§. 9. Wenn wir der Geschichte der geoffen-barten Religion ohne Vorurtheil nachspüren, dannfinden wir, daß letzterer überal überzeugendeGründe beygefüget worden: und zwar sind dieseGründe von der Art, daß ihre Natur, die Me-thode mit welcher sie vorgetragen wurden undselbst ihre ganze Einkleidung nach dem Bedürfnißund der Empfänglichkeit derer eingerichtet waren,für welche Gott sie eigentlich gegeben hatte. Undals nachher der Sohn Gottes das von allen Men-schen leicht faßliche Religionssystem und die fürdie ganze gesammte Menschheit allerbeste Moralertheilte, seben wir doch, daß obgedachter göttli-cher Lehrer nicht allein viele Gründe gebrauchte,die nur allein bey den damaligen Juden nöthigwaren; sondern wir bemerken überdem, daß erein und die nemliche Lehre öfters unter ganz an-deren Einkleidungen und Sinnbildern dargestellethat. Er kannte nemlich die Receptivität seinerdamaligen Zuhörer so wol als derer, welche nach-her das von ihm verkündigte und gelehrte Reli-gionssystem lesen würden, und richtete es des-wegen dergestalt ein, daß jeder darinnen eine,seiner Receptivität angemessene Einkleidung derReligion antreffen; mithin für niemand zu be-fürchten seyn würde, daß man in dieser Quelledes Lebens letzteres vergeblich suchen möchte.Und sol der Mensch gründlich gebessert werden,und einen festen, vernünftigen Gottesdienst beob-achten, dann muß er nothwendig die Gründe da-von alsobald einsehen können. Kan er diesesnicht, dann ist sein Gottesdienst nur pur mecha-nisch, und hilft ihm zur moralischen Vervolkomm-nung
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Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
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81
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