigennutz Jutoleranz hervorbringen, wenn sie gerne die Güter der auswärtigen Religionsverwandten sich zuwenden wolten. Ein feinerer, aber desto schändlicherer Eigennutz ist es, wenn die Geistlichen zur Aufrechthaltung ihres Systems, alles verdrängen, was Licht verbreiten, mithin die Menschen zum ursprünglichen christlichen Gottesdienst, nemlich Gott im Geist und in der Warheit zu dienen ꝛc. näher bringen könnte. Dieses ist schon Intoleranz aus Politick. Die eigentliche Intoleranz aus Politick iſt aber wol diese, wo ein oder mehrere Geistlichen, mittels der von ihnen zum Theil, oder ganz abhangenden Ceremonien, Einfluß in die politische Einrichtungen der Staaten zu erhalten trachten. Natürlicher Weise stehen dergleichen Aussichten allen Gebräuchen der anderen Religionsverwandten entgegen; mithin erfodert die Politick, die Klugheit zu dem vorgesetzten Endzweck zu gelangen, diese Hindernisse entweder unthätig zu machen, oder wol gänzlich aus dem Wege zu räumen. Je mächtiger dergleichen Geistlichen nun sind, desto kräftigere und unterdrückendere Mittel können und werden sie dazu gebrauchen. Und ist ihre Einrichtung einmal so, daß sie sich unter sich immer mehr und mehr subordiniret sind, ohne von dem weltlichen Regiment abzuhangen, und diese Subordination sich zuletzt auf einzelne oder wenige Personen, die das Ganze regieren, beschränket; so siehet ein jeder, daß natürlicher Weise 158 Weise dabei Despotismus unausbleiblich, mithin desselben Gutes und Böses zu befahren seyn wird. Es kan endlich Intoleranz aus verschiedenen mangelhaften politischen Einrichtungen des Staats entstehen. Je lahmer nemlich die Ressorts der politischen Regierung eines Landes werden, desto mehr folgt der Pöbel seinem Hang; oder dem Triebe welcher ihm von denen gegeben wird, auf welche er sein gröstes Zutrauen setzet. Wie oft ist dieser Satz in der Politick nicht ange vendet, und wie viele Regierungsformen sind nicht dadurch umgeworfen worden? Mehrentheils wird in diesem Fal die Religion zum Deckmantel genommen, weil diese am leichtesten zu einer algemeinen Unzubestifterin unter dem einfältigen Pöbel, der in der äussern Einrichtung seiner Religion den grösten, ja einzigen Werth setzet, gerichtet werden kan. Der Pöbel läßt sich nemlich leich aufwiegelen, wenn man ihm einigemal vorspricht: Die Vorsteher des Staats unterstützten die herrschende Religion nicht mehr; oder wolten gar eine andere einführen; die Geistlichen würden behindert ihr Amt zu verrichten 2c. Der Pöbe erregt sodann Aufruhr, und ein Theil desselben glaubt in seinem Gewissen verpflichtet zu seyn Gott zu vertheidigen; der grosse Theil rottet sich aber alsdann mehrentheils hinzu, um bei den erregten Unruhen, ihrem bösen Hange, allerlei Gewaltthätigkeiten ungestraft ausüben zu können, ein Genüge zu leisten. Der Aufruhr fängt sodann mit einer Verfolgung fremder Religionsverwandten an, und endiget sich nicht selten mit dem Ruin des Staats. Ein lebhaftes Exempel ähnlicher 159 ähnlicher Intoleranz ist der vorigjährige Aufruhr in London; wo, bei Gelegenheit daß die Nation sich in zwei Theile getrennet, sich mirhin den inneren Unruhen blos gestellet hatte, der ruhmsüchtige Gordon unter dem Vorwande seine Religion beschützen zu müssen, (ich weiß von guter Hand, daß er bis dahin keine einzige für die seinige öffentlich anerkannt hatte) durch Aufwiegelung des Volks den Rahm erjagen wolte, daß er dem Parlament Gesetze vorgeschrieben hätte. Zum Glück der Nation aber wurde der Aufruhr noch bei Zeiten gestillet, obschon die bei diesem Aufruhr verübten Excesse gegen die katholische Kirchen, der Nation immer zur Schande gereichen werden. §. 33. Es erhellet also glaube ich hinreichend, daß die Intoleranz, weder mit der christlichen Religion, noch mit der philosophischen Moral, noch auch dem physischen Glücke des Menschen, so wol jedes einzelnen besonders, oder sie zusammen im Staate betrachtet, bestehen könne. Wahr iſt es aber, daß ſelbige, beym Zuſammenhange der Dinge und unvermeidlichem Ausarten der Denkungsart und Handlungsweise der Menschen, nicht wol verhütet werden kan: indem an der einen Seite die Religion immer einer sichern äussern Einkleidung bedarf, hingegen letztere nach und nach durch theils gute, theils böse Absichten immer verunstaltet und gar für das Wesentliche ſehr oft gehalten wird; woraus dann natürlicher Weise bei einfältigen oder nicht gnug unterrichteten die Intoleranz nothwendig entstehen muß, indem die Menschen nun alle diejenigen unter 160 unter sich heruntersetzen, die nicht die nemlichen Ceremonien mit ihnen beobachten. Der göttliche Stifter der christlichen Religion reducirte, zufolge der Geschichterzehlungen aller Evangelisten, den ceremoniellen Dienst auf zwey Sachen, nemlich die Taufe und das Abendmal. Diese von Gott selbst gestiftete feyerlichste Handlungen dürfen nun allerdings von keinem Menschen, unter welchem Vorwand es auch wolle, abgeändert oder unterlassen werden; denn beyde sollen dazu dienen, den Menschen mit Gott und unter einander näher zu verbinden; ersterm mehr fühlen zu machen, wie sehr sein ganzes Glück von letzterm abhienge; und wie gern Gott dahingegen den Menschen glücklich machen wolle; wobey dann immer der zum Fortschreiten des Menschen in seinem reellen Glück unumgänglich nothwendiger Satz immer der Grundsatz blieb: man müsse nemlich Gott im Geist und in der Warheit dienen, und zwarn wie an einem andern Ort gesagt wird, aus der Ursache, weil Gott ein Geist ist. Keine äussere Ceremonie kan also etwas reelles seyn, sondern selbige muß nur als eine Beyhülfe für die menschliche Schwachheit angesehen werden; damit sie abgehalten werden mögen um nicht durch überwiegende Sinnlichkeit ihren Schöpfer ausser Acht zu lassen, und alsdenn durch stetes Zunehmen der Sinnlichkeit ihr eignes zeitliches und ewiges Unglück unvermeidlich zu machen. (*) Ueberhaupt ist es wol ausgemacht, daß (*) Als der Prophet Elias den Kindern Israels die Nichtigkeit des Götzendienstes, welchen sie dem Baal leisteten, 161 daß jeder Gottesdienst das physische und moralische Glück der Menschen zum Ziel haben muß; denn, Gottes Herrlichkeit kan in nichts durch einen Menschendienst vermehret werden. Gott will, daß alle Menschen seelig, glücklich seyn sollen: sie sollen sich vervolkommnen durch Liebe gegen Gott und untereinander. Religion giebt also dem Menschen nichts anders, als die Erkenntniß der Mittel zu solcher Glückseeligkeit zu gelangen. Dies hatte Christus überal wo er das Volk lehrete vor Augen; er ließ keine Gelegenheit vorbeigehen ihnen die Warheit davon recht fühlbar zu machen. Wer von dieser Seite die Religion betrachtet und sich aller unnützen Menschensatzungen, die nicht zu dem sanften Joch Christi gehören, entschlägt, der kan wol nicht anders, dann Gott als seinen größten Wohlthäter aus ganzem Herzen, aus allem Gemüth, und aus allen Kräften aufs aufrichtigste lieben. Dies nebst der Liebe des Nächsten ist es und keine reelle Dankerstattung, welche Gott vom Menschen ten, zeigen wolte: schlug er ihnen vor, daß er und die Propheten Baals jeder ein Opfer machen wolten; und welchen von ihnen der Herr, durch Zeichen des Feuers erhören würde, der solte als wahrer Prophet angesehen werden. Die Propheten Baals riefen ihren Gott an vom Morgen bis an den Mittag, sie riessen laut — sie hinkten um den Altar — sie ritzeten sich mit Messern und pfriemen bis aufs Blut - aber sie wurden nicht erhöret. Elias wuſte nun daß alles dieſes beim wahren Gottesdienst ganz unnütz seye: er bat nur einige wenige Worte zu Gott, ohne einige äussere Ceremonie dabei zu beobachten; und Gott erhörete ihn unmittelbar; gleichwie man solches weitläuftig lesen kan im 1ten Buch der Königen im 18ten Hauptst. 162 schen dafür fodert, daß er ihn erschaffen, ihn einer ewigen Glückseeligkeit fähig gemachet hat. Er sei nur allein sich an ihn ganz übergeben, alles nemlich von ihm als einem gütigen, alweisen Vater erwarten; und sicher, ohne Zweifel dabey zu begea, glauben, daß ser es gewis mit allen, welche dergestalt auf ihn hoffen, und dem ihnen ertheiltem Licht (2) getreu bleiben, wohl machen; sie zu der Volkommenheit werde steigen lassen, welcher sie fähig waren. Wie entfernt ist dies alles von Intoleranz! §. 34. Es entstehet daher nun die äusserst wichtige Frage, auf welche Weise wird Intoleranz verhütet? Die Beantwortung dieser Frage würde aber eine weitläuftigere Abhandlung erfodern, als diese ist; und kan ich aus vielen Ursachen nicht hier herein gehen. Nur muß ich hiebey den Leser auf §. 11. zurückweisen, wo ich zeigte, wie man verfahren müsse, wenn man die Nothwendigkeit, dem Gottesdienst eine andere äussere *) Hier duf der Mensch sich aber ja nicht beruhigen, nach dem Lichte, welches er würklich hatte, gehandelt zu haben: sondern es ist hier die Hauptfrage, ob er jede Gelegenheit, wo er ein größres Licht erhalten konnte, wol benutzet habe. Hiernach muß der Mensch sich in allen sinnlichen und geistlichen Vorfällen genau untersuchen. Kein Weg ist sicherer zur Erkenntniß der Warheit zu gelangen, als eben dieser, da er die Lehrbegierde stets bis aufs äusserste reitzet. Und welchem Menschen, der diese Untersuchung mit sich getreu anstellet, ob er sein Licht nach allen Kräften zu vermehren getrachtet habe, kan noch wol ein Begrif von Stolz, eigner Größe und Verdienst beibleiben? Ein jeder wird finden, daß er des Ruhms mangle, den er vor Gott haben solte. 163 äussere Form, um der Schwachheit der Menschen zu Hülse zu kommen, und sie ihrem Glücke näher zu bringen, geben zu müssen, eingesehen. Dies gilt im Algemeinen. Im Besondern könnte vielleicht mancher Lehrer, in seiner ihm anvertrauten Gemeinde bey manchem Menſchen das unnütze ja mehrentheils schädliche Hangen aus äussere der Religion verhüten, wenn er das gleichförmige im Gottesdienst öfters nach den Umständen klüglich abänderte. Daß sich dieses vielfältig thun lässet, und daß solches bey manchem Menschen neuen Trieb erwecket, ist leicht aus Gründen zu erweisen, und der Erfahrung volkommen gemäß. Nur freylich ist es leider gar zu wahr, daß unter den Geistlichen in allen Religionen, es solche Leute geben, denen es an der andern Seite an Einsicht und Klugheit, und noch anderen an gutem Willen gar zu sehr fehlet, daß man ihnen die Einrichtung und Abänderung hievon nach Willühr zu treffen überlassen dürfte. Manche mögten vielleicht gar bald sich und alle ihre Gemeinsglieder von allem äusserlichen Gottesdienst dispensiren, und auf solche Weise durch Einführung der Unwissenheit und Zügellosigkeit das Uebel viel ärger machen. Aber immer bleibt es auch wahr, der Mißbrauch hebt nicht den Gebrauch. Wie daher dies einzurichten wäre, ist die Sache der Kirchenräthe. Jedoch auch diesen wünsche ich, so wie allen Menschen stäte Toleranz, (*) und wahres Gefühl des eigentlichen End(⁴) Der grosse Apostel Paulus der das Herz der Menschen so sehr durchstudiret hatte, und die Fehler in welche die 164 Endzweckes der Religion, nemlich der zwei ganz unauflösbar verknüpften und in der Religion Jesu nie zu trennender Vorwürfe, das physische so wol als das moralische Glück aller Nebenmenschen nach allen Kräften zu befodern die Geistlichen leicht fallen konnten, sehr gut kanute; fand es daher nöthig, dieserhalb dem würdigsten Bi schofe, seinem Lehrling, ja Vusemfreund, dem Timotheus folgende Vorschrift zu geben, wie man solche lesen kan in seinem zweiten Brief an den Timotheus im 2ten Hauptst. dem 23. und 24. Vers. “Aber der thörichten und unnützen Fragen entschlage dich: denn du weist es daß „ sie nur Zank gebähren. Ein Diener des Herren sol “ aber nicht zänkisch seyn, sondern freundlich gegen jedermann; lehrhaftig; der die Bösen tragen kan mit Sanftmuth., Nicht allein gab er diese Erinnerung dem Timotheus; sondern er wiederholet dieselbe auch in seinem Briefe an Titum, (Cap. 3. v. 9.) der ebenmäßig ein vom Apostel angesetzter Bischof war. . . . . ( 16 5 w