110Nur muß kein Trieb Proselyten machen zu wol-len, sich blicken lassen.§. 20. Demohngeachtet bin ich aber dochüberzeugt, daß der vorhergehende Absatz manchemals sehr übereilt, ja unbarmherzig vorkommenwird. Man denkt nemlich, da das reelleste Glückdes Menſchen darin beſiehet, der Warheit naͤherzu kommen, so ist es immer eine der erstenPflichten gegen den Nebenmenschen, denselben derWarheit näher zu bringen und wenigstens uner-müdet hieran zu arbeiten. Allein, wie scheinbardieser Einwurf auch ist, eben so nichtsbedeutendist er; denn1.) Aus dem vorigen Absatz selbst erhellet,daß alle Menschen, denen eine Religion von ih-rer Jugend an eingepräget worden, ein so star-kes Vorurtheil gegen alle andere Religionen be-kommen haben, daß sie es für eine Art Beleidi-gung ansehen, wenn ein andrer ihnen den min-desten Zweifel an der Richtigkeit ihrer Religionauch nur blicken lässet. Man braucht auch nichtviel die Macht dieses Vorurtheils zu kennen, umsich zu überzeugen, daß zuweilen unter tausendenkaum einer werde gefunden werden, der mit völ-liger Kaltblütigkeit eine eigentliche Kontrovers ge-gen seine Religion lesen oder anhören kau. Ichstelle aber einmal, daß unter tausend Zuhörerneiner Kontrovers, einer übergeholet und ange-setzet würde seine Religion zu verlassen; so wirddoch der Schaden, so daraus nothwendig ent-springen, muß, viel grösser seyn: denn durch dieVorstellung der Kontrovers selbst, und das da-durch
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Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
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