118diese Sanftmuth und Verträglichkeit solte so weitgeben, daß man seinen Feinden an statt Böses,vielmehr Gutes thun solte; an statt ihnen wiederzu flachen, sie vielmehr regnen; und überhauptlieber etwas mehr von ihnen erdulden, als durchWidersetzlichkeit, sie zu noch grösserer Verfolgungreitzen. Dies ist der Sinn und Grund des Aus-spruchs des Heylandes über diesen Punkt. Nichtallein gehörete dieses nothwendig zu der seinstenPolitick, welche der göttliche Stifter dieser Lehrebrauchte, um dem Menschen seine Religion an-genehm zu machen; sondern dieser Befehl gründetsich überdem auf die allergeraueste Menschenkennt-niß. Liebe ist die stärkste Leidenschaft, sie ist stär-ker als der Tod. Der grausamste Tyrann wirdoft mitten in seiner schrecklichen und alles nie-derreissenden Wuth, durch eine ihm erwieseneGüte aufgehalten: es werden dadurch sanftere Em-pfindungen in ihm erreget; der Verstand gewinntZeit Gründe zu sammeln, die nach und nachseine Wuth besäuftigen, sein bartes Herz erwei-chen; genug, er fängt an das abscheuliche seinerLeidenschaft zu fühlen, und dies ist der ersteSchritt zur Besserung. Wird aber dahingegennicht jede Widersetzlichkeit, jede Bemühung dem-selben wiederum Schaden zuzufügen, nicht noth-wendig seine Grausamkeit immer höher steigenmachen? Wird nicht dadurch zu der Grausamkeit,zu der Lust zu schaden, sich noch Rachsucht hin-zugesellen, und letztere alsdenn jede Empfindungvon Menschlichkeit verdrängen; mithin jede Hof-nung den Menschen zu gewinnen, und selbst meh-rentheils einem noch weit grösse:m Schaden undVerdruß zu entgehen ganz vereitelt werden?Unter-
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Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
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118
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