Druckschrift 
Philosophische Betrachtungen eines Christen über Toleranz in Religion, zur Grundlage der Vereinigung sämmtlicher Religionen
Seite
76
Einzelbild herunterladen
 

lichen Religion, zu welchem Grad der Eutzwei-ung und allerlei Unheils ihre Schlüße Gelegen-heit gegeben haben, so bald Blindheit oder Lei-denschaftwol als er geschworen habe, mithin die seinige wahr,und die andere falsch seyn müsse.2. Es kan nicht fehlen, daß hiedurch ein grosserTheil der Geistlichen angesetzet werde, in dieser theoreti-schen Lehre oder äusseren Religionsform die sie beschwoh-ren haben einen reellen Werth zu setzen. Sie entfernensich nach und nach vom wesentlichen der Religion, vonder pracktischen Vervolkommnung und Glauben an Gott,wie solches ihre Predigten und Art des Amtseifers meh-rentheils an Tag legen; und auf solche Weise predigen sie,zuweilen unwissend Intoleranz, und säen Haß und Unei-nigkeit.3. Ueberzeugen sie sich nun nachher von der Unrich-tigkeit einer oder anderen Meinung die sie beschwohrenhatten, so dürfen sie solches nicht, wenn sie nicht gleichals völkommene Keher angesehen und ihres Amtes ent-setzet seyn wollen, blicken lassen. Entweder müssen siealsdenn und die ihrigen darben, oder gegen ihr Gewissenunrichtige Sätze lehren; und werden auf solche Weise dieallerschlechtesten Menschen, an statt daß sie Priester derWarheit ſeyn ſolten.4. Sie dürfen ihre Scrupeln oder Ueberzeugung indem Fal um so weniger blicken lassen, weil sie vorherwissen, daß diejenigen so ihre Person und Meinung beur-theilen werden wenigstens gewiß gegen letztere mit Vor-urtheilen eingenommen seyn werden. Zudem leidet es diePolitick und Ansehen einer solchen Geselschaft nicht, sodieses beurtheilen, unter ihren Sätzen einen als unrichtigerkannten zu verwerfen: oder, man befürchtet, wenn mandergleichen blicken liesse, daß dadurch das ganze Gebäudein Gefahr kommen möchte. Wie traurig ist dieses für dieMenschheit! Möchten doch alle diese auf solche schlechteGründe stehende Gebäude, auf welche die moralische Ver-kommnung der Menschen beruhen sol, auf einmal zusam-men stürzen; und sich hinführo alles allein auf den eini-gen