90vielmehr selbige nach und nach, so bald er seineVorurtheile in etwa wird besiegen können, alsetwas volkommneres schätzen und Lust daran er-halten. Und überdem wer einmal wahre Got-tesliebe spüret, der wünschet, daß alle Menscheneben so glücklich seyn mögten. Alle Nebenabsich-ten fallen weg. Kein Neid, noch Collision kannsich seiner Seele mehr bemächtigen. Er liebetalle Menschen und zeigt ihnen solches in derThat. Ja bey dem Bewußtseyn des Friedensmit Gott, bleibt dem Menschen so zu sagen fastgar kein Wunsch mehr, als der der Communica-bilität, um nemlich andere sein Glück empfindenzu machen, und selbige dazu wo möglich zu ver-helfen.§. 14. Doch Dank sey es der Lehrmethodedes Heylandes, daß wir uns nicht sehr um einesolche Einkleidung ängstigen dürfen; selbige ist ineinem so allgemeinen Sinn der Receptivität allerMenschen dergestalt angemessen, daß niemand diedarinn gegebene Vorschriften, wie der Menschsich gegen Gott, sich selbst und seinen Neben-menschendienen sol muß dergestalt eingerichtet werden, daßder einfältige blos sinnliche Mensch nicht dahin ver-fallen könne, in diesen äusseren, seine Sinnen bele-ben sollenden Mitteln, einen Theil der Sache selbstzu suchen. Und so bald wie dieses beobachtet wird, kanman allerlei Musick bei dem Gottesdienst, geschnitzteBilder und Gemälder von erbauenden Geschichten in denKirchen haben. Ich glaube daher, daß man in verschie-denen protestantischen Kirchen hierin zu weit gegangen,und diese äusseren die Sinnen beleben sollenden Mittelmit viel zu grosser Strenge verworfen habe. Der Mißbrauch hebt ja nicht den Gebrauch.
Druckschrift
Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
Entstehung
Seite
90
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten