wahre Gottesdienst, nemlich Gott im Geist undin der Warheit anzubeten, auch nur noch kennt-lich geblieben seyn solte. Da die Geistlichen inder Einfalt und Unterdrückung lebten, setzten sie,in-Wehmuth mich erinnern, daß ich auch noch eine GegendTeutschlandes kenne, in welcher der gröste Theil der Ein-wohner glaubt, daß die fürchterlichsten Unglücker über siekommen würden, wenn sie nicht jährlich eine Proceßion,über einen gewissen hohen und langen Berg machen, undwo sie bei jeden drei Schritten so sie vorwärts gemachethaben, wieder einen zurücktreten; bei welcher Gelegenheitviele so dann mannichmal den ganzen Berg wieder rück-wärts herab rollen. — Welchen Begrif man sich endlichin den älteren Zeiten von Religion und sämmtlichen Wis-senschaften gemachet und solche zur Schande der Mensch-heit gemißbrauchet habe, erhellet aus der Anecdote,welche Bayle in seinem Dictionn. Hist. & crit. in dem Ar-tickel Brissot erzählet. Brissot war nemlich ein Arzt undbehauptete gegen einen sicheren Denys, daß man im Sei-tenstechen an der entgegengesetzten Seite zur Ader lassenmüße. Letzterer hatte die mehresten Anhänger. Obzwarnun die Universität zu Salamanka richterlich ausgespro-chen hatte, daß die Brissotsche Meinung vom Aderlassenbeim Seitenstechen, der hippokratischen und galenschenLehre gleichförmig seye; so appellirte die Deuysche Parthiedoch im Jahr 1529. an den Kayser Karl den 5ten, undmahlte die Brissotsche Meinung vom Aderlassen in ihrerVorstellung als gottloß und für die Menschen tödtlichnicht allein ab, sondern sagten, selbige verursachte inder Arzeneigelartheit ähnlichen Schaden, als die LehreLuthers in der Gottesgelartheit; wie sie dann auch dieAnhänger dieser Meinung in ihrer Bittschrift an denKaiser medicinische Lutherauer nannten. Und wenn nichtder Herzog von Savoyen Karl der dritte um eben dieseZeit am Seitenstechen gestorben wäre, obzwar er nach derDennschen und nicht nach der Brissotschen Lehre zur Abergelassen ware, hätte man nicht anders vermuthen können,oder der Kaiser hätte sich bewegen lassen die BriffotscheLehre zu verdammen. Jetzt wurde dieser Proceß aber alsunausgemacht bei Seite geleget. Quiescat in pace
Druckschrift
Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
Entstehung
Seite
85
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten