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Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
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113Ausserdem lehret aber die Erfahrung, daß meh-rentheils physische Umstände, nemlich gemäch-licherer Lebensunterhalt, oder sonsten Vermehrungder zeitlichen Güter, oder Erreichung gewisserEhrenstellen, Befreyung von Haß und Verfol-gung ꝛc. erfodert werden, den Menſchen zumvölligen Entschluß zu bringen, eine andere Re-ligion öffentlich anzunehmen, und der seinigenauf gleiche Weise zu entsagen. Was kan mansich aber von einem Menschen versprechen, der ausirrdischen Absichten Zweifel gegen seine vonJugend an eingesogene Religion, und wäre esauch die allerschlechteste unter allen, bey sich zuerregen sucht, und zuletzt dabin kommt selbigefeyerlich abzuschwören. Ein Mensch, der ansniedrigem irrdischen Eigennutz, in der Vereh-rungsart, die er Gott, seinem von ihm nachseinem Licht erkannten höchsten Wohlthäter schul-dig zu seyn glaubte, Untreue begehet; oder wolgar selbige öffentlich mißbilliget, ohne die aller-festeste und allerreinste Ueberzeugung von der Rein-heit seiner Absichten gegen Gott und seine Seelewelche sich nach ihrem Gutdünken und blos natürlichenBegriffen die Religion Christi formten, und man unter-suche ob ihr Wandel ein aneinander hangendes Bestre-ben war; Gotte, durch ein unausgesetztes Bestrebendas Beste ihres Nebenmenschen zu befördern, zu dienen.Nicht selten findet man alsdann die größte pracktische Feh-ler, Schwärmereyen, Ausschweifungen, und wol garheimliche und offenbare Laster. Diejenige Religion mußdoch immer den Vorzug behalten, welche unsrer Seeledie reinste, die gegründeste Wonne einflößt, und aufskräftigste sie vor Herabsetzung zu niedrigen, ausschwei-fenden sinnlichen Handlungen warnet. Das thut unstreistig die Religion Chriſti.